Der Astronaut Thomas Reiter beim Aufbruch zur Euromir 95 Mission – er war damals der erste Deutsche, der einen Weltraumausstieg unternahm.  Foto: ESA – P. Aventurier

Prominenter Besuch: Der Astronaut Thomas Reiter schaute vor Kurzem in Empfingen vorbei. Sein Ziel natürlich: Das Weltraumschrott-Observatorium des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) auf dem Innovationscampus Empfingen. Der Bau geht mit großen Schritten voran und Reiter zeigt sich im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten begeistert.

Empfingen - Im Interview spricht Reiter über seinen Besuch in Empfingen, Weltraumschrott und die Corona-Krise.

 

Herr Reiter, Sie waren vor Kurzem in Empfingen. Wie kam es dazu?

Ich war von Ende 2007 bis Anfang 2011 im Vorstand des DLR für Raumfahrtforschung und -entwicklung zuständig und habe in dieser Zeit auch das Thema Detektion von Raumfahrtrückständen gefördert. Der Besuch in Empfingen war jetzt für mich ein ganz tolles Erlebnis. Zu sehen, wie sich der Anstoß von damals weiterentwickelt hat. Das Teleskop in Empfingen ist ein beachtlicher Teil dieser Entwicklung.

Überrascht es Sie, dass eine kleine Gemeinde am Rande des Schwarzwalds den Zuschlag bekommen hat?

Nein, das überrascht mich überhaupt nicht. Die Bedingungen sind einfach ideal. In einer Großstadt ist die Lichtverseuchung von Straßenlaternen, Verkehr und Gebäuden hoch. Es geht auch darum, wenn man mit Lasern in Richtung Weltraum leuchtet, man dieses nicht direkt in der Nähe eines Flugplatzes tun sollte.

In Empfingen wird Weltraumschrott beobachtet. Sie waren zwei Mal selbst auf Weltraum-Mission. Ist Ihnen dort schon Weltraumschrott begegnet?

(Reiter schmunzelt). Man sieht jetzt nichts vorbeifliegen. Denn die Teilchen sind klein und die Geschwindigkeit des Schrotts ist hoch, zehnfach schneller als eine Gewehrkugel, aber schon auf der Mir-Station gab es Einschläge von kleinen Objekten, winzige Staubteilchen. Man hat es damals gewusst, aber es war nicht so präsent wie heute.

Sah es auf der ISS schon anders aus?

Elf Jahre später auf der ISS konnte man schon Ausweichmanöver von Bord aus initiieren. Im Schnitt ist das auch pro Jahr drei Mal passiert.

Wird dem Weltraum-Schrott noch zu wenig Beachtung geschenkt?

Wir von der ESA kontrollieren in Darmstadt 22 Satelliten, elf davon fliegen in der Erdumlaufbahn. Wir haben täglich über 1000 Kollisionswarnungen. Ich befürchte, so lange nichts passiert, wird das Risiko unterschätzt.

Gibt es also reale Gefahren?

Die Funktionsfähigkeit unserer modernen Industriegesellschaft hängt von vielen Diensten ab, welche die Satelliten in dem Erdumlaufbahn benötigen. Navigationsdienste sind beispielsweise im Alltag für jeden von uns selbstverständlich geworden. Kaum jemand denkt daran, dass hierfür eine riesige Infrastruktur im Weltall notwendig ist. Wenn es knallt, dann kann es sein, dass solche Dienste ausfallen oder nur noch sehr eingeschränkt funktionieren. Auch die Sonne schleudert hin und wieder Materie in die Tiefen des Weltalls. Wenn die Erde davon getroffen wird, dann gibt es an den Polen diesen wunderschönen Effekt – Aurora. Doch auch das kann zu Funkstörungen und Überspannungen in den Stromnetzen führen. Die Genauigkeit von Navigationsdiensten kann sich dadurch schlagartig um 100 Meter und mehr verringern.

Wie groß ist die Gefahr für Menschen?

