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Loßburg Helikopter verteilen weißes Pulver über Wald

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Das Material wird vom Hubschrauber über einen trichterförmige Kübel abgeworfen. Foto: Fuchs

Loßburg - Wer in diesen Tagen in den Wäldern rund um Loßburg unterwegs ist, wundert sich vielleicht über weißes Geriesel - es sei denn, er hat die Warnschilder gesehen. Es handelt sich jedenfalls nicht um Schnee. Warum Helikopter gerade im Pendelverkehr ein weißes Pulver über dem Wald abwerfen, erfahren Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Metallisches Surren hallt durch den Wald und wird allmählich lauter. Der Hubschrauber kann nicht mehr weit sein. Am Rand des Waldwegs wartet der Radlader mit voller Schaufel. Da taucht das blau-gelbe Ungetüm auch schon über den Baumwipfeln auf. Unter dem Lärm der Rotorblätter gehen alle Geräusche unter und ein orkangleicher Sturm wirbelt den Waldboden auf, als sich die Maschine geschickt zwischen den dicht stehenden Bäumen senkt. Landen kann sie nicht und das wäre kostentechnisch auch kontraproduktiv. An Seilen hängt ein Kübel, der auf den Boden gelassen wird. Eine Radladerschaufel voll Kalk wird hineingeschüttet. Staubwolken sausen über den Boden und dann ist der Hubschrauber auch schon wieder am Abheben. Dieses Schauspiel wiederholt sich ein Mal pro Minute, denn es darf keine Zeit verloren werden.

"Das kann nicht klappen"

"Wenn man einmal mitfliegt, denkt man die ganze Zeit, das kann nicht klappen", meint Stefan Krämer, der beim Kreisforstamt für die Waldkalkung zuständig ist. "Man erwartet jeden Moment, irgendwo hängenzubleiben, aber der Pilot sagt: ›Keine Sorge, es sind noch 50 Meter bis zu den Bäumen‹." Es sei Maßarbeit, die die Piloten beim Einsatz im Wald leisten. Zumal sie Kübel und Bäume nur über Spiegel sehen können und so die Entfernungen abschätzen müssen. Abgeworfen werde der Kalk per Fernsteuerung, die eine Drehscheibe unter dem Kübel in Bewegung setze.

Als der Hubschrauber zurück zur Ladestelle kommt, erlebt Krämer zum ersten Mal, dass der Kübel doch tatsächlich eine Baumspitze streift. Ein paar Blätter fallen und es rieselt Kalkstaub, aber der Pilot meistert die Situation souverän. "Das sind echte Profis", meint Krämer.

Auf einer Fläche von 700 Hektar werden innerhalb der ersten zwei Juliwochen auf diese Weise 3,21 Tonnen Kalk pro Hektar ausgetragen. Diese Kalkmenge hält etwa 15 Jahre, wie Krämer erklärt.

Schäden durch sauren Regen machen Schädlingen leichtes Spiel

In diesem Jahr sind die Waldgebiete bei Hinterrötenberg, Büchenberg, Loßburg und Freudenstadt dran. An diesem Tag geht es mit Hinterrötenberg los. Hier ist der Hubschrauber zwei bis drei Tage lang unterwegs. Es folgt Loßburg, Oberer Wald, mit drei bis vier Tagen und schließlich, für die kommende Woche, ist Freudenstadt eingeplant. In dieser Zeit ist der Hubschrauber etwa neun Stunden täglich in der Luft.

"Man kann Kalk auch mithilfe von speziellen Lastwagen in den Wald blasen", erklärt Krämer. "Aber dazu ist eine Infrastruktur nötig, die wir hier nicht haben." In der Schwarzwaldregion werde daher immer mit dem Hubschrauber gekalkt.

Aber warum?

Warum aber eigentlich das Ganze? Die Antwort lautet: Saurer Regen. "In den 80er-Jahren war der Schadstoffausstoß an Stickstoff- und Schwefeloxiden besonders hoch. Das hat den Grund nachhaltig geschädigt", sagt Krämer. "Hier im Schwarzwald hat der Boden von Haus aus einen hohen Säuregehalt. Ohne den zusätzlichen Kalk würden die Bäume Schäden davontragen." Das wiederum verschaffe Schädlingen leichtes Spiel.

