Gemeinsam etwas bauen und gestalten steht bei der „Macher Kirche“ im Zentrum. Diakon Frieder Rühle hat sie ins Leben gerufen – mit und für junge Leute in Eimeldingen.
Nach dem Vorbild der „Real Life Guys“ auf Youtube hat Diakon Frieder Rühle in Eimeldingen die „Macher Kirche“ ins Leben gerufen. Ziel ist es, den Raum im Nebengebäude des Pfarrhauses als Werkstatt für und mit jungen Leuten einzurichten, die dort große oder kleine, kreative, verrückte oder nützliche Sachen bauen können. Ebenso wie die Truppe um Johannes Mickenberger im Internet, der nach dem Tod seines Zwillingsbruders Philipp im Juni 2021, das gemeinsame Projekt mit seinen Freunden weiterführt. Zuletzt haben sie eine dreistöckige Sauna mit Whirlpool auf dem Dach gebaut.
Und auch wenn in Eimeldingen nicht gleich so außergewöhnliche Dinge gebaut werden, so waren zum Start der „Macher Kirche“ Ende Februar viele junge Menschen im Pfarrhof zusammen gekommen, um zu sägen und zu schrauben, wie Frieder Rühle im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt. 25 junge Männer und Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren aus Eimeldingen und Umgebung hatten sich versammelt, um gemeinsam zu werkeln. An der Dreiländer-Realschule unterrichtet Rühle Religion. So schauten auch die Zehntklässler vorbei und ließen Akkuschrauber und Fräsen auf Hochtouren laufen, um Werkbänke für die neue Werkstatt zu bauen.
Jugendliche und junge Erwachsene aus dem „Club 22“, dem Eimeldinger Jugendraum im Gemeindehaus, von der politischen Gemeinde organisiert, waren stark vertreten und haben viel geholfen und Jüngere angeleitet . Hinzu kamen Kirchengemeinderäte und Mitarbeiter der Verwaltung, um die Aktion zu unterstützen.
Rühle ist es wichtig, dass der Raum im Nebengebäude in Eigenarbeit ausgebaut wird, gemeinsam mit den Jugendlichen. Denn sie sollen sich von Anfang an einbringen und mitgestalten. Auch Ideen, was gebaut wird, soll die Werkstatt-Gruppe gemeinsam erarbeiten. Dies könne Nützliches sein, für die Pfarrei oder die Bürger im Dorf, oder auch Kreatives und Verrücktes.
Die Werkstatt-Gruppe, die sich derzeit im Aufbau befindet, ist ein bewusst niederschwelliges Angebot, wie Rühle erklärt. Eines, das für ihn mehrere Dimensionen hat: eine soziale, eine handwerkliche, eine psychologische und eine christliche. Sein Ziel ist es, die Gemeinschaft im echten Leben – intensiv, persönlich und fernab von Bildschirmen zusammen zu bringen: „Es ist etwas anderes, ob ich mich zum Chillen mit Freunden treffe oder gemeinsam etwas erschaffe. Das ist eine andere Qualität von Gemeinschaft.“
Selbstwirksamkeit aufzeigen
Eine, in der Sozialkompetenzen gefördert werden können und die aufzeigt, dass man etwas geschafft hat, was wiederum die Selbstwirksamkeit aufzeige und den Selbstwert stärke. Diese psychologische Komponente habe auch damit zu tun, dass Jugendliche in der Gruppe ihre eigene Lebenswelt gestalten und erschaffen können. Die soziale Dimension beinhaltet für Rühle aber auch die Wirksamkeit nach außen mit der Fragestellung „Was können wir dem Dorf, den Nachbarn oder Bewohnern Gutes tun?“
Wie bei den Real Life Guys steht für ihn auch das Draußensein und Freizeit „im echten Leben“ im Mittelpunkt. Für Rühle selbst stellt sich bei seiner Arbeit auch immer wieder die Frage, wie Diakonie praktisch gelebt werden kann, wobei es für ihn das Handeln am Nächsten bedeute. Deshalb wolle er den Glauben nicht predigen, sondern leben. Zwar sei dieser für ihn eine weitere Dimension der Werkstatt-Arbeit, auch weil Jesus ein Handwerker gewesen sei, doch mit missionieren habe das nichts zu tun.: „Bei mir kann jeder kommen und wieder gehen, wie er ist.“
Bekehren wolle er niemanden zum Glauben. Mit den Jugendlichen darüber zu sprechen, wünscht sich Rühle aber durchaus. Auch deshalb sucht er immer wieder Formate in Verbindung mit dem Glauben, wie zuletzt die Jugendwoche „True Story“ in Zusammenarbeit mit der Y-Church, der ehemaligen Johanneskirche in Weil am Rhein. Die Gemeinde wurde dafür zum Jugendhaus umgebaut: Mit Sofas, Kicker, X-Box, Bistro und Bar, abends war ein Referent auf der Bühne, um etwas über die Bibel und Jesus zu erzählen.
Strukturen der Jugendarbeit haben sich verändert
Der 27-Jährige lebt und arbeitet mit seiner Ehefrau Kathrin im Pfarrhaus in Eimeldingen, die ebenso Diakonin ist. Rühle selbst stammt aus dem südlichen Landkreis Karlsruhe und kennt die kirchliche Jugendarbeit aus seinen Zeiten beim Christlichen Verein junger Menschen (CVJM). Das heißt, er kennt Jugendfreizeiten, Geländespiele, Gruppenstunden, Zeltlager und Angebote für Jugendliche aus eigener Erfahrung. Als Diakon steht er nun aber vor der Herausforderung, dass seine Zielgruppe zwischen 13 und 18 Jahren diese Formate zwar noch kennt und annimmt, doch die Strukturen der Jugendarbeit sich verändert hätten: Ehrenamtliche seien aus ihnen herausgewachsen, irgendwann sei ihnen niemand mehr nachgefolgt.
Ehrenamtliche für Fahrt zum Macher-Festival gesucht
Deshalb sucht Rühle für seine Jugendarbeit immer wieder ehrenamtliche Helfer und Betreuer. Die Aktion Ende Februar habe ihm aber auch gezeigt, dass es funktionieren könne. Eine weitere Idee sei eine Fahrt der Werkstatt-Gruppe zum Macher-Festival (6. bis 9. August) auf dem Gelände der Ferropolis bei Gräfenhainichen nahe Leipzig.
Im Internet wird es als das größte Do-it-Yourself und Handwerker-Festival Deutschlands beworben. Im August 2024 hatte es Johannes Mickenbecker von den „Real Life Guys“ ins Leben gerufen, im Vorjahr habe das dortige Community-Projekt zwei Weltrekorde gebrochen: 500 Teilnehmer hatten gemeinsam eine 350 Meter lange Holzachterbahn gebaut.