Wir haben es vor Kurzem bei der chinesischen Trägerrakete gesehen, die in den indischen Ozean gestürzt ist. Es treten immer wieder Teile in die Erdatmosphäre ein. Das Risiko, dass auf uns etwas niederregnet, ist aber ausgesprochen gering. Dennoch: Es gibt andere natürliche Risiken aus dem Weltraum. Als ein Asteroid mit einem Durchmesser von etwa 15 Metern im Westen des Urals herunterkam, wurden allein durch die Druckwelle mehr als 1000 Menschen verletzt und zahlreiche Gebäude beschädigt.

Was wird gegen solche Gefahren getan?

Die ESA betreibt entsprechende Programme, um solche Objekte zu entdecken, zu verfolgen und deren Flugbahn zu bestimmen. Sollte ein wirklich großer Asteroid auf Kollisionskurs mit der Erde sein, ist das Ziel, ihn abzulenken.

Man hat allerdings den Eindruck, dass die Weltraumnationen noch nicht an einem Strang ziehen?

In der Tat, die Koordination könnte noch verbessert werden, die Weltraum-Politik ist noch stark national geprägt, wie man am Beispiel der kürzlich in China gestarteten Trägerrakete "Langer Marsch 5B" erkennen kann. Denn man nimmt in Kauf, dass Bruchteile auf bewohntes Gebiet fallen. Auch der Aufbau von sogenannten Megakonstellationen, wie die Starlink-Konstellation von Elon Musk, ist umstritten.

Was muss Ihrer Meinung nach geschehen?

Es bedarf einer internationalen Vereinbarung, dass Satelliten nach dem Ende der Betriebszeit möglichst schnell – und nicht erst nach Jahrzehnten verglühen. Man kann heute Satelliten so auslegen, dass sie am Ende ihrer Betriebszeit mit einem Rest an Treibstoff aktiv ein Bremsmanöver ausführen, sodass sie in der Atmosphäre verglühen. Wir benötigen international verbindliche Richtlinien, an die sich dann auch alle Raumfahrtnationen halten.

Doch das ist schwer?

Schon in Europa fällt es uns nicht leicht, zu einer gemeinsamen Position zu finden. Es gibt eine Vielzahl nationaler Interessen in der EU. Es schielt jeder auf den europäischen Finanztopf. Doch Gerade in Anbetracht der Entwicklungen in den USA, in China und Russland wäre es wichtig eine gemeinsame Linie in Europa zu entwickeln.

Gibt es denn auch positive Entwicklungen?

In der ESA gibt es seit dem vorletzten Jahrzehnt die "Clean Space"-Initiative. Satelliten sollen so konstruiert werden, dass beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre alles verglüht. Immerhin geht es auf europäischer Ebene voran. Die gemeinsamen Probleme werden langsam verstanden. Das Thema "Space Traffic Management" war beispielsweise während der deutschen Ratspräsidentschaft ein Thema.

Wenn wir schon mit Ihnen sprechen können, dann möchten wir Sie auch fragen, ob Sie sich in der Corona-Situation an Ihre Isolation auf den Weltraum-Missionen zurückerinnert haben?

Ja, das weckt schon Erinnerungen. Das Gefühl, jetzt gerne dieses oder jenes machen zu wollen, aber nicht zu können, das hatte man dort oben auch. Aber es lässt sich nicht eins zu eins übertragen. Man bereitet sich lange auf so eine Mission vor. Die Belohnung ist ein Wahnsinnsausblick auf unseren Planeten. Auch das Gefühl der Schwerelosigkeit ist etwas ganz Besonderes. Man hat einen sehr intensiven Tagesablauf und viele Routinen. Da hat man gar nicht so viel Zeit, über Dinge, die man vermisst, nachzudenken.

Gibt es eine persönliche Strategie, die auch in der Corona-Krise helfen kann?

Ja, ich habe gerade von der Routine gesprochen. Es war jede Minute verplant. Wir haben deshalb immer versucht, Freitag- und Samstagabend ganz besonders zu gestalten. Wir haben während der Woche die Lieblingsspeisen aus den Essenscontainern für die beiden Abende am Wochenende aufgehoben, haben DVDs angeschaut, um diese Monotonie zu durchbrechen. Bei beiden Missionen hat das gut geklappt.