Orte des kalten Krieges: unter der Erde verborgen, vergessen oder in Gerüchten lebendig geblieben. Es gab sie auch in Horb und Umgebung.
Horb-Bildechingen - Der Schock am 22. Oktober 1962: Die Sowjetunion hat auf Kuba Atomraketen stationiert, nur knapp 200 Kilometer von der Küste Floridas entfernt. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) kommt es zum Eklat. Der sowjetische Botschafter leugnet weiterhin die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba. Die Hardliner unter den US-Militärs beginnen mit den militärischen Vorbereitungen. Es droht Krieg.
Der Bunker im Wohngebiet
Auch in Horb laufen Drähte heiß. Und zwar an einem scheinbar ganz gewöhnlichen Ort in einem alltäglichen Wohngebiet – der aber ein Geheimnis birgt. Nur ein großer Schornstein gibt den Hinweis, dass da etwas Besonderes unter der Erde schlummert. Es ist der Warnamt-Bunker, eine Einrichtung mit Aufgabe.
So auch in der Kuba-Krise. Dem Personal des Warnamt-Bunkers in Bildechingen stehen in diesen Tagen im Jahr 1962 schlaflose Nächte bevor, wie allen anderen Warnämter-Besatzungen in der Republik. Das geht aus den Recherchen des Vereins Schutzbauten Stuttgart hervor. Fünf Tage und Nächte wird das Personal pausenlos im Einsatz sein, alle Warnleitungen werden geschaltet sein. Das Personal wird den ersten realistischen Vorwarnfall in der Geschichte der Bundesrepublik erleben.
Die Warnämter im Land
Ein Kapitel Geschichte, das vergessen ist. Das vielleicht in Horb nie erzählt wurde. Das Warnamt VIII in Bildechingen (zuständig für den Bereich Baden-Württemberg) war ein Teil des flächendeckenden Luftschutzwarnsystems in Deutschland. Seine Aufgabe war die Warnung und Alarmierung der Bevölkerung, zum Beispiel bei einem Angriffskrieg. Das Amt war als vorläufige Dienststelle an mehreren Adressen von 1956 bis 1960 in Stuttgart.
Dann gab es ein provisorisches Warnamt von 1. April 1960 bis 17. Mai 1968 in Bildechingen. Am 18. Mai 1968 stand dann das neue Warnamt in Rottenburg zur Verfügung, das 1994 aufgelöst wurde. Das Gebäude wird heute vom THW genutzt.
Anlagen des Kalten Krieges in ländlichen Gegenden wie Horb – wenig ist über sie bekannt. Nur noch Vereine von Geschichtsfreunden interessieren sich für die fast vergessenen Einrichtungen. So zum Beispiel der Verein Schutzbauten Stuttgart, der zu den Warnämtern recherchiert hat.
Rund um die Uhr besetzt
Der Verein beschreibt die Anlagen: "Die Warnämter waren rund um die Uhr besetzt und waren in extra dafür gebauten Bunkern untergebracht. Die Ausstattung erlaubte ein autarkes Überleben für mindestens 30 Tage. Dazu gehörte die entsprechende Notstromversorgung, Wasser- und Nahrungsvorräte. Die Alarmierung sollte durch das vorhandene Telefon- und Fernschreibnetz erfolgen. Die Informationen über die aktuelle Luftlage erhielten die Warnämter über Standleitungen von den NATO-Stellen, die für die Luftraumüberwachung zuständig waren. Zusätzlich kamen Daten und Informationen aus eigenen ABC Messstellen. Der Deutsche Wetterdienst vervollständigte ein Lagebild mit den aktuellen Wetter-Daten. Die geänderte politische Lage nach Beendigung des Kalten Krieges 1990 hatte zur Folge, dass die Warnämter bis Mitte der 90er Jahre aufgelöst wurden."
Schwarzwälder Bote berichtete
Als das Amt nach Rottenburg umzog, berichtete der Schwarzwälder Bote: "Rund 8000 Luftschutz-Sirenen hören auf sein Kommando: Wenn der Mann im Bunker des Luftschutzwarnamtes VIII einen Knopf drückt, heult es in ganz Baden-Württemberg, von der Landeshauptstadt angefangen bis zum Rathaus des entlegensten Dorfes. Seit sieben Jahren befindet sich diese Warnzentrale in einem Bunker, zehn Meter unter dem Boden eines unscheinbaren Hauses in Bildechingen."
Das für Baden-Württemberg verantwortliche Warnamt VIII war ein Provisorium. Dem folgte das Warnamt in Rottenburg, wo die Angestellten nicht mehr unterirdisch arbeiten mussten, sondern ihre Tätigkeit in Büroräumen verrichten konnten. Es gab aber noch einen Einsatzbunker.
Doch wo genau befand sich der Warnamt-Bunker in Bildechingen? Diese Frage stellte sich bereits 2009 die Gruppe "geschichtsspuren.de", eine Interessengruppe für historische Militär- Industrie- und Verkehrsbauten. Mitglieder fanden einen Standort in der Marienstraße heraus, äußerten in ihrem Forum aber Zweifel, ob es der richtige ist.
Dann meldete sich ein anonymer Nutzer zu Wort, der sich als ehemaliger Mitarbeiter des Dienstes zu erkennen gab. Er schilderte Einzelheiten über die Stelle in Bildechingen: "Nach Auskunft der damaligen angestellten Techniker war es ursprünglich ein Fernmeldebunker zum Westwall, getarnt durch die kleinen Einfamilienhäuschen. Marienstraße ist richtig. Damals wurde Geheimhaltung noch größer geschrieben (...)"
Keine Bunkerreste mehr
Von außen fiel die Anlage durch einen große Kamin auf, der laut dem ehemaligen Mitarbeiter für die Heizung und Abgase der Diesel-Notstromversorgung da gewesen sei. Weiter heißt es in der Schilderung: "Zuluft kam über Rohre im ›Garten‹. In dem ›Haupthaus‹ führte eine breite Treppe etwa zwei Stockwerke in den Keller (...), dort waren die Arbeitsräume (jetzt Tiefgarage). Zufällig wohnte in den 90ern ein Arbeitskollege dort, er hat auch auf Nachfrage keine Informationen über die frühere Nutzung erhalten. Er meinte, dass es keine Bunkerreste mehr gibt."
Die Bunker waren Anlagen des Kalten Krieges. Als dieser endete, wurden bis Mitte der 90er Jahre auch die Warnämter aufgelöst. In Bildechingen war der Bunker schon lange vorher außer Dienst. Was mit den Anlagen geschah, ist nicht öffentlich aufgezeichnet. Bei "geschichtsspuren.de" berichten Forenteilnehmer, dass es an dieser Stelle im Dorf Dienstwohnungen der Post gab. Es sei auch von einem "Postbunker" erzählt worden.
Im Bildechinger Alltagsleben spielt der Ort heute keine besondere Rolle mehr. Der ehemalige Ortsvorsteher Michael Laschinger berichtet: "Die älteren Dorfbewohner kennen den Bunker noch, die jüngeren eher nicht mehr."