Seit acht Jahren ist Lukas Kohl die Nummer eins seiner Sportart, er hat in dieser Zeit jeden Wettkampf gewonnen. Reich wurde der Seriensieger trotzdem nicht – denn er ist Kunstradfahrer.
Wenn er wollte und es seiner Art entsprechen würde, könnte Lukas Kohl (28) richtig auf den Putz hauen, mit seinen Siegen prahlen, dabei vor Selbstbewusstsein strotzen. Tut er aber nicht. Denn Lukas Kohl ist ein bescheidener und zurückhaltender Athlet, kein Lautsprecher. „Trotz meiner verrückten Geschichte“, hat er einmal gesagt, „würde ich nie von mir behaupten, der erfolgreichste Sportler Deutschlands zu sein.“ Was nichts daran ändert, dass er genau das ist: die Nummer eins. Ohne Zweifel.
Denn das, was Lukas Kohl leistet, ist einmalig. Im November 2016 fand in der Stuttgarter Porsche-Arena die Weltmeisterschaft der Kunstradfahrer statt, in der Qualifikation wurde Lukas Kohl Zweiter. Es war der letzte Wettkampf, den er nicht als Sieger beendet hat. Ein paar Stunden später gewann er seinen ersten WM-Titel – und ist seit nunmehr acht Jahren ungeschlagen! „Ich habe noch nie einen Athleten gesehen, der seine Topleistung so konstant abruft, seine Konzentrationsfähigkeit ist absolut außergewöhnlich“, sagt Bundestrainer Dieter Maute (57), der selbst fünfmal Weltmeister war, „Lukas Kohl treibt den Perfektionismus auf die Spitze.“ Und das auf allerhöchstem Niveau.
Statistiken sind Lukas Kohl egal
Der Wirtschaftsingenieur aus dem oberfränkischen Ebermannstadt, den sie in der Szene ehrfürchtig „Lukinator“ nennen, kann an diesem Wochenende bei den Titelkämpfen der weltbesten Hallenradsportler in Bremen seinen achten WM-Titel holen. Das hat vor ihm nur David Schnabel (2005-2013) geschafft. Doch Statistiken sind Lukas Kohl, der in Vollzeit als Controller arbeitet, egal. Was für ihn mehr zählt als das Gewinnen, ist die Leistung auf dem Rad, und da hat sich nie jemand in seinen Sphären bewegt – er hält mit 216,40 Punkten den Weltrekord. Trotzdem sagt er: „Jede Serie wird irgendwann verbessert werden, auch meine.“ Wirklich?
In der Geschichte des Kunstradsports gibt es nur wenige Athleten, die es geschafft haben, die magische Marke von 200 Punkten zu übertreffen. Lukas Kohl ist das mittlerweile in einer dreistelligen Zahl an Wettkämpfen gelungen. Schwächen kennt der Unbesiegbare nicht. Die Konkurrenz sollte jedenfalls lieber nicht darauf hoffen, dass er irgendwann nachlässt. „Im Kunstradfahren gibt es keine Kür ohne Punktabzug und deshalb auch keine Perfektion“, sagt Lukas Kohl, dessen größter Antrieb es ist, der perfekten Übung möglichst nahe zu kommen: „Meine Motivation ist der Kampf gegen mich, die Schwerkraft und das Fahrrad.“
Im Kunstradfahren geht es um andere Werte
Noch spürt der beste Radakrobat, den es je gab, in der Auseinandersetzung mit sich selbst keine Müdigkeit. Er kokettiert damit, dass sich sein Körper meist so stark und geschmeidig anfühle wie vor zehn Jahren, an das Ende der Karriere denkt er (noch) nicht. Erst nach der Saison wird er, wie immer im Spätherbst, seine persönliche Bilanz ziehen. „Dann fällt, ganz rational, die Entscheidung, ob ich weitermache oder nicht“, sagt Kohl, „ich wäge ab, wie viel Spaß, Lust und Freude mir der Sport gegeben hat. Und ich stelle mir die Frage, was ich investiert und was ich bekommen habe.“ Geld spielt dabei kein Rolle.
In vielen anderen Sportarten wäre ein Athlet, der seit acht Jahren die Nummer eins der Welt und in dieser Zeit nicht einmal besiegt worden ist, längst (Multi-)Millionär. Für Lukas Kohl, den Supersportler, den außerhalb seiner Disziplin kaum jemand kennt, ist es schon ein Erfolg, Beruf und Berufung unter einen Hut zu bekommen und am Ende einer Saison nicht draufgelegt zu haben. „Im Kunstradfahren geht es um andere Werte als ums Finanzielle“, sagt er, „wir setzen auf dem Rad die Physik außer Kraft, es gibt nichts Geileres!“ Zumindest für einen, der so überlegen ist, dass es ihm schon längst nicht mehr ums Gewinnen allein geht.