Wenn wir singen, atmen wir intensiver und fühlen uns belebt. Foto: Robert Günther

Droge ohne Nebenwirkungen: Was die Macht der Musik bewirkt

Singen, Musizieren, Konzerte besuchen: Die positive Wirkung der Klänge ist enorm. Warum es sich lohnt, sich öfters der Musik zuzuwenden.
Heute schon gesungen? Nein? Dann einfach mal loslegen. Was so banal klingt, kann eine tolle Wirkung haben. Es kann innere Anspannungen lösen – und noch viel mehr.
"Singen unter der Dusche stärkt sogar das Selbstbewusstsein", sagt der promovierte Musikwissenschaftler und Kabarettist Markus Henrik alias "Dr. Pop". Das sei wissenschaftlich belegt, sagt Henrik. Auch der Musikpsychologe und Pianist Professor Karl Hörmann ist überzeugt: "Singen unter der Dusche tut gut." Es befreit – dabei spielt es keine Rolle, ob man den Ton trifft oder nicht. Das Trällern einer Melodie sorgt für eine intensivere Atmung, wodurch mehr Sauerstoff in den Körper gelangt.
Bei Menschen, die gemeinsam singen, schlägt wiederum offenbar das Herz nach einer gewissen Zeit im Takt, wobei sich der Herzrhythmus stabilisiert. Singen im Chor wirkt sich demnach positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus, wie vor einigen Jahren eine Studie aus Schweden nahelegte.
Aber nicht nur Singen ist eine Wohltat für einen selbst. Auch ein Instrument spielen oder Musik hören hat in aller Regel eine positive Wirkung. Um Stress abzubauen, rät Hörmann: "Mindestens 15 Minuten lang konzentriert musizieren oder sich der Musik aussetzen, um ein Flow-Erlebnis zu erreichen." Welche Musik es nun sein soll, ist dem eigenen Geschmack überlassen.
"Musik trifft uns unmittelbar", sagt Markus Henrik. Dies habe auch evolutionäre Ursachen. "Menschen mussten in früheren Zeiten im Bruchteil einer Sekunde Geräusche unterscheiden können." War das jetzt nur ein Windstoß, der den Busch zum Rascheln gebracht hat, oder haut mir gleich ein Bär seine Tatze über den Kopf? "Klänge werden sofort im Gehirn bewertet", sagt Henrik. Er ist überzeugt: "Musik ist die einzige Droge, die keine Nebenwirkung hat." Als positiv empfundene Musik treibe einen an, traurige Musik vermittle das Gefühl, verstanden zu werden. Wer eine einfühlsame Stimme singen höre, fühle sich nicht allein. "Jemand ist da für uns. Er oder sie ist dann auch ein Stellvertreter und singt unseren Schmerz aus." Danach gehe es vielen besser. Verantwortlich dafür seien Hormone im Körper.
Musik kann aber noch viel mehr. Sie kann sich durchaus positiv auf die eigene Leistung auswirken, vor allem bei Sportarten mit zyklischem Rhythmus wie Joggen oder Radfahren. Der Grund: Sie funktioniert als Ablenkung, versetzt uns in gute Stimmung und lenkt unsere Reize auf die Umwelt, wie der Sportwissenschaftler Professor Ingo Froböse erklärte. Einer der Effekte: Das Training wird als nicht so anstrengend empfunden, was wiederum die Leistungsfähigkeit etwas erhöhen kann.
Musik ist auch häufig Bestandteil von Therapien – etwa bei Depressionen. Studien legen zudem nahe, dass durch bestimmte Musik und Klänge die Einnahme von Schmerzmedikamenten reduziert werden könnte, nur unter ärztlicher Aufsicht natürlich.
"Wir brauchen sie ganz einfach, die Musik", sagt Karl Hörmann. Und wir müssen sie nicht unbedingt auf den Ohren haben. »Mehr Mut zur Musik!«, ruft Markus Henrik. Dazu gehöre, gute Radiosender zu hören, in Plattenläden zu gehen. Und sich ruhig mal wieder zu trauen, ein Instrument in die Hand zu nehmen. Dies sei in jeder Lebensphase eine Wohltat, auch im Rentenalter.