Alltagsdroge Alkohol: Die Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln, könne je nach Konsumverhalten in der Krise steigen, warnt Martha Ohnemus-Wolf, Leiterin der Fachstelle Sucht in Offenburg. (Symbolfoto) Foto: Heinl

Seit jeher greifen Menschen zum "Problemlöser" Alkohol – in Zeiten großer Belastung ist die Versuchung umso größer. Das registriert aktuell die Fachstelle Sucht in Offenburg. Zwar blieb die Zahl der Fälle stabil, doch der Beratungsbedarf stieg deutlich.

Offenburg - Die Pandemie mit allen damit verbundenen Ängsten, Verunsicherungen, Einschränkungen bis hin zu wirtschaftlichen Existenznöten stellt für viele Menschen enorme Belastungen dar. Doch greifen Menschen deswegen verstärkt zu legalen und illegalen Drogen? Man habe bereits Studien in Auftrag gegeben, um zu untersuchen, in wie weit sich der Lockdown auf die Suchtproblematik ausgewirkt habe, berichtete die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, bei einem digitalen Wahlkampftermin mit dem Kehler CDU-Landtagskandidaten Willi Stächele. Valide Zahlen werde man jedoch erst in zwei Monaten liefern können.

Doch wie ist der Eindruck an der "Basis"? "Wir erleben einen hohen Bedarf an Unterstützung", sagt Martha Ohnemus-Wolf, Leiterin der Fachstelle Sucht Offenburg, im Gespräch mit unserer Zeitung. "Die Anzahl der Menschen, die unser Beratungs- und Behandlungsangebot in Anspruch genommen haben, ist zwar im Vergleich zum Vorjahr mit 622 weitgehend gleich geblieben, die Anzahl der Gespräche ist jedoch deutlich gestiegen", berichtet die Sozialarbeiterin. "Das zeigt, die Menschen nahmen unser Angebot über einen längeren Zeitraum hinweg und intensiver wahr." Der ganz große Schwerpunkt der Beratungen lag dabei im Bereich Alkohol.

Alkoholabhängigkeit ist großer Schwerpunkt

"Suchtmittel und ganz besonders auch Alkohol haben eine schmerzlindernde, entspannende Wirkung auf unseren Körper und Geist. Wir empfinden – nur kurzfristig – eine Entlastung", erklärt die Suchtexpertin. "Für Menschen, die bereits Alkohol mit diesem Funktionsmuster zu sich nehmen, verstärkt sich der Effekt. Die Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln, kann steigen", so Ohnemus-Wolf. Insbesondre auch weil viele alternative Möglichkeiten zur Entspannung coronabedingt wegfielen. "Was wir auch beobachten, ist, dass die Rückfallgefahr etwa nach einer stationären Behandlung im Anschluss größer geworden ist."

Neben den klassischen Abhängigkeiten bekommen es die Beratungsstellen in den zurückliegenden Jahren zunehmend mit Mediensucht zu tun. Das Problem scheint sich sogar in der Krise verstärkt zu haben: "Tatsächlich sind die Anfragen im Bereich der exzessiven Mediennutzung in den letzten Monaten stark angestiegen", konstatiert Ohnemus-Wolf. "Wir erleben wöchentlich zwei bis drei Neuanfragen. Insbesondere von besorgten Eltern jedoch auch von Jugendlichen und Erwachsenen." Etwa 80 Prozent der Anfragen kommen von Eltern, rund 20 Prozent von Betroffenen.

Lockdown ohne digitale Medien nicht durchzustehen

Eine Entwicklung, die auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung besorgt: Gerade die Medienabhängigkeit sei schon vor dem Lockdown die größte ihrer Baustellen gewesