Wie könnte sich das Bildungssystem unter einer neuen Landesregierung verändern? Weg vom Auswendiglernen, hin zum Lernen für’s Leben, ist der Wunsch des Vereins für Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg.Symbol-Foto: Pleul Foto: Schwarzwälder Bote

Bildung: Nach den Wahlen: Das verspricht sich Loßburgs Gemeinschaftsschulleiter von einer neuen Landesregierung

Die Koalitionsverhandlungen in Stuttgart laufen. Eine neue Landesregierung in Baden-Württemberg bedeutet Chancen auf Entwicklungen im Bildungswesen. Schulleiter Thomas Gisonni, der auch im Verein für Gemeinschaftsschulen aktiv ist, erklärt, was sich künftig ändern müsste.

Loßburg. "Eine Legislaturperiode der Verklärung und des Rückschritts geht zu Ende", schreibt Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen Baden-Württemberg, per Mitteilung. Lehrerversorgung, Bildungsqualität und Gräben, die die Ministerin zwischen den Schularten gezogen habe, seien Baustellen. Es werde Zeit, dass die Schulwelt wieder Fahrt aufnehme. Statt eine Parallelwelt mit eigenen Regeln zu kultivieren, müsse die Politik die Schulen mitten ins Leben holen.

Doch wie kann das gelingen? Da, so ist sich Schulleiter Gisonni sicher, könne nur ein kommunikativ, kreativ und kritisch handelndes Kultusministerium in Kombination mit einer klug angelegten Beteiligungsstrategie Bildung in die Zukunft tragen. "Die an die Schule anschließenden Institutionen wie Ausbildungsbetriebe oder Hochschulen klagen seit Jahren, dass Schulabgänger über den reinen Wissenserwerb hinaus schlecht aufgestellt sind", erklärt er. "Die für eine erfolgreiche Bildungszukunft notwendigen ›4-K-Kompetenzen spielen leider lediglich eine untergeordnete Rolle." Die scheidende Regierung habe sich bei Prüfungen stark auf das reine Faktenwissen konzentriert. "Vier K" stehe für Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und kritisches Denken. "Wer nur auswendig lernen kann, ist auf die verrückte Welt da draußen nicht gut vorbereitet." Die heutige Lebenswelt sei geprägt von Unsicherheit und Komplexität. Corona sei vielleicht nur der Anfang, niemand wisse, was in Zukunft noch komme. Gisonni nennt den Klimawandel als Beispiel. "Und mit völlig neuen Situationen umgehen, das können nur gefestigte Persönlichkeiten, die ihre Stärken kennen und gelernt haben zu hinterfragen, Dinge zu erforschen und Probleme kreativ zu lösen."

Das ganze Bildungssystem ändern?

Schulen arbeiten jedoch sehr fehlerorientiert, sagt er. Stattdessen sollten sie darauf achten, was die Schüler können und ihre Stärken fördern.

Muss also das ganze Bildungssystem geändert werden? "Das ist gar nicht nötig", sagt Gisonni. "Es gibt schon sehr gute Ansätze im Bildungsplan. Nur sind die Prüfungen und Leistungserhebungen nicht daran angepasst." Ein paar der Ansätze werden an seiner Schule schon umgesetzt. Zum Beispiel das "Coaching", wie er erklärt. Jeder Schüler führe jede Woche ein Gespräch mit einem Lehrer, der ihn gut kenne. Darin gehe es um seine Stärken, Entwicklung und um Lösungsmöglichkeiten für Probleme.

Das Coaching und dergleichen, so Gisonni, sollten flächendeckend eingeführt werden. "Alle Schularten müssen in diese Richtung denken. Wir müssen in Hinblick auf die Zukunft zusammenarbeiten." Momentan stehen die Schularten stark in Konkurrenz zueinander, wenn es um den Kampf um Schüler geht. Vor allem die Gemeinschaftsschule ist ein Konkurrent für alle anderen Schularten. "Dabei sollten die Schulen eher gemeinsam überlegen, wie man für die Kinder das Beste erreichen kann."

Wirtschaftssektor als Vorbild für Schule

Auch aus der Wirtschaft könne die Bildungslandschaft einiges lernen. "Unternehmen wie zum Beispiel Arburg müssen zeitgemäß arbeiten, weil es bei denen ums Geld geht. Sie konzentrieren sich auf Teamarbeit, Kernkompetenzen, Kommunikation und kritisches Denken." Das solle auch an Schulen Standard werden, ebenso wie bei den Entscheidungsträgern. "Bildung muss Teamsport werden", sagt der Direktor. "Landesinstitute, Schuladministration und Kultusministerium müssen an einem Strang ziehen und gemeinsam mit allen Schulakteuren Zielklarheit herstellen. Das vermittelt auch Beteiligung, Transparenz und Akzeptanz." In der Vergangenheit haben die Schulen immer lediglich neue Verordnungen von oben gekommen. "Mit uns geredet hat niemand. Wir hoffen zukünftig auf eine bessere Kommunikation."

Starre Vorstellungen und unbewegliche Amtsspitze

Was den Regelunterricht in Corona-Zeiten angehe, seien kreative Lösungsansätze und innovativer Unterricht bis dato "den starren Vorstellungen einer unbeweglichen Amtsspitze zum Opfer gefallen", formuliert Vereinsvorsitzender Wagner-Uhl. "Die Schulwelt hat vom Stillstand der letzten fünf Jahre die Nase gestrichen voll. Nach der Landtagswahl steht die Ampel nun auf grün – es ist an den Grünen Wahlsiegern, den richtigen Gang einzulegen, damit das Land bei seinem Zukunftskurs kräftig Fahrt aufnehmen kann", so Wagner-Uhl.

"Es wird die Frage sein, wer das Kultusministerium besetzen wird", ergänzt Gisonni. "Wenn es in CDU-Hand bleibt, befürchte ich Stillstand. Innerhalb einer Ampelkoalition könnte ich mir von allen Parteien vorstellen, dass notwendige Themen angegangen werden." Über den Verein für Gemeinschaftsschulen finden im Moment zahlreiche Gespräche mit Vertretern der Parteien statt, und sowohl bei den Grünen, der SPD wie auch der FDP sei die Bereitschaft da, Bildung über Legislaturperioden hinaus zu denken.

Neue Sichtweisen im Fall einer neuen Konstellation im Ministerium bringen Hoffnung auf Veränderung. Und die, findet Gisonni, sei bitter nötig. "Wenn man sich die großen Aufgaben unserer Zeit ansieht, findet man in den letzten Jahren wenig bis gar nichts, was die alte Landesregierung für die Schulen geleistet hat." Viele positive Entwicklungen seien sogar wieder zurückgegangen. "Zum Beispiel die Art, wie geprüft wurde. Früher gab es eine Kompetenzprüfung, für die Schüler ein Jahr lang ein Thema selbst erforscht und erarbeitet haben, das sie am Ende präsentieren konnten." Das sei wieder abgeschafft worden. Anordnung von oben. Stattdessen gab es eine schriftliche Französischprüfung mehr. "Wir müssen endlich anfangen, mehr darauf zu achten, was Schüler im Leben einmal brauchen."

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