Leonard Scheicher liebt extreme Rollen, wie die des psychotischen Biologiestudenten Jan in dem Film „Der Wald in mir“. Foto: Cologne Cine Collective/Martin Rottenkolber

In dem Kinofilm „Der Wald in mir“ beweist Leonard Scheicher („Das Boot“) sein großes Schauspieltalent und spielt einen Umweltaktivisten, der zum Tier wird.

Leonard Scheicher ist der Schauspieler, den man anruft, wenn es um schwierige Themen geht. So hat er 2023 in Lars Kraumes Kinofilm „Der vermessene Mensch“ einen Ethnologen gespielt, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutsch-Südwestafrika den Völkermord an den Herero und Nama miterlebt. Demnächst wird er in der europäischen Miniserie „Kabul“ als Elitesoldaten zu sehen sein, der versucht, deutsche Hilfskräfte aus Afghanistan zu schleusen, nachdem dort die Taliban wieder an der Macht sind. Und in Sebastian Fritzschs Filmdrama „Der Wald in mir“, das jetzt ins Kino kommt, ist er der Biologiestudent Jan, der unter einer Psychose leidet und nach und nach den Bezug zur Wirklichkeit verliert. Popcorn-Kino geht anders.

 

Wie nimmt ein Fuchs die Welt wahr?

„Ich suche mir schon gerne extreme Rollen und Stoffe aus“, sagt der 32-Jährige, der sich eigentlich immer als Theaterschauspieler gesehen hat und trotzdem ständig statt auf der Bühne vor der Kamera steht. Bei der Arbeit an „Der Wald in mir“ habe er versucht, sich in diese gesteigerte Form von Sensibilität und Fantasie eines unter einer Psychose leidenden Menschen hineinzuversetzen. Er hat dabei Filme im Kopf gehabt wie „Das weiße Rauschen“ mit Daniel Brühl oder „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe, bei denen es auch um Psychosen und Schizophrenie geht. „Das ist ein Wahnsinnsfutter, das man als Schauspieler unbedingt mal haben will. Aber ich hatte auch einen Riesenrespekt davor, weil man nicht weiß, ob man sich dann darin verliert.“

Leonard Scheicher und Lia von Blarer Foto: Cologne Cine Collective/Martin Rottenkolber

In dem Film, der bereits beim Max-Ophüls-Festival 2024 Premiere feierte, verliebt sich der scheue Jan in die Umweltaktivistin Alice (Lia von Blarer). Die beiden werden ein Paar, aber Alice kann nicht verhindern, dass sich Jans Blick auf die Wirklichkeit mehr und mehr trübt. Jans Abdriften in Wahnvorstellungen wird zwar auch durch Bernhard Kellers Kamera inszeniert, die Scheicher sehr nahe kommt und dadurch eine verstörend-verzerrte Ästhetik entstehen lässt. Vor allem führt „Der Wald in mir“ aber Scheichers Schauspieltalent vor, der sich als Jan nach und nach in einen Fuchs verwandelt.

Scheicher, der zwischen 2018 und 2020 den Funker Frank Strasser in der Serie „Das Boot“ spielte, bedient sich bei der Darstellung von Jans Psychose nämlich einer Technik, die einem oft auf Schauspielschulen beigebracht wird: Man ahmt ein Tier mit seiner Gestik, Mimik und seinem Verhalten nach und vermenschlicht es. Hier war durch das Drehbuch vorgegeben, dass Jan sich für einen Fuchs hält. „Ich habe mir Fuchs-Dokus angeschaut, habe in meinem Zimmer auf allen vieren Fuchs gespielt, habe mir überlegt, wie nimmt ein Fuchs die Welt wahr. Beispielsweise sind Geruchssinn und die Augen für den Fuchs viel wichtiger als für mich“, sagt Scheicher.

Was bedeutet Psychose eigentlich?

