Getrag in Ludwigsburg Quelle: Unbekannt

Getriebespezialist will Standort bis 2012 dichtmachen - 600 Jobs im Südwesten fallen weg.

Untergruppenbach/Ludwigsburg - Der Getriebespezialist Getrag will in den nächsten zwei Jahren in Deutschland bis zu 700 Stellen abbauen - rund 600 davon allein in Baden-Württemberg. Der Standort Ludwigsburg soll ganz aufgegeben werden.

Das Unternehmen, das vor rund einem Jahr vom Land eine Bürgschaft in Höhe von rund 20 Millionen Euro erhalten hatte, begründete den Schritt mit dem sich nur langsam erholenden Absatz von Getrieben und Achsen und stagnierender Nachfrage bei anderen Produkten. Die Überkapazitäten führten zu "enormen Kostenbelastungen", sagte Getrag-Chef Mihir Kotecha am Dienstag. Getrag erzielte 2008 rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz weltweit. Für 2009 wurde ein Minus von 20 Prozent prognostiziert.

Leidtragende der jetzt angekündigten harten Einschnitte sind vor allem die baden-württembergischen Standorte Ludwigsburg, Neuenstein, Untergruppenbach sowie Bad Windsheim in Bayern. Das Werk in Ludwigsburg mit gut 90 Mitarbeitern solle spätestens bis Ende 2011 aufgegeben werden, teilte Getrag mit. In Neuenstein könne in einigen Sparten nicht mehr kostendeckend gearbeitet werden, weswegen auch hier "Umstrukturierungen" anstünden. Der Entwicklungszentrale in Untergruppenbach machten "Rückgänge bei den Entwicklungsaufträgen" zu schaffen. Das bayrische Bad Windsheim mit einbezogen, sollen so rund 700 Stellen gestrichen werden.

IG Metall und Betriebsrat kündigten harten Widerstand gegen das Vorgehen der Geschäftsführung an. "Wir werden es nicht zulassen, dass in Ludwigsburg die Lichter ausgehen", sagte Joachim Plucis, Betriebsratsvorsitzender in Ludwigsburg. Schon einmal - vor rund eineinhalb Jahren - hätte man eine Standortschließung abgewendet.

Damals saß bei Getrag, das heute 12.850 Menschen weltweit beschäftigt, allerdings noch nicht der neue Chef Kotecha am Ruder. Ende vergangenen Jahres war der Brite dem langjährigen Getrag-Chef Dieter Schlenkermann nachgefolgt, der das Unternehmen groß gemacht, aber nach Expertenangaben auch auf kreditfinanziertes Wachstum, vor allem im Ausland, getrimmt hatte. Kotecha solle der Firma nun "neue strategische Impulse" geben, kündigte Getrag-Eigner Tobias Hagenmeyer bei Kotechas Amtsübernahme im November 2009 an. Diese Impulse laufen offenbar auf eine Schwächung der europäischen Standorte hinaus. Produktionszahlen und Entwicklungserlöse in Europa würden das Vorkrisenniveau "auf lange Sicht nicht mehr erreichen", sagte Kotecha gestern. Tochterfirmen in Asien und auf dem amerikanischen Kontinent trügen dagegen positiv zum Ergebnis bei.

Konrad Ott, IG-Metall-Chef in Ludwigsburg, sagte: "Wir sehen weder strategische Impulse noch ein Konzept." Den Beweis, dass das Werk Ludwigsburg rote Zahlen einfahre, sei Kotecha bislang schuldig geblieben. Die Ludwigsburger Beschäftigten rief er auf, sich gegen die Pläne zu wehren.

Gegenwind könnte Getrag auch von anderer Seite drohen. Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) sagte gegenüber unserer Zeitung, er nehme die Pläne mit "großer Enttäuschung zur Kenntnis". Das Land werde umgehend Gespräche mit der Getrag-Geschäftsführung und den Banken aufnehmen. Hintergrund: 2009 war das Land dem gebeutelten Unternehmen mit rund 20 Millionen Euro zur Seite gesprungen - die größte Landesbürgschaft in der Geschichte.

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