Zweifelhafter Ruhm: Die Schömberger Charlottenhöhe ist seit Jahren vor allem unter Fans vergessener Orten bekannt. Nun hat ein Reiseanbieter das Gebäude in eine unheimliche Liste aufgenommen. Das Betreten ist jedoch nach wie vor verboten – es besteht Lebensgefahr.
Schömberg - Im Jahr 1907 als Lungenheilanstalt eröffnet, 1973 geschlossen. Bis 1994 vom Berufsförderungswerk Schömberg weitergenutzt, dann mehrfach verkauft und versteigert. Nun verfällt das Gebäude seit beinahe 30 Jahren immer mehr.
So ließe sich die Geschichte der ehemaligen Lungenheilanstalt Charlottenhöhe in Schömberg kurz zusammenfassen – wären da nicht die vielen wilden Geschichten, die sich gerade in jüngerer Zeit um das alte Sanatorium ranken. Wie jene der drei jungen Männer, die im März 2019 dort "Polenböller" zündeten und mit den lauten Detonationen die Polizei auf den Plan riefen.
Vertrauliche Akten gefunden
Oder die vertraulichen Akten aus den Beständen des Berufsförderungswerks Schömberg, die vor fast genau einem Jahr, Ende Oktober 2021, auf dem Gelände gefunden wurden. Sie stammten aus den Jahren 1986 bis 1989, enthielten unter anderem psychologische Gutachten und niemand konnte sich erklären, wie es zu dem Fund kommen konnte. Wurden die Unterlagen einfach vergessen? Eine Frage, auf die es wohl keine Antwort mehr geben wird. Sicher ist: Der Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-Württemberg schaltete sich ein, die Akten wurden dem Reißwolf übergeben.
Kampf um die Zukunft zieht sich
Besonders kurios ist jedoch nach wie vor der Kampf um die Zukunft des Geländes. Am 8. Juni 2021 in einer rund dreistündigen Bieterschlacht zwangsversteigert, erhielt ein Mann aus Mannheim, der sich als Zwischeninvestor bezeichnete, am 22. Juni 2021 den Zuschlag für rund 1,3 Millionen Euro. Doch die Zahlungsfrist, der 2. September 2021, verstrich. Geschehen ist seitdem offenbar nichts. "Das Thema Charlottenhöhe ist nach wie vor ein laufendes Verfahren, zu dem die Gemeinde keine neuen Erkenntnisse hat, zumal der Eigentümer zuständig ist, ansonsten das Landratsamt", teilte Stefanie Stocker, Pressesprecherin der Gemeinde Schömberg, im Sommer auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Daran hat sich nichts geändert. Und die Charlottenhöhe bröckelt weiter vor sich hin.
Eine gewisse Faszination scheint das marode Anwesen dennoch auszustrahlen – das beweist nun auch eine Auflistung des Berliner Touren- und Reiseanbieters Travelcircus. Jeweils ein Lost Place, ein vergessener Ort pro Bundesland, wird dort aufgeführt. Für Baden-Württemberg ist es die Charlottenhöhe.
"Viele Lost Places werden auch mit gruseligen Begebenheiten in Verbindung gebracht, weshalb die Reiseexperten von Travelcircus anlässlich des Beginns der dunkleren und kälteren Jahreszeit einen Lost Place pro Bundesland recherchiert haben", heißt es auf der Travelcircus-Internetseite.
Und in der Tat: Die Schömberger Charlottenhöhe findet sich hier in gruseliger Gesellschaft wieder.
Liste ist voller Mythen und Legenden
Mit auf der Liste steht beispielsweise der Selbstmörderfriedhof im Grunewald in Berlin. Gegründet im späten 19. Jahrhundert wurden hier, wie der Name schon sagt, Selbstmörder bestattet – abseits der regulären Friedhöfe, im Wald an der Havel, da Suizid als Todsünde galt. An Gruselgeschichten fehlt es nicht: Travelcircus zufolge soll eine Frau im Jahr 2010 von einer dunklen Gestalt in Form einer Rauchwolke berichtet haben, die dort aus der Havel aufstieg.
Oder das Beinhaus von Oppenheim in Rheinland-Pfalz, das vermutlich zu Beginn des 11. Jahrhunderts erbaut, und zwischen 1400 und 1750 als Beinhaus genutzt wurde. Die Knochen von rund 20 000 Menschen sind dort aufeinander gestapelt. "Die sterblichen Überreste der Toten wurden, wie vielerorts üblich, bei Neubestattungen auf dem engen Friedhof in das Kellergewölbe der Totenkapelle umgebettet", heißt es erklärend auf der Internetseite der evangelischen Kirchengemeinde Oppenheim St. Katharinen.
Seefahrer-Spuk auf Sylt
Nicht zuletzt taucht in der Liste unheimlicher Orte auch die Legende der Gongers auf, die auf der Insel Sylt ihr Unwesen treiben sollen. Ertrunkene Seefahrer, die ihre Nachfahren der zweiten oder dritten Generation aufsuchen, wenn sie das Gefühl haben, vergessen zu werden. Die Verstorbenen, so will es die Legende, kommen nachts, legen sich zu ihren Verwandten ins Bett, verschwinden gegen Morgen und hinterlassen nichts als eine Pfütze aus Salzwasser in der Küche – und zwar so lange, bis die Familie sich wieder an die Toten und ihr Schicksal erinnert.
So grausig diese Geschichten anmuten: Viel bedenklicher erscheint letztlich, dass die Schömberger Charlottenhöhe, wie die anderen 15 Orte, unter der übergeordneten Kategorie "Urlaubsziele" gelistet wird. Um ein Urlaubsziel handelt es sich bei dem alten Sanatorium allerdings mit Sicherheit nicht – schon deshalb, weil das Betreten des Anwesens strikt verboten ist. Denn die Bausubstanz ist einsturzgefährdet. Wer sich dort aufhält, bringt sich in Lebensgefahr. Auch ganz ohne Spuk und Geister.