Anita Furucz mit János Bóth, dem ehemaligen Bürgermeister von Vác, und seiner Frau (beide links) sowie mit Donaueschingens Ex-Oberbürgermeister Thorsten Frei (rechts). Foto: Anita Furucz/privat

Anita Furucz kam über die Städtepartnerschaft einst als Au-Pair nach Donaueschingen. Die Journalistin blickt bewegt auf das historische Wahlergebnis in Ungarn.

Anita Furucz in Vác wartet gespannt auf das Ergebnis, als am Abend des 12. April in Ungarn die Parlamentswahl ausgezählt wird. Schon vor vier Jahren habe sie gehofft, dass die Regierung abgewählt wird, erzählt sie. Die 45-jährige Ungarin ist Journalistin und Mutter eines achtjährigen Kindes.

 

Vor 25 Jahren kam sie über die Städtepartnerschaft mit Vác als Au-Pair das erste Mal nach Donaueschingen, bis heute leben Freunde sowie ihre Schwester in der Donauquellstadt. Was Furucz in diesen Tagen aus ihrer Heimat berichtet, ist geprägt von Emotionen – und einer historischen Zäsur.

Anita Furucz aus Vác heute. Die 45-Jährige arbeitet nebenberuflich als Journalistin und leitet eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung. Foto: Anita Furucz/privat

Nachdem die Abwahl von Viktor Orbán 2022 nicht gelang, habe sie sich nicht getraut, dieses Jahr an einen Erfolg der Opposition zu glauben. Umso größer war die Überraschung. „Das Ergebnis hat mich völlig überwältigt“, sagt die frühere Chefredakteurin der Zeitung Váci Napló. „Ich hätte nicht einmal im Traum gedacht, dass die Tisza-Partei so deutlich gewinnen würde.“

Furucz hebt vor allem die politische Entwicklung im Vorfeld der Wahl hervor. Immer mehr Menschen hätten den Mut gefunden, öffentlich über Missstände zu sprechen, erzählt sie. „Sie haben alle gezeigt, dass Orbán nichts mehr an der Spitze unseres Landes zu suchen hat.“

Anita Furucz bei ihrem Aufenthalt in Donaueschingen im Jahr 2005. Links ist der inzwischen verstorbene Herbert Bayer zu sehen, der sich in der Städtepartnerschaft engagierte. Foto: Anita Furucz/privat

Für sie persönlich habe ein konkretes Ereignis das Fass zum Überlaufen gebracht: die militärische Mission, die Orbáns Sohn im Tschad starten wollte. „Ungarn ist kein Spielplatz, auf dem der Sohn eines kleinen Königs tun kann, was er will“, betont die 45-Jährige.

Dass die Stimmung im Land kippen konnte, führt sie auf eine lange Entwicklung zurück. „Die Menschen konnten diese enorme Menge an Lügen, Feindbildern, Propaganda und Korruption nicht mehr ertragen.“ Gleichzeitig habe mit Péter Magyar eine neue Figur an großer Bedeutung gewonnen.

Seit 1993 unterhält Donaueschingen eine Städtepartnerschaft mit Vác in Ungarn. Die Stadt liegt nördlich von Budapest. Foto: Hannah Martin

Der 45-Jährige war selbst Anhänger Orbáns, bevor er vor zwei Jahren öffentlich mit ihm brach. Er habe es Furucz zufolge geschafft, zu einer glaubwürdigen Persönlichkeit zu werden. „Viele ehemalige Fidesz-Wähler haben sich hinter ihn gestellt.“

Wie sich die Lage im Land derzeit anfühlt, beschreibt Furucz eindrücklich: „Ungarn hat erneut einen Systemwechsel erlebt. Die Menschen haben diejenigen abgewählt, die 16 Jahre lang das Land ausgebeutet, sich bereichert und gelogen haben.“ Besonders die junge Generation habe zu diesem Wechsel beigetragen.

„Alle atmen auf“

Jetzt liege Erleichterung in der Luft. „Nach der Wahl konnte man spüren, wie alle aufatmen – als wäre ein Alptraum zu Ende gegangen.“

Vertreten gefühlt hat sich Furucz von der bisherigen Regierung nicht. „Im Gegenteil – ich habe mich in Deutschland geschämt, wenn ich auf Orbán angesprochen wurde.“ Als Journalistin habe sie vor allem die Medienentwicklung belastet. Sie habe weder ungarisches Radio gehört noch Fernsehen geschaut. „Was dort lief, war für mich unerträglich.“

Die ungarische Partnerstadt Vác. Hier ein Bild vom jährlichen Volksfest „Vàcer weltliche Lustbarkeit“. (Archivbild) Foto: Sándor Lajos

Für die Zukunft wünscht sich Furucz vor allem Normalität. „Ich möchte in einem Land leben, in dem ich über Politik sprechen kann, ohne Angst um meinen Job zu haben“, sagt sie. Sie spricht auch von konkreten Dingen: funktionierende Krankenhäuser, bessere Infrastruktur, Nachrichten ohne Propaganda. „Ich wünsche mir, dass die Geschichtsbücher meines Kindes nicht lügen. Und vor allem: ein friedliches Ungarn.“

Das Wahlergebnis

Zweidrittelmehrheit
Bei der Parlamentswahl am 12. April errang die bürgerliche Tisza-Partei von Oppositionsführer Péter Magyar 138 von 199 Mandaten und kam auf 53,2 Prozent der Stimmen. Das entspricht einer Zweidrittelmehrheit. Die Wahlbeteiligung lag bei 77,8 Prozent. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán wurde nach 16 Jahren an der Macht abgewählt.