Schillerndes musikalisches Patchwork: Auftritt des Stegreiforchesters in Ludwigsburg. Foto: Reiner Pfisterer

Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen bringt das Stegreiforchester virtuos Improvisation und Komposition zusammen.

Bunt bekleidete Menschen betreten die Ludwigsburger Musikhalle. Musik wird erklingen, das versprechen die herumliegenden Instrumente. Aber zunächst formt man sich zur Gruppe, drängelt, jeder will mal vorne stehen. Das wirkt banal, aber der stumme choreografische Anfang ist ein Statement: Der Auftritt des Stegreiforchesters bei den Schlossfestspielen ist am Samstagabend nicht nur ein Konzert, in dem virtuose Musikerinnen und Musiker Komposition und Improvisation, Klassik und Jazz, alte und neue Musik zusammenbringen. Er hat auch eine politische Dimension.

 

Konzert für Miteinander und über Demokratie

Warum das so ist und hier sogar so sein muss, erhellt schon das Genre, mit dem sich das Projekt „freesolo“ beschäftigt. Es geht um das Solokonzert vor allem der Klassik und Romantik. Also um eine zementierte Hierarchie: Hier ist Oben, dort Unten, und Oben heißt Macht. Mit der antihierarchischen Struktur des Stegreiforchesters geht das gar nicht zusammen, und so ist dessen Programm über Solokonzerte auch ein Programm über die eigene DNA. Über gesellschaftliches Miteinander und über Demokratie.

An diesem Abend gibt es keine Stars. Das ist möglich, weil auch die Musik nicht im Original erklingt. Noam Sivan hat gemeinsam mit Alistair Duncan bekannte Werke auseinandergenommen und Teile von ihnen neu zusammengesetzt. Hinzu kommen Passagen, in denen über Bruchstücken von Bachs zweitem Brandenburgischen Konzert, aus Solokonzerten von Mendelssohn, Dvořák und Rachmaninow und aus Bartóks Konzert für Orchester frei improvisiert wird. Das Ergebnis ist ein schillerndes musikalisches Patchwork, das ständig in Bewegung ist. Ein faszinierender Klang-Flow.

leicht, spielerisch, enthierarchisiert

Unterschiedliche Gruppen finden zueinander, formieren sich ständig neu, springen vom tiefsten 19. Jahrhundert mitten hinein in groovigen Jazz oder luftigen Volksmusik-Ton. Die so genannte „Hochkultur“ wird zum Humus der Freiheit, und weil jeder und jede mal solistisch glänzen darf, wirkt das Orchester in der Summe vollständig enthierarchisiert. Von den 26 Individuen hat jeder seinen Platz, seine eigene Farbe.

So klingt Bartóks Idee, wenn man sie radikal fortspinnt. Obwohl es das inzwischen zehn Jahre alte Ensemble viel Schweiß gekostet haben dürfte, um dies alles mitsamt den glänzend gestalteten Übergängen einzustudieren, wirkt das Ganze spielerisch und leicht. Den nächsten logischen Schritt, nämlich die Neudefinition des Publikums als aktiven Teil des Experiments, darf man mit Spannung erwarten.