Das habe geholfen, eine Körperlichkeit für die Figur zu entwickeln. „Aber man muss sich natürlich auch damit beschäftigen, was Psychose bedeutet“, sagt er: „Was für Formen gibt es? Welche Literatur gibt es darüber? Welche Kunst ist durch Psychosen entstanden? Was passiert in psychiatrischen Kliniken? Was machen Psychopharmaka mit einem? Wie gesteigert kann so eine Realität sein in der Psychose sein? Wie fühlt es sich an, wenn man seine eigene Fantasie für die Realität hält? Und wie ist es, wenn man manchmal doch ahnt, dass die eigene Wahrnehmung einem etwas vortäuscht.“

Leonard Scheicher Foto: Jakob Fliedner

Scheicher hat zwar schon physisch extreme Rollen gespielt, war ein Boxer in „Es war einmal in Indianerland“ und ein Pole Dancer in der Matthias Glasners Serie „Nachts im Paradies“. „Psychologisch, mental und emotional war dies aber auf jeden Fall meine bisher härteste Rolle“, sagt er. Eine der schwierigsten Szenen wäre die gewesen, in der Jan in der Psychiatrie an ein Fixierbett gefesselt wird. „Die fantasievollen Szenen, in denen Jan in Interaktion mit den Tieren geht, haben eigentlich Spaß gemacht“, sagt Scheicher, „weil es eine echte Kommunikation mit den Tieren gab – vor allem mit der Schleiereule: Ich saß auf einem Ast und sie landete mir gegenüber. Sie fing an zu wackeln und ich hab halt mitgewackelt.“

Förderung ist wichtig

„Der Wald in mir“ ist Arthouse-Kino im besten Sinne, ein Film, der sein Publikum herausfordert – und den es nur deshalb geben kann, weil sich der WDR als TV-Sender an der Finanzierung beteiligt hat. Dass in Deutschland auch Stoffe gefördert werden, bei denen es nicht nur um kommerziellen Erfolg geht, hat Scheicher – auch als Theaterfan – zu schätzen gelernt, als er eine Zeit lang in London gelebt hat. „So was wie Frank Castorf oder Florentina Holzinger würde in England niemals existieren, weil die Kulturförderung viel geringer ist“, sagt er. „Die müssen ausverkauft sein, und das geht nur mit eher leicht zu verdauender Kost. Wenn das Stück in den Vierzigern in Amerika spielt, dann hat man einen amerikanischen Dialekt und trägt Kostüme aus den Vierzigern.“

Bösewicht in „Der Medicus 2“

Und trotzdem: Obwohl sein Herz fürs Regietheater und das Arthouse-Kino schlägt, hätte Leonard Scheicher gar nicht dagegen, auch mal in einem Marvel-Blockbuster mitzuspielen: „Da wäre ich sofort dabei, als Superheld wie Spider-Man, aber auch so ein Bösewicht wäre geil“, sagt er: „Ich habe zum Beispiel gerade die Fortsetzung von ‚Der Medicus‘ gedreht. Da spiele ich einen Ritter, der der Handlanger der bösen Königin ist – mit mehreren Gefechtsszenen. Das hat großen Spaß gemacht.“

Der Wald in mir. Deutschland 2024. 91 Minuten. Regie: Sebastian Fritzsch. Mit Leonard Scheicher und Lia von Blarer. Ab 12. In Stuttgart ist der Film ab Donnerstag im EM Kino zu sehen.

Leonard Scheicher

Person
 Leonard Scheicher (32) ist in München aufgewachsen, hat von 2012 bis 2016 an der Schauspielschule Ernst Busch studiert und lebt in Berlin.

Karriere
 Er war zum Beispiel in den Filmen „Quellen des Lebens“ und „Finsterworld“ (beide 2013), „Er war einmal in Indianerland“ (2017) oder „Der vermessene Mensch“ (2023) zu sehen – sowie in der Serie „Das Boot“ (2018-2020).