Loriot blickte frech, aber doch liebevoll aufs Allzumenschliche. Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Seine Figuren wirken wie aus längst verblassten Zeiten. Wieso können sich trotzdem noch so viele schieflachen über Loriots Zeichnungen und Filme?

Warten zwei Männer aufs Fernsehinterview. Fragt der eine: „Kennen Sie eigentlich Günther Belinski? Mit dem war ich in einer Klasse.“ Aber nein, Professor Heubel kennt weder Belinski noch Schöttel. Dem ist der Reporter einmal begegnet – in Krefeld. Klingt so der Small Talk der Männer, die die Welt bewegen? Geplapper über Klassenkameraden und Krefeld?

 

Loriot blickte hinter die Fassade. Ob Wichtigtuer oder Würdenträger, Pedanten oder Pantoffelhelden, in seinen Zeichnungen und Sketchen entpuppen sie sich als Menschen wie du und ich. Sie plustern sich auf und sind dabei so lachhaft wie der Rentner, der im Geschäft erst mal verkündet: „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“

Es gibt noch reichlich Loriot-Fans

An diesem Sonntag wäre Vicco von Bülow alias Loriot hundert Jahre alt geworden, ein Alter, bei dem das Lebenswerk anderer längst unter einer Staubschicht versunken ist. Loriot ist dagegen präsent – im Theater, Fernsehen und bei Streamingdiensten. Offenbar lieben nach wie vor sehr viele seine geflügelten Wörter und Sätze, die es sogar in den täglichen Sprachgebrauch geschafft haben: „Krawehl, Krawehl“ und „Früher war mehr Lametta“, „Ein Klavier, ein Klavier“ und natürlich: „Die Ente bleibt draußen!“

Bloß, warum kann man noch immer über Loriots Knollennasen lachen, die mit ihren Hosenträgern und Manschettenknöpfen, Perlenketten und Kochtopffrisuren so unübersehbar ins muffige Nachkriegsdeutschland gehören? Loriot mokierte sich über Marotten und Missgeschicke einer Gesellschaft, die sich den Anstrich spießbürgerlicher Korrektheit gab – anständig, sauber und fleißig. Hier saugt und bläst der neue „Heinzelmann“ – und allein der Name bringt das Wohlstandsversprechen in Verbindung, an dem sich die Nation damals förmlich berauschte.

Selbstbetrug und Eitelkeiten

Dabei berührte Loriot allerdings eben immer auch Allgemeines und Allzumenschliches, das weit über das Zeitkolorit hinausgeht. Seine eigentlichen Themen waren Eitelkeit, Wortgeklingel und Selbstdarstellung – was so heutig ist wie die verquere Logik, mit der seine Figuren die Dinge verdrehen, um besser dazustehen. So schwadroniert der Ehemann vor dem kaputten Fernseher: „Es ist schon eine Unverschämtheit, was einem so Abend für Abend im Fernsehen geboten wird. Ich weiß gar nicht, warum man sich das überhaupt noch ansieht.“

All das wäre nur halb so amüsant, wäre Loriot nicht so ein unerbittlicher Perfektionist gewesen. Das Zeichnen lehrte ihn, Dinge auf den Punkt zu bringen, eine Gabe, die sich auch an den Filmen ablesen lässt. Evelyn Hamann wurde zur kongenialen Partnerin, weil sie Augenbrauen, Mundwinkel, Blicke im Grunde wie eine gezeichnete Figur einsetzte. Wie sie sich als Fernsehansagerin verheddert mit dem englischen „th“ bei North Cothelstone Hall und Lady Hesketh-Fortescue, das ist allerfeinste Kunst.

Heile Welt mit Abgründen

So frech sich Loriot über sich und alle anderen lustig machte, er war nie zotig, plump, ordinär oder gar sarkastisch, weshalb man seinen liebevollen Blick aufs Allzumenschliche mitunter als harmlos abgetan hat – zu Unrecht. Nach außen mögen seine Figuren ihre gesellschaftlich zugewiesenen Rollen artig spielen, dabei unterwandern sie diese aber durchaus subversiv – wie die Hausfrau, die ihre Macht am heimischen Herd lustvoll ausspielt und dem Gatten nicht nur ein hartes Ei serviert, sondern das rhetorisch gewitzt verteidigt.

Und wenn die Försterin ihren Gatten gleich ganz umbringt, bleibt kein Zweifel, dass Loriot sehr genau um die Abgründe hinter der schönen Fassade wusste: „Nun muss die Försterin sich eilen, den Gatten sauber zu zerteilen . . . Behält ein Teil Filet zurück, als festtägliches Bratenstück.“