Das neue Schulungscenter Foto: Arburg

Neuer Trakt an Stammhaus setzt Maßstäbe. Hightech, Innovation und Ressourcenschonung uunter einem Dach.

Loßburg - Auf der einen Seite des Werksgeländes wird noch gebaut, auf der anderen bereits gefeiert: Der Loßburger Maschinenbauer Arburg hat am Freitagabend sein neues Schulungscenter eingeweiht.

Glück braucht der Mensch. Während die Landratsämter der Nachbarkreise empfehlen, nach Coronafällen alle Veranstaltungen mit mehr als 75 Teilnehmern bis auf Weiteres abzublasen, ist es im Raum Freudenstadt noch ruhig. Nach Unternehmensangaben rund 170 Gäste kamen am frühen Abend zusammen, um den neuen Trakt des Stammwerks offiziell einzuweihen. Verzichtet wurde an diesem Abend auf Handschläge zur Begrüßung, eine Verbeugung oder ein Ellbogen-Check waren akzeptiert. Ansonsten verlief der offizielle Teil planmäßig.

Der Neubau steht sinnbildlich für die Philosophie des Spritzgieß-Maschinenhersteller

"Wir alle sind sehr stolz auf das, was hier entstanden ist", sagte Michael Hehl, geschäftsführender Gesellschafter und Sprecher der Geschäftsführung von Arburg. Das neue Schulungscenter sei "ein Gebäude der Zukunft und für die Zukunft, das Ästhetik mit Funktionalität in einer herausragenden Weise" verbinde. Der Neubau stehe sinnbildlich für die Philosophie des Spritzgieß-Maschinenherstellers für die Kunststoffverarbeitung: "Egal, ob wir Produkte oder Verfahren entwickeln, oder ob wir bauen: Wir bringen Hightech und Innovation mit Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit zusammen", sagte Hehl. Das sei auch für Planer und ausführende Unternehmen keine leichte Aufgabe gewesen. Die Architekten Schmelzle und Matt hätten jetzt sicher "das eine oder andere graue Haar" mehr. Doch es habe sich gelohnt.

Ein zweistelliger Millionenbetrag sei in das Schulungscenter geflossen. Die Fassade mit Doppelverglasung, Niedertemperaturnutzung und Vollklimatisierung sowie die Nutzung von Regenwasser schone die Umwelt. Trotz Hightech und Digitalisierung spiele "nach wie vor der Mensch eine ganz entscheidende Rolle" in der Frage, ob die Zukunft erfolgreich werde. "Der Mensch ist und bleibt das Maß der Dinge", so Hehl. Die Räume seien komplett digitalisiert und mit den Anlagen in der Maschinenhalle vernetzt. Kunden sollen hier an den Arburg-Maschinen – vom Spritzguss bis zur "additiven Fertigung", landläufig als 3D-Druck bezeichnet – sowie den dazugehörigen Systemen geschult werden, um die Möglichkeiten ihrer Anlagen voll ausschöpfen zu können. Auch die Mitarbeiter profitieren, so Hehl. Auf der "Bel Etage" entstehe derzeit ein Gesundheitscenter, das von Sport-Therapeuten betreut wird und das die Belegschaft kostenlos nutzen kann. Das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter liege dem Unternehmen am Herzen. Der neue Komplex, der in dreijähriger Bauzeit entstand, unterstreiche auch den "hohen Stellenwert", den der Standort Deutschland im Allgemeinen und Loßburg im Besonderen für Arburg habe.

Landrat Klaus Michael Rückert bezeichnete das neue Schulungscenter als "großartigen Gewinn", es schlage mehrere Fliegen mit einer Klappe. "Fachliche Schulung, Gesundheitsprävention und erstklassige Arbeitsplätze unter einem Dach", so Rückert. Und das alles sei "umgeben von der einzigartigen Naturlandschaft" des Landkreises Freudenstadt. "Das ist Hightech und Tannenduft pur", so der Landrat. Er zolle "riesengroßen Respekt", für die unternehmerische Leistung, die Standorttreue von Arburg und das Projekt, das Bauwerken selbst in Ballungsräumen voraus sei. "Wir können nur Danke sagen, dass Arburg in einer globalisierten Welt in Loßburg bleibt und Qualität ›Made in Schwarzwald‹ produziert", so Rückert. Der Gleichklang von Qualität, Innovation, Menschenfreundlichkeit und Ästhetik sei es, der Arburg so "einzigartig und erfolgreich" mache. Dass das Unternehmen gerade in diesem Jahr wegen des Coronavirus auf die Hausmesse "Arburg Technologietage" mit tausenden Kunden aus aller Welt verzichte, zeuge vom Verantwortungsbewusstsein der Geschäftsführung gegenüber Kunden und Belegschaft.

