Nachdem seine Tochter in Rulantica verschwand, begann für den 41-Jährigen eine verzweifelte Suche. So erlebte er die Stunden – und so geht’s dem Mädchen heute.
Es war eine Szene, wie sie wohl regelmäßig vorkommt. Auf dem Weg vom Außen- in den Innenbereich des Spaßbads Rulantica entdeckt eine Sechsjährige einen Tattoo-Stand. „Meine Tochter wollte unbedingt ein Tattoo“, berichtete am Mittwoch vor dem Landgericht der Vater des Kindes.
Entgegen der ursprünglichen Planung sagte er im Missbrauchsprozess gegen den 31-Jährigen nun doch öffentlich aus und schilderte die Geschehnisse in Rulantica – vom Verschwinden seiner Tochter bis zum nächsten Tag.
Nachdem er zunächst mit ihr in der Schlange stand – es war gegen 19 Uhr am 9. August 2025 – ging er laut eigener Aussage kurz danach mit seiner Frau und der kleinen Tochter in einen nahegelegenen Pool. „Sechs, sieben Meter“ entfernt, in Sichtkontakt zur Tattoo-Schlange, so der 41-Jährige.
Der Vater kann seit dem Vorfall nicht mehr zur Arbeit gehen
Immer wieder haben er und die Mutter zu ihrer Tochter geblickt, „alle zwei, drei, vier Minuten“, so der Mann. Bis zu jener verhängnisvollen Minute. „Als wir wieder nach hinten schauten, war sie nicht mehr da“, erinnert sich der Vater. Er spricht mit fester Stimme – und dennoch merkt man an seiner Haltung, an seinen Bewegungen, wie sehr es ihn aufwühlt.
Zwölf Jahre lang habe er als Postbote gearbeitet, erzählt der Mann. Seit dem Vorfall im August könne er nicht mehr zu Arbeit gehen. „Zu viele Fragen im Kopf“, sagt er. Mittlerweile wurde er gekündigt.
Seit der Tat ist nichts mehr wie es war
Denn seit dem 9. August ist im Leben der Familie nichts mehr, wie es einmal war. Gegen 19.15 Uhr verschwand die damals Sechsjährige, um 20.21 Uhr verließ sie mit einem fremden Mann das Spaßbad. Draußen missbrauchte der Täter sie sexuell. Ein toxikologisches Gutachten hat außerdem bestätigt, dass sie Kokain im Blut hatte. Der Sachverständige stellte dieses Gutachten am Mittwoch vor.
30 Minuten nach dem Verschwinden erstmals mit Rulantica-Mitarbeitern gesprochen
Davon ahnte ihr Vater kurz nach ihrem Verschwinden noch nichts. Zunächst suchten er und seine Frau in Rulantica nach ihrer Tochter, „drinnen und draußen“. Ohne Erfolg, so dass er sich – eigenen Aussagen zufolge – rund 30 Minuten nach ihrem Verschwinden erstmals mit dem Bad-Personal in Rulantica in Verbindung setzte. Die erste Antwort laut seiner Aussage vor Gericht: Man solle in 30 Minuten wiederkommen, so der Vater.
Es sollte das erste von mehreren Gesprächen mit der Informationsstelle gewesen sein. Im Halbstundentakt wurde der Mann demnach beim Badepersonal vorstellig. Seinen Schilderungen zufolge reagierte die diensthabende Person zurückhaltend und fragte jeweils bei einer Person nach, ob das Kind aufgetaucht sei.
Eine Lautsprecherdurchsage sei ihm – und später auch der Mutter – jedoch verwehrt worden. „Nein, das darf ich nicht“, soll es geheißen haben. Und: „Sie ist ein Kind, sie ist am Spielen.“ So berichtet es der Vater und kann es heute noch nicht nachvollziehen.
Vater wirft Personal in Rulantica Desinteresse an der Suche vor
Die Vorwürfe gegen das Personal in Rulantica wurden bereits am Montag am Rande des Prozesses aufgeworfen, am Mittwoch bekräftigte der Vater diese: „Alle waren so uninteressiert.“ Und er glaubt: „Wenn sie eine Durchsage gemacht hätten, wäre es nicht so weit gekommen.“
Ebenfalls ein Kritikpunkt der Familie: Im Kassenbereich soll niemand von dem Verschwinden des Mädchens, das um 20.21 Uhr mit dem Mann nach draußen ging, gewusst haben. Der Europa-Park teilte auf Anfrage mit, dass man sich zu einem laufenden Gerichtsverfahren nicht äußern werde.
Erst kurz vor Mitternacht kommt die erlösende Nachricht
Gefunden wurde das Mädchen bekanntlich nach 22 Uhr in Kappel-Grafenhausen, zuvor soll der Angeklagte das Kind in ein Gebüsch geworfen haben und geflüchtet sein. In Rulantica, wo die Familie auch zu dieser Uhrzeit noch die Sechsjährige suchte, kam diese Nachricht jedoch zunächst nicht an. Erst später, den Erinnerungen des Vaters zufolge gegen 23.30 Uhr, soll er angesprochen worden sein: „Ihre Tochter wurde gefunden, Ihrer Tochter geht es gut.“ Was genau passiert war, erfuhr die Familie erst etwas später von der Polizei, die die ersten Befragungen in Rulantica aufnahm.
So geht es der Tochter heute
Bis heute leidet die Familie unter den Vorfall, nicht nur die Tochter befindet sich in psychologischer Betreuung. Sie könne nicht mehr alleine schlafen und sei „zu fremden Menschen seit dem Vorfall scheu“, berichtete er.
Der 31-jährige Angeklagte hat, wie berichtet, die Tat am Montag gestanden, der Aussage des Vaters folgte er am Mittwoch mit gesenktem Kopf und Blick nach unten.