Der Kalkung gehen gründliche Bodenuntersuchungen voraus. Die Zusammenarbeit mit der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg sei da wichtig, meint Krämer. Die liefere die Planungsgrundlage. Es werde genau festgelegt, wo gekalkt werden dürfe und an welchen Stellen – in sogenannten Ausschlussbereichen – eben nicht. "Es kann verschiedene Gründe haben, dass ein Gebiet ausgespart wird", meint der Sachgebietsleiter. "Es handelt sich da teils um Biotope, teils um Straßen oder auch wie hier", er deutet auf das Tal links des Waldwegs, über den er rumpelt, "um Wasserschutzgebiete." Dort unten liegt die Kleine Kinzig, ein wichtiger Trinkwasserlieferant. "Der Pilot fliegt mit GPS-Unterstützung und ein Aufzeichnungsgerät erfasst genau, wo er vorbeigekommen ist."

Am Ende einer Weggabelung hält Krämer an und holt ein Plakat mit Wissenswertem über die Bodenschutzkalkung von der Rückbank. Er hängt es neben einer Absperrung auf. Schließlich sollen die Waldbesucher auch wissen, warum sie das Gebiet nicht betreten sollen. "Im Grunde ist der Kalkregen ungefährlich", erklärt Krämer. "Aber es können auch mal größere Klumpen herunterfallen, die man nicht unbedingt auf den Kopf kriegen will." Wer die Absperrungen missachte, tue das auf eigene Verantwortung.

Monate fernab der Heimat gehört für die Piloten zum Job

Auf dem weiteren Weg durch das Kalkungsgebiet kommt der Mann vom Kreisforstamt an anderen Ladestellen vorbei, an denen Kalkberge noch aufgeschichtet darauf warten, ihren Zweck zu erfüllen. "Der Kalk kommt mit dem Lastzug aus dem Steinbruch hierher. Das organisiert die Helix Fluggesellschaft selber, die die gesamte Maßnahme durchführt." Krämer sei mit den Verantwortlichen vorab im Wald unterwegs gewesen, damit diese sich ein Bild vom Gebiet machen konnten. Es mussten Lagerstellen für den Kalk gefunden werden, wo der Hubschrauber auch eine Einflugschneise von mindestens 20 Metern hat.

Bei Hinterrötenberg taucht vor Krämers Auto eine Lichtung auf, auf der der Hubschrauber betankt wird. 200 Liter verbraucht er pro Stunde. Der zweite Pilot packt beim Kerosin zapfen an, während der erste die Maschine wieder zum Abheben bereit macht. Für die Männer ist ihr Job Routine. Als der Hubschrauber mit Getöse auf der freien Fläche aufsteigt, hilft nur noch gegen den Wind lehnen. Es wird deutlich, welche Kräfte am Werk sind.

"Es ist eine komplizierte Arbeit und gleichzeitig Akkordarbeit"

"Natürlich ist das kein ungefährlicher Job", meint Björn Muth, der am Boden zurückbleibt. Für gewöhnlich ist nur ein Pilot vor Ort, doch es ist Übergabetag. Der erste Pilot geht heim und Muth fliegt die nächsten Tage allein weiter. "Aber wenn man sich Gedanken darüber macht, was passieren kann, dann darf man erst gar nicht einsteigen." Das wichtigste sei, gründlich zu arbeiten. "Es ist eine komplizierte Arbeit und gleichzeitig Akkordarbeit", erklärt der Pilot von der Firma Helix. "Aber man darf nicht hektisch werden, sonst passieren Fehler." Es fliege kein Pilot direkt nach der Ausbildung bei der Waldkalkung mit. In den ersten Jahren seien die Aufgaben einfacher, es gehe um das Erfahrungen sammeln. Da dürfte die Auswahl bei Helix groß genug sein, denn das Unternehmen leistet auch Transport- und Montageflüge, Hütten- und Baustellenversorgungen und eigentlich alles, wozu Hubschrauber gebraucht werden. Dementsprechend arbeiten die Mitarbeiter über das ganze Land verstreut. Monate fernab der Heimat gehören dazu. "Für diesen Job muss man gemacht sein", meint Krämer, der die Piloten täglich besucht.

An diesem Tag kommen die Piloten weit mit der Arbeit. Wenn die Flüge um Loßburg herum abgeschlossen sind, haben die im Rahmen dieser Maßnahme gekalkten Waldgebiete wieder zehn bis 15 Jahre lang Ruhe. Der Kalk wird mit dem nächsten Regen in den Grund gespült. "Die Aktion ist hochkomplex. Kaum jemand ahnt, welche Organisationsarbeit dahinter steckt", meint Krämer, während er von einem erhöhten Waldweg aus versucht, einen Blick auf den Hubschrauber zu erhaschen. Zwischen den Bäumen ist er nur sekundenweise zu entdecken, wenn er weiße Kalkschwaden hinter sich herzieht. Dann verschwindet er auch schon wieder mit metallischem Surren zwischen den Kronen, um die nächste Ladung abzuholen.

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