Am Donnerstag, 11. Mai, beginnen die Ludwigsburger Schlossfestspiele. Bis zum 22. Juli präsentiert Intendant Jochen Sandig eine Vielzahl an Künstlern und Projekten aus aller Welt.
Auch in diesem Jahr bieten die Ludwigsburger Schlossfestspiele wieder eine riesige Zahl an Programmpunkten. Was lohnt dabei besondere Aufmerksamkeit, wo verbergen sich Geheimtipps? Hier einige Tipps der Fachleute unserer Redaktion. Wie sieht es mit der Zukunft der klassischen Konzerte aus? Bleibt’s beim Werke-Wiederholungskarussell, bei all den sinnentleerten Ritualen? Sicher nicht. Die Schlossfestspiele stellten die futuristische Frage an die richtige Generation: an Jugendliche aus Ludwigsburg und Markgröningen. Im Konzert am 12. Mai in der Karlskaserne darf das Publikum dem Ergebnis mehrerer Intensivworkshops beiwohnen, in denen Ensembles von vier Schulen experimentiert und diskutiert haben, wie sie es sehen: das Konzertformat der Zukunft. Das klingt interessant.
Eine Verbindung europäischer und nahöstlicher Musik
Interessant könnte auch das Konzert des Babylon Orchestras am 13. Mai in der Karls-kaserne werden. In eine Schublade stecken lässt sich das Ensemble aus Berlin nicht. Es verbindet europäische und nahöstliche Musik und bezeichnet sich selbst als „interkulturelle Big Band“. Es hat Musizierende aus Syrien, dem Iran, Irak, Israel, Russland, Italien, Frankreich, Kurdistan und Deutschland an Bord. Gespielt werden eigene Kompositionen; es wird improvisiert, und die musikalischen Farben der vielen Herkunftsländer fließen stets mit ein. Schließlich steht „Babylon“ für „Sprachverwirrung“, die das Orchester aber natürlich im gemeinsamen Musizieren überwinden will.
Um Auflösung der Genre-Grenzen geht es auch dem Rothko String Quartet aus Lüneburg, das für seine Konzeptkonzerte bekannt ist und sich stets stilistisch offen zeigt gegenüber Jazz, Techno oder Pop. Das Motto seines Konzertes am 3. Juni in der Schlosskirche Haigerloch ist „Trösten, Trauern, Leben feiern“. Ausgangspunkt ist ein Quartettsatz nach Mozarts „Requiem“, dem Werke zeitgenössischer Komponistinnen gegenübergestellt werden. Das Rothko String Quartet sucht gemeinsam mit der Mezzosopranistin Isabel Pfefferkorn nach dem Kern von Beerdigungsmusik, der wohl irgendwo zwischen Ritus, gottesfürchtiger und individueller Trauer und Trostsuche zu finden ist.
Wie hätte wohl Bach einen Beatles-Song gecovert?
Grenzüberschreitende Experimente verspricht auch Spark, ein Kammermusikensemble, das sich programmatisch „die klassische Band“ nennt und auf innovative Weise Klassik, Moderne und Pop zusammenbringt. In seinem Konzert am 9. Juli im Fürstensaal in Bad Imnau lässt das Quintett drei große Bs der Musikgeschichte aufeinandertreffen: Bach, Berio und die Beatles – und fragt sich etwa: Wie könnte ein Song von den Beatles klingen, wenn Bach ihn gecovert hätte? Und das ganz ohne KI!
Midori feiert ihr 40. Bühnenjubiläum
Für Liebhaber von Streichermusik ist einiges geboten im Festspielprogramm. Dabei sticht heraus: Midori. Recitals mit der zierlichen Japanerin, die in diesem Jahr ihr 40. Bühnenjubiläum feiert, haben immer etwas Auratisches, von großer künstlerischer Ernsthaftigkeit Geprägtes. Das mag auch an Midoris persönlicher Geschichte liegen, die von Brüchen geprägt ist: Mit 23 stürzte das einstige Wunderkind in eine tiefe Lebenskrise, die sie mithilfe von Therapeuten überwand. Heute zählt sie zu den herausragenden Persönlichkeiten der klassischen Musik und ist eine der weltweit besten Geigerinnen. Dass es bei ihren Auftritten nie um Selbstdarstellung, sondern immer um Musik geht, wird am 28. Mai im Ludwigsburger Ordenssaal mit Werken für Solovioline zu erleben sein. Drei Werken von Bach stellt Midori zwei bachaffine zeitgenössische Werke gegenüber.
