Da ist das Ding: Schwimmer Lukas Märtens mit der ersten Goldmedaille für einen deutschen Athleten. Foto: dpa/Michael Kappeler

Lukas Märtens ist Olympiasieger über 400 Meter Freistil. Dieser historische Erfolg des Schwimmers aus Magdeburg soll dem gesamten deutschen Team bei den Sommerspielen in Paris Auftrieb geben.

Das schwerste Rennen hatte Lukas Märtens am Tag danach. Nur 14 Stunden nach seinem Olympiasieg über 400 Meter Freistil musste er schon wieder ins Wasser. Um 11 Uhr morgens, über die halbe Distanz. Ein wenig müde wirkte er, als er auf den Startblock kletterte, doch das kühle Nass weckte seine Lebensgeister. Lukas Märtens zog als Zehnter ins Halbfinale ein, und als er wieder aufgetaucht war, meinte er: „Puh, das ist hart gewesen. Ich habe keine Minute gefeiert und trotzdem nur zwei, drei Stunden geschlafen. Jetzt muss ich dringend regenerieren – ich habe noch einiges vor.“

 

Es war eine Ansage, vor allem an die Konkurrenz, die ohnehin schon ziemlich beeindruckt ist von dem 22 Jahre alten Magdeburger. Denn Lukas Märtens hat Geschichte geschrieben. Als erster deutscher Beckenschwimmer seit 1988 holte er Gold. Damals triumphierten Michael Groß (BRD) und Uwe Daßler (DDR), es gab noch zwei deutsche Olympia-Mannschaften. Die historische Dimension seines Sieges war Lukas Märtens allerdings ziemlich egal. Er hatte genug mit sich selbst zu tun.

Die Augen füllen sich mit Tränen

Noch im Wasser schlug er immer wieder die Hände vors Gesicht, später auf dem Podest übermannten ihn die Gefühle vollends. Der Schwimmer, ansonsten ein cooler, reflektierter, positiver Typ, musste bei der Siegerehrung, als die deutsche Hymne gespielt wurde, wieder und wieder ganz tief Ein- und Ausatmen, seine Augen füllten sich mit Tränen. Es schien, als würde ihn dieser Moment mehr Kraft kosten als zuvor die 400 Meter im Becken. Das Wechselbad der Gefühle hielt auch beim folgenden Interviewmarathon an. „Ich weiß, ich habe Gold gewonnen, mehr aber auch nicht“, sagte Lukas Märtens, „ich weiß gar nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll.“ Im Wasser war das noch ganz anders gewesen.

Märtens kontrollierte das Finale von der ersten Bahn an, nach 200 Metern lag er 2,62 Sekunden über der Zwischenzeit von Paul Biedermann bei dessen Weltrekord 2009 (3:40,07 Minuten). Am Ende konnte der Magdeburger das Tempo nicht ganz halten („Da bin ich fast gestanden“), er siegte aber dennoch ungefährdet in 3:41:78 Minuten vor Elijah Winnington (Australien/3:42,21) und Kim Woomin (Südkorea/3:42,50). „Die letzten Meter waren die schlimmsten meines Lebens, aber auch die schönsten“, sagte Lukas Märtens, für den der verpasste Weltrekord keine Rolle spielte: „Natürlich hat diese Zeit im Hinterkopf herumgespukt, aber das Ziel war eine Medaille. Dass der Rekord nicht gefallen ist, ist mir scheißegal.“ Weil es viel wichtigere Themen gab.

Operation nach den Olympischen Spielen

Lukas Märtens war als Weltjahresbester nach Paris gereist, im Vorlauf schwamm er auch dort die schnellste Zeit. Dass er der Favorit gewesen ist, lastete spürbar auf ihm. „Der Druck ist nicht ohne gewesen“, sagte er, „aber man muss sich seinen eigenen Plan zurechtlegen und darf nicht immer denken: ich muss, ich muss, ich muss – ich muss gar nichts. Das war auch immer das Motto für die Olympia-Saison.“ Die alles andere als gut begonnen hat.

Ab dem Herbst 2023 musste Lukas Märtens immer wieder mit dem Training aussetzen, weil er unter einer chronischen Entzündung der Nasennebenhöhlen leidet. Er schluckte mehrfach Antibiotika, nach den Sommerspielen unterzieht er sich einer Operation. Dass er am Samstagabend in der riesigen, mit Fans voll besetzten Arena in La Defense mit sicherem Abstand vorneweg schwamm, war folglich alles andere als selbstverständlich. Und auch einer weiteren negativen Erfahrung geschuldet.

Schon zu den Corona-Spielen 2021 in Tokio war Lukas Märtens mit großen Hoffnungen gereist, dann aber baden gegangen – in allen Einzelwettbewerben schied er im Vorlauf aus. Danach begann er, mit einer Sportpsychologin zu arbeiten, um seine Nervosität zu bekämpfen, mental stärker zu werden, den Fokus zu behalten. In Magdeburg reifte er anschließend an der Seite von Freiwasser-Olympiasieger Florian Wellbrock zu einem Top-Schwimmer. Nach drei WM- und zwei EM-Medaillen gelang ihm nun der Gold-Coup, nach dem der Jubel groß war – nicht nur bei ihm, sondern auch bei früheren Weltklasse-Athleten.

Eine Inspiration für den Rest des Teams?

„Ich bin stolz und bewegt“, erklärte Franziska van Almsick. Gratuliert haben zudem Michael Groß („Perfekt!“), Britta Steffen („Sensationelle Vorstellung“) und Paul Biedermann: „Ein cooles, abgeklärtes und souveränes Rennen – ich bin sehr beeindruckt.“ Das war auch der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Thomas Weikert erlebte auf der Tribüne mit, wie Märtens das erste Gold für die deutsche Equipe holte. Er gehörte zu den ersten Gratulanten und drückte danach seine Hoffnung aus, dass sich andere von diesem Triumph im Becken tragen lassen. „Es war ein großartiger Olympia-Auftakt“, sagte Weikert, „Lukas Märtens hat einen Wahnsinns-Wettkampf gezeigt. Das Team D sollte sich davon inspirieren und motivieren lassen.“ Schließlich können Wellen des Erfolgs bei Olympischen Spielen nicht nur im Wasser geritten werden.