Kein anderer mittelständischer Betrieb hat Loßburg so geprägt

"Kein anderer mittelständischer Betrieb hat unsere Gemeinde seit bald 100 Jahren so geprägt wie Arburg", so Bürgermeister Christoph Enderle. Die Allrounder-Spritzgießmaschinen seien eine "weltweite Werbung" für Loßburg. Er dankte der Unternehmerfamilie Hehl für die Investition in Loßburg. Die Gemeinde revanchiere sich, indem sie Flächen für die weitere Expansion sichere und die Infrastuktur an Erfordernissen von Betrieb und seinen Mitarbeitern anpasse.

Architekt Siegfried Schmelze von Schmelzle und Partner atmete nach vollendetem Werk durch: "Wenn sehr viele unterschiedliche Funktionen zu berücksichtigen sind, sind Pläne und Bauwerke meist höchst kompliziert." Bei Arburg sei das "aber nichts Besonderes". Der frei schwebende Gebäudeteil sei "die konsequente Fortführung der Linienführung des Mehrzweckgebäudes". Da es an geeignetem Baugrund fehle, ruhe der Neubau auf 165 Betonpfählen. Ein Anbau an ein bestehendes Industriegebäude sei darüber hinaus "technisch komplex". Da Beton größte CO2-Quelle am Bau sei, sei es Ziel gewesen, so wenig wie möglich davon zu verwenden. In Zwischendecken seien deshalb Kunststoffballons eingelassen worden. Das habe in Summe 1800 Tonnen Beton gespart. "Mit dem eingesparten CO2 könnte man eine Million Kilometer mit dem Auto fahren", so Schmelzle. Auch mit der beheizten Hoffläche sei Arburg "Innovationstreiber". Dafür sei ein komplett neues System entwickelt und zum ersten Mal verbaut worden, so Schmelzle, dessen Büro seit 1998 mit Arburg zusammenarbeitet. Das Unternehmen habe seine Fläche in 20 Jahren mehr als verdoppelt. "Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte", so Schmelzle.

Info: Das Schulungscenter in Zahlen

Der Neubau hat eine Nutzfläche von 13 700 Quadratmetern und eine Höhe von 31 Metern. Im Erdgeschoss stehen 2200 Quadratmeter Fläche für die Schulung von Kunden zur Verfügung. Herzstück ist die Maschinenhalle mit rund 1200 Quadratmetern und Platz für 15 Spritzgießmaschinen aller Größen und Typen der Serie "Allrounder". Im Obergeschoss stehen für Unterricht elf Räume für insgesamt mehr als 150 Teilnehmer zur Verfügung. Im zweiten und dritten Stock sind Großraumbüros für die Arburg-Verwaltung mit bis zu 160 Arbeitsplätzen untergebracht. Architektonischer Hingucker ist die sogenannte Auskragung, ein freischwebender Teil ab Etage zwei in neun Metern Höhe. Der Überhang über der Arthur-Hehl-Straße beträgt bis zu 13 Meter. Für die Konstruktion wurden 1,80 Meter hohe und breite sowie 25 Meter lange Doppel-Stahlträger mit 79 Tonnen Gewicht verbaut. Die gesamte Glasfläche umfasst etwa 7200 Quadratmeter. In Etage vier befindet sich das 750 Quadratmeter große Gesundheitscenter des Unternehmens, das Ende April eröffnet werden soll. Ausgestattet wird es mit Trainingsgeräten und Kursräumen. Zwei Sporttherapeuten geben Kurse. Das Angebot ist für die Mitarbeiter kostenlos. Das Schulungsteam besteht aus 30 Mitarbeitern. Alleine in Deutschland habe Arburg in den vergangenen Jahrzehnten rund 120 000 Besucher geschult. Pro Jahr seien es etwa 3500 Teilnehmer, die die 700 Schulungsangebote besuchen. Der Neubau erweitert die Gesamtnutzfläche des Stammwerks auf rund 180 000 Quadratmeter. Mit der neuen Montagehalle, die derzeit entsteht, steigt die Gesamtnutzfläche des Werks in Loßburg auf mehr als 200 000 Quadratmeter. Arburg beschäftigt rund 3200 Mitarbeiter, davon etwa 2650 in Deutschland.

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