Susanne Daniel und Sebastian Feichtmair, der betont: „In einer zunehmend unsicheren geopolitischen Lage gewinnen persönliche Kontakte wieder massiv an Bedeutung und sind oft stabiler als offizielle politische Beziehungen. Foto: Markus Greiß

Interview:
Vertreter von „Lörrach International“ erläutern, warum europäische Städtepartnerschaften und Begegnungen heute noch von großer Bedeutung sind.

Lörrach pflegt seit vielen Jahren Städtepartnerschaften mit Sens und Village-Neuf in Frankreich, Senigallia in Italien, Chester in England und dem sächsischen Meerane. Außerdem ist die Lerchenstadt mit Wyschhorod in der Ukraine sowie Edirne in der Türkei befreundet. Und zwischen dem Landkreis Lörrach und dem Kreis Lubliniec in Polen gibt es eine weitere Partnerschaft. Wie ist es aktuell um diese Städtepartnerschaften und -freundschaften bestellt? Und warum sind sie – gerade aktuell – noch von Bedeutung: Dazu äußerten sich im Interview Sebastian Feichtmair (Vorsitzender) und Susanne Daniel (2. Vorsitzende) vom Verein Lörrach International.

 

Sind auf persönlichen Kontakten gegründete Städtepartnerschaften in Zeiten der Digitalisierung nicht längst überholt?

DANIEL: Gerade in Zeiten der Digitalisierung sind persönliche Kontakte sehr wichtig und ein Fundament der Völkerverständigung. Nach wie vor gibt es diese Kontakte und Begegnungen zwischen Lörrach und den genannten Städten in allen Altersgruppen. Von Lörracher Jugendlichen werden etwa die Austauschprogramme zwischen den Schulen der sogenannten Kleeblatt-Partnerstädte Sens, Senigallia, Chester und Lörrach sehr geschätzt. Und durch die Jugendspiele, zu denen jedes Jahr eine andere Kleeblatt-Stadt einlädt, entstehen Freundschaften, die oft über viele Jahre halten.

FEICHTMAIR: Die eigentliche Frage ist nicht, ob Städtepartnerschaften überholt sind, sondern ob wir sie weiterentwickeln. In einer zunehmend unsicheren geopolitischen Lage gewinnen persönliche Kontakte wieder massiv an Bedeutung und sind oft stabiler als offizielle politische Beziehungen. Gleichzeitig nutzen wir die Digitalisierung etwa für die Kontakte mit dem befreundeten Wyschhorod. Wegen des Kriegs in der Ukraine sind Reisen dahin problematisch.

DANIEL: Aktuell stehen Schüler des Hans-Thoma-Gymnasiums und einer Schule in Wyschhorod, in der Deutsch gelehrt wird, in Online-Austausch. Dabei werden sie von ihren Lehrern und Alina Klymenko unterstützt, die aus der Ukraine stammt und bei Lörrach International die Arbeitsgruppe Osteuropa mitleitet.

Oberbürgermeister Jörg Lutz hat die Relevanz von Lörrach International in Zeiten von zunehmendem Nationalismus betont. Wie wirken Sie Nationalismus entgegen?

DANIEL: Durch Austausch und das Knüpfen von Kontakten mit unseren internationalen Partnern, hier in Lörrach etwa durch Einladungen zum Stettemer Strooßefescht und zum Frühlingsfest.

Und in den Kommissionssitzungen zwischen den Kleeblatt-Städten wird strategisch überlegt, was man macht, um Vorurteile abzubauen. Das ist Teil des Friedensprojekts der EU.

FEICHTMAIR: Bei diesen Kommissionssitzungen, zu denen jedes Jahr eine andere Kleeblatt-Stadt einlädt, werden unter Beteiligung der Stadtoberen Zukunftsprojekte besprochen. Hier in Lörrach fühlen wir uns durch die Verwaltung übrigens sehr gut unterstützt. Gleichzeitig muss man klar sagen: Städtepartnerschaften leben durch die Begegnung von Menschen, nicht durch Verwaltungen oder formale Strukturen. Gerade in Zeiten wachsender Spannungen können sie eine direkte und unverzichtbare Brücke zwischen Gesellschaften sein

Wie kann ich konkret mit Menschen aus den Partnerstädten in Kontakt treten?

FEICHTMAIR: Die nächste Gelegenheit bietet sich beim Pro-Lörrach-Frühlingsfest Ende April, wo wir einen gemeinsamen Stand planen. Über kulinarische Angebote aus den Partnerstädten bringen wir Menschen ganz bewusst ins Gespräch und machen internationale Zusammenarbeit unmittelbar erlebbar – dabei entstehen oft die nachhaltigsten Verbindungen.

DANIEL: Nachhaltige Kontakte werden auch über andere Vereine wie beispielsweise die Stadtmusik, den TuS Lörrach-Stetten und den Schachclub Brombach gepflegt. Ein wichtiger Partner ist zudem der SAK, der wieder die dieses Jahr in Lörrach stattfindenden Jugendspiele mitorganisiert.

Blicken wir in die Zukunft. Was erhoffen Sie sich für Lörrach International in zehn Jahren?

DANIEL: Viele laufende Kooperationen, weiter genügend Geld und Unterstützung seitens der Städte, politische Stabilität sowie mehr Mitglieder gerade auch jüngeren Alters, die sich aktiv einbringen – etwa in den Leitungen der Arbeitsgruppen, an denen ein Großteil der Aktivitäten hängt.

FEICHTMAIR: Städtepartnerschaften werden nur dann eine echte Zukunft haben, wenn sie über Veranstaltungen hinausgehen und konkrete Verbindungen schaffen: zwischen jungen Menschen, zwischen Institutionen und auch zwischen Unternehmen. Genau darin liegt aus meiner Sicht die zentrale Aufgabe der kommenden Jahre.

Weitere Informationen online unter www.loerrach-international.de