Armand Scherer hat die Führung in Zusammenarbeit mit der VHS Weil geleitet. Foto: Ulrich Tromm

Eine tragische deutsch-französische Geschichte war kürzlich Thema bei einer lokalhistorischen Führung in Hüningen, organisiert von der VHS Weil am Rhein.

Armand Scherer, Mitglied des Geschichtsvereins von Hüningen und Umland, erinnerte dabei an das Schicksal von zwei Hüninger Ehepaaren, die in den letzten Kriegstagen von der Gestapo hingerichtet wurden – genau an dem Ort, wo heute die Dreiländerbrücke als Symbol für die Freundschaft beider Länder steht.

 

Am 21. November 1944 lagen die Nerven der Wehrmacht in Hüningen blank. Das benachbarte St. Louis war quasi kampflos an französische Truppenverbände gefallen. Der bis dato im Untergrund agierende Widerstand – die Forces françaises de l’intérieur – spielte nun einen aktiven Part bei der Verteidigung des befreiten St. Louis. Waffen gab es zuhauf, denn diese musste die Wehrmacht bei ihrer kopflosen Flucht über die schweizerische Grenze zurücklassen.

Rückeroberung gelingt zunächst nicht

Nun hatte auch Hüningen einen ersten Vorstoß französischer Verbände erlebt. Zwei Panzerspähwagen hatten es bis zum Ortsrand von Hüningen geschafft; einer wurde abgeschossen, der andere machte kehrt.

Am späten Nachmittag des 21. November durchsuchten Soldaten der Wehrmacht unter Führung eines Feldwebels Kellerräume, offenbar, um Beweise für eine Zusammenarbeit der Bewohner mit den vorrückenden französischen Verbänden zu finden. Damals, so Armand Scherer, wohnten die Menschen nicht in ihren Wohnungen. Sie suchten In Kellern Zuflucht vor dem Kriegsgeschehen.

Wehrmachtssoldaten verhören Bewohner

Nach welcher Art von Indizien suchten die Wehrmachtssoldaten? Es ging um Lichtsignale zur Orientierung der französischen Verbände, die man vermeinte ausgemacht zu haben.

Indes, die Wehrmachtsleute zogen unverrichteter Dinge ab. Zu Verhaftungen kam es zunächst nicht. Erst am Abend gegen 20.30 Uhr kehrten die Soldaten zurück, um alle Bewohner eines zuvor durchsuchten Hauses – dem Hotel Central – zu verhaften und in das „Haus der Partei“ zu verbringen. Dort wurden sie einem ersten Verhör unterzogen. Nun trat Willi Hahn, Chef der Lörracher Gestapo, auf den Plan. Um 2 Uhr nachts beorderte er die Gestapomänner Schrimm und Schmidt in die Gestapozentrale in der südlichen Villa im Aichelepark. Sie machten sich unverzüglich auf den Weg, zunächst mit einem Kraftfahrzeug, dann mit einem Sturmboot über den Rhein. Sie begannen sofort mit dem Verhör der Festgehaltenen.

Gestapochef Willi Hahn drängt zur Eile

Aus Lörrach drängte Gestapochef Willi Hahn gegen 9 Uhr zur Eile, denn es galt, zügig ein Exempel zu statuieren. Der weitere Ablauf ist einer Aussage zu entnehmen, die Schmidt bei seinem polizeilichen Verhör am 24. Oktober 1945 in Weil machte. „Schrimm sagte mir, zwei Männer und zwei Frauen hätte er bereits überführt.“ Obgleich Schrimm noch nicht alle Verdächtigen vernommen hatte, fiel die Entscheidung, es bei den zwei Ehepaaren zu belassen. Es waren dies das Ehepaar Riffennach, Jacques war Lagerist, Julie Büroangestellte, und das Friseurehepaar François und Marthe Steffan. Für alle vier erging das Todesurteil. Die Hinrichtung fand gegen 17 Uhr unweit der Stelle des Zugangs zur Dreiländerbrücke statt. Schmidt war bei diesen Hinrichtungen anwesend und berichtete im schon genannten Verhör, dass die Ehefrauen weinten.

Die Gestapozentrale in der südlichen Villa im Aichelepark in Lörrach – von hier aus nahm das Unheil seinen Lauf. Foto: Duc Tran

Die hier beschriebene Form des Terrors hatte Methode. Die Ermordung der Ehepaare wurde 1947 in einem Prozess des Tribunals von Metz verhandelt. Hier sagte der Hauptangeklagte Erich Isselhorst, Chef des NS-Sicherheitsdiensts im Elsass, aus, Gauleiter Robert Wagner, habe Weisung erteilt, alle der Spionage überführte Personen ohne Gerichtsurteil hinzurichten.

NS-Presse schreibt von „Volksverrat“

In Hüningen gilt es bis heute dem Vernehmen nach als ausgeschlossen, dass die Ehepaare Riffennach und Steffan überhaupt in der Lage gewesen wären, Lichtsignale zu senden. Offenbar genügte zu ihrer Überführung das Vorhandensein einer Taschenlampe.

Vollends zum Schwindel geriet der Bericht über die Ereignisse in Hüningen in der NS-Propaganda. Die „Straßburger Neuesten Nachrichten“ schrieben: „Bei dem überraschenden Einbruch gaullistischer Kolonialverbände in das Oberelsass war auch Hüningen vom Feinde besetzt worden. Nach kurzer Zeit wurde Hüningen von der Wehrmacht zurückgenommen. Die Masse der elsässischen Bevölkerung verhielt sich während der kurzen Besetzung so, wie man es von deutschen Menschen erwarten muss. Eine Ausnahme machten vor allem zwei Ehepaare, die dem Feind in jeglicher erdenklichen Weise Vorschub leisteten und somit in gemeinster Weise ehr- und charakterlosen Volksverrat begingen.“

Wehrmacht zieht acht Tage später aus Hüningen ab

Von Lichtsignalen ist nun überhaupt nicht mehr die Rede. Auch wenn dieser Propagandabericht die Tatsachen auf den Kopf stellte, wird doch klar, worum es eigentlich ging: Es galt, die Zivilbevölkerung durch Terrormaßnahmen von jeglicher Widerstandshandlung abzuschrecken. Und doch musste die Wehrmacht nur acht Tage nach der Hinrichtung der unglücklichen Ehepaare Hüningen räumen.

Armand Scherers sehr persönliche Schilderung der tragischen Ereignisse ließ die Gäste sichtbar berührt. Zu Brückenschlägen im Europa der Grenzregion, so hieß es aus dem Teilnehmerkreis, gehört eben auch die Empathie für das erlittene Leid der Menschen der Weiler Partnerstadt Hüningen.