Dass Löwenzahn und Co. mehr sind als nur lästig – darauf wird am heutigen „Ehrentag des Unkrauts“ aufmerksam gemacht. Der Wildpflanzenexperte Rudi Beiser aus Friesenheim erklärt, welche Arten in der Region wachsen und für was sie gut sind.
Es wird herausgerissen, mit Gift vernichtet oder verbrannt: Unkraut, also Pflanzen, die zwischen angebauten Arten wild wachsen, wird meist als lästig erachtet.
Das viele Wildpflanzen jedoch Vorteile für die Tier- und Pflanzenwelt haben und sogar essbar und gesund sein können – darauf wird jedes Jahr am 28. März, am Ehrentag des Unkrauts, aufmerksam gemacht.
Unsere Redaktion hat bei Autor und Dozent Rudi Beiser aus Friesenheim, der sich seit Jahren mit Heilpflanzen und essbaren Wildpflanzen beschäftigt, nachgefragt, welche Arten in der Region zu finden sind und für was man sie nutzen kann.
Gänseblümchen helfen bei Husten
Wildkräuter in der Region: Zu den bekanntesten und am häufigsten anzutreffenden Wildpflanzen, die häufig als „Unkräuter“ bezeichnet werden, gehören laut Experte etwa der Ackerschachtelhalm, die Brennnessel, der Persische Ehrenpreis, das Gänseblümchen, die Gänsedistel, der Giersch, der Gundermann, der Löwenzahn sowie die Vogelmiere. „Sie werden als Unkräuter bezeichnet, weil sie uns auf dem Acker, im Rasen oder im Garten stören“, erklärt Rudi Beiser auf Nachfrage. Dabei könnten die meisten von ihnen als Heilpflanzen oder sogenanntes Wildgemüse genutzt werden. „Die Brennnessel ist zum Beispiel eine wertvolle Heilpflanze mit harntreibender und entzündungshemmender Wirkung. Außerdem könnten wir daraus einen wohlschmeckenden Spinat zubereiten, der mehr Kalzium, Eisen und Vitamin C enthält als die meisten Gemüse“, weiß der Friesenheimer. Das Gänseblümchen helfe bei Husten und die Blüten der Pflanze seien zudem eine schöne essbare Dekoration. Der Löwenzahn sei appetitanregend und helfe bei Verdauungsbeschwerden. „Zudem zählt er zu den besten Wildgemüsen mit einem hohen Gehalt an Kalium und Provitamin A“, betont er.
Vorteil für die Natur: Bei Wildkräutern komme es häufig vor, dass bestimmte Tierarten auf eine bestimmte Pflanze spezialisiert seien. Wenn die Pflanze verschwinde, sei auch die Tierart gefährdet, so der Experte. „An den roten Klatschmohn ist beispielsweise die Mohn-Mauerbiene gebunden. Manche Pflanzen sind für viele Tierarten überlebenswichtig. Die Brennnessel ist beispielsweise für mehr als 30 Schmetterlingsarten eine wichtige Futterpflanze“, erklärt Beiser.
Arten auf der Roten Liste: Besonders Wildkräuter, die an landwirtschaftliche Flächen gebunden sind, seien in den vergangenen hundert Jahren stark zurückgegangen. „Viele Arten der Ackerwildkrautflora stehen auf der Roten Liste, zum Beispiel Adonisröschen, Kornrade, Ackerrittersporn. Dabei spielen sowohl neue Saat- und Erntetechniken, aber auch das Ausbringen von Herbiziden eine Rolle“, erklärt der Friesenheimer Autor. Andererseits würden durch die Globalisierung seit Jahrhunderten auch ständig neue Arten in die Region dazukommen. „Der Persische Ehrenpreis, heute eines der häufigsten Unkräuter, war unseren Urgroßeltern noch unbekannt“, weiß Beiser.
Tipps für Sammler: Für jeden, der sich auf den Weg machen und Kräuter in der Region sammeln möchte, hat der Friesenheimer Tipps parat: Man sollte nur Wildkräuter sammeln, die man gut kennt und sicher bestimmen kann. „Es gibt bei manchen Wildpflanzen auch giftige Verwechsler, die ähnlich aussehen“, warnt er. Aber es gebe auch viele leckere und gesunde Wildpflanzen, die keine giftigen Verwechsler hätten, wie den Löwenzahn oder die Brennnessel. „Sicher ist es hilfreich, wenn man sich ein gutes Wildkräuterbestimmbuch und vielleicht ein Wildkräuterkochbuch zulegt“, rät er.
Der Begriff Unkraut: „Der Begriff Unkraut ist menschengeprägt. Gemeint sind damit Wildpflanzen, die aus unserer Sicht unerwünscht oder wertlos sind. Meist handelt es sich um Pflanzen, die ‚ungefragt‘ in unseren Gemüsebeeten, Rasenflächen oder Pflasterfugen auftauchen. Wenn wir die subjektive Sicht beiseitelassen, hat natürlich jede Wildpflanze im komplexen ‚Ökosystem Erde‘ eine Aufgabe“, erklärt der Kräuterexperte. Die „Unkräuter“ seien oft Nahrung für Insekten, Heilpflanzen mit vielen positiven Stoffen und viele von ihnen seien auch essbar. „Wir müssen uns bewusst machen, dass wir uns den größten Teil der Geschichte von Unkräutern ernährt haben. In der Altsteinzeit gab es weder Getreide noch Gemüse. Alle Kulturpflanzen wurden ja letztendlich aus Wildpflanzen selektiert und gezüchtet“, betont er.
Geschichte der Wildkräuter: Vor etwa 150 Jahren seien die meisten Wildkräuter laut Experte noch ein wichtiger Bestandteil der Medizin gewesen. In Notzeiten, etwa während der beiden Weltkriege, seien viele Wildkräuter zu Nahrungszwecken gesammelt worden. „Wenn wir zeitlich noch weiter zurückgehen, spielten Wildkräuter zudem im magischen Brauchtum eine wichtige Rolle: So glaubte man beispielsweise mit bestimmten Arten Gewitter und Unwetter fernhalten zu können“, erläutert Rudi Beiser.
Zur Person
Rudi Beiser aus Friesenheim beschäftigt sich seit 45 Jahren mit Heilpflanzen und essbaren Wildpflanzen. Er ist Autor mehrerer Bücher, die sich mit diesen Themen beschäftigen, zudem Dozent an verschiedenen Instituten. In seinen Seminaren geht es ebenfalls um Pflanzen. Wer Kontakt zu ihm aufnehmen möchte, erreicht ihn per E-Mail an info@rudibeiser.de oder unter Telefon 07821/99 77 61. Weitere Infos gibt es auf seiner Webseite unter www.rudibeiser.com.