Der Musik Bachs gilt auch die Zuneigung des Pianisten David Fray. Die pianistisch eher undankbaren Bach’schen Klavierkonzerte etwa, von anderen Virtuosen meist links liegen gelassen, hat der sensible Franzose mit einer poetischen Sanglichkeit geadelt, die schlicht hinreißend ist – ohne sich dabei groß um historisch korrekte Aufführungspraxis zu kümmern. Das dürfte auch bei Bachs Goldberg-Variationen so sein, die Fray am 2. Juni im Ordenssaal spielen wird.
Hat vielleicht die derzeit schönste Stimme: Bariton Benjamin Appl
Wessen musikalisches Herz sich eher für Vokales erwärmen lässt, der sei auf drei Veranstaltungen hingewiesen. Neben den Solisten des Collegium Vocale Gent (am 14. Juli in der Stadtkirche) kommt der Bariton Benjamin Appl, vielleicht derzeit eine der schönsten Stimmen überhaupt, für zwei Konzerte nach Ludwigsburg. Am 15. Juli singt er im Ordenssaal mit Schuberts Zyklus „Die Winterreise“ den Kunstliedklassiker schlechthin. Bereits am 13. Juli tritt er mit einem epochenübergreifenden Liebesliederprogramm auf: amouröse Gesänge von John Dowland bis zu – ja, Reinhard Mey, wird der charismatische Beau, begleitet von Thomas Dunford an der Laute, seinem vermutlich hingerissenen Publikum präsentieren.
Karten für Pina Bauschs Tanzstück „Vollmond“ sehr begehrt
Ist es der poetische Titel? Ist es der jüngst errungene Deutsche Tanzpreis für vier Stars des Tanztheaters Wuppertal? Der Ansturm auf Pina Bauschs Tanzstück „Vollmond“ ist so enorm, dass beide Vorstellungen am Forum ausverkauft sind. Deshalb wurde die Generalprobe am 8. Juni für das Publikum geöffnet. Die emotionale Kraft von Anziehung und Abwehr, eine Wasserfall-Kulisse in einer magischen Mondnacht, dazu eine ebenso atmosphärische Musik-Melange von René Aubry bis Tom Waits: „Vollmond“ zeigt Pina Bauschs Kunst von ihrer schönsten Seite.
Flamenco-Star Israel Galván tanzt zu Strawinsky, Scarlatti und Rzewski
Kein Unbekannter in der Region ist auch Israel Galván. Der Flamenco-Star aus Spanien hat bereits im Stuttgarter Opernhaus unter Beweis gestellt, dass er den Tanz aus Andalusien von allen Folklore-Klischees befreien kann. Mit minimalen Mitteln spinnt er am 20. und 21. Mai in der Karlskaserne ein faszinierendes Universum von Tönen, Rhythmen, Schritten und Gesten. Gespannt sein darf man, wie er in seiner aktuellen Produktion einem ikonischen Stück Musik begegnet – Strawinskys „Sacre“ wird in der Version für zwei Klaviere live erklingen – und dem Klassik-Hit die Präsenz des eigenen Körpers als perkussives Instrument entgegenhält. Außerdem tanzt Galván zu Musik von Scarlatti und Rzewski.
Wer die Musik von György Ligeti mag, freut sich über die Antworten, die Elisabeth Schilling auf die Klavieretüden des Komponisten findet. „Hear Eyes Move“ heißt das Resultat; die Choreografin stellt es am 26. Mai in der Karlskaserne vor. An den Tasten sitzt Cathy Krier. Anlass für diese besondere Begegnung von Musik und Tanz ist der 100. Geburtstag des 2006 verstorbenen Komponisten.
Terminüberblick und Tickets
Programm
Das komplette Festivalprogramm ist im Netz unter: www.schlossfestspiele.de verzeichnet. Hier sind auch die Tickets zu buchen – für einzelne Veranstaltungen, für Abonnements, aber auch ein Benjamin-Appl-Kombiticket für seine „Winterreise“ und für das „Songwriter“-Konzert.
Vorverkauf
Karten gibt es natürlich auch an den üblichen Kartenverkaufsstellen, bei Easy Ticket und telefonisch unter 0 71 41 / 93 96 36.