Auch in Lörrach erleben wir einen abschreckenden Umgangston – häufig gegenüber von Einsatzkräften. Das ist verstörend, findet unsere Autorin.
Dein Freund und Helfer – dieses positive Bild herrschte lange vor bezüglich Polizeibeamten, aber auch sonstigen Einsatzkräften. Mittlerweile scheint sich da in bestimmten Kreisen der Bevölkerung etwas verschoben zu haben – nicht nur in Großstädten wie Berlin, sondern auch hier in Lörrach.
Traurig und frustrierend
Traurig, wahrscheinlich auch frustrierend findet der Lörracher Feuerwehrkommandant Michael Ortlieb die Tatsache, dass er und seine Kollegen mittlerweile regelmäßig bei Einsätzen verbal beleidigt, mit obszönen Gesten bedacht, hin und wieder auch bedroht werden. Dies geschieht bei Einsätzen, in denen die zu 90 Prozent ehrenamtlich arbeitenden Feuerwehrleute sich selbstlos aufmachen, um zu helfen: Um zu vermeiden, dass Brände übergreifen, das Haus und Hof zerstört, dass Leben gefährdet wird. Dafür müssen die Einsatzkräfte freie Fahrt haben, müssen Durchfahrten blockieren, den Verkehr – gemeinsam mit den Kollegen von der Polizei – stoppen, Bürger zu Umwegen zwingen. So wie gerade jetzt am Mittwoch bei einem Großbrand im Grüttweg. Ja, das nervt. Das stört, weil man die Kinder abholen muss, weil man in den Feierabend will, weil keiner einen Stau brauchen kann, und weil das Leben sowieso schon hektisch genug ist.
Ärgerlich, aber keine Katastrophe
Die Sperrung einer Verkehrshauptschlagader kann im schlimmsten Fall halb Lörrach verkehrstechnisch lahm legen. Es darf aber dennoch erwartet werden, dass man dieses ärgerliche Alltagshemmnis als das nimmt, was es ist: Ärgerlich, aber keine Katastrophe. Das könnte die Situation aber werden, wenn die Einsatzkräfte nicht ohne Behinderungen arbeiten können. Und doch gibt es vor allem Autofahrer, die Absperrungen missachten, aus dem Fenster pöbeln, unter der Gürtellinie gestikulieren. Mittlerweile werden die extremeren Fälle zur Anzeige gebracht. Zu Recht.
Klar, es braucht eine gewisse Resilienz, wenn man sich für einen Job als Rettungskraft entscheidet. Was aber macht es gerade mit jungen Nachwuchskräften, wenn sie privat alles stehen und liegen lassen, wenn sie sich mitunter in Gefahr begeben, wenn sie Tag und Nacht einsatzbereit sein müssen, wenn sie helfen – und sich dafür auch noch beleidigen lassen müssen?
Der Ton ist rauer geworden.
Der Ton ist rauer geworden. Der Feuerwehrkommandant ist überzeugt, dass sich in der Gesellschaft etwas verändert hat. Vor allem gegenüber Vertretern des Staates. Lörrach sei diesbezüglich keine Provinz mehr. Zwar sei die Zahl der Großereignisse nicht gestiegen, dafür aber die niedrigeren Delikte: angezündete Mülleimer, achtlos verwendete Böller, Zerstörungen. Schritten hier früher Bürger ordnend und helfend ein, werde dies nun meist der Feuerwehr überlassen.
Noch kommt es in der Stadt selten zu physischen Angriffen gegen Einsatzkräfte; noch muss das Personal nicht extra geschult werden, beispielsweise zur Selbstverteidigung. Doch der Weg, den die Gesellschaft nimmt, macht nicht nur den Kommandanten traurig.
Verrohung in vielen Bereichen
Die Verrohung betrifft inzwischen viele Bereiche: städtische Angestellte, THW, Sprechstundenhilfen, Hausmeister – auch Journalisten. Erklärungsversuche gibt es viele: Häufig wird die Negativwirkung von Social Media bemüht. Ein Zurück ins Idyll, wo jeder Polizist eine Respektsperson war, wird es nicht geben. So bleiben nur Appelle: an die Vernunft, an die Hinterfragung der eigenen Reaktionen, an die Wahrung des Respekts. Besonders gegenüber denjenigen, die für andere den Kopf hinhalten. Denn es kann der Tag kommen, an dem diejenigen, die sich heute pöbelnd aufregen, morgen deren Einsatz brauchen – als Freund und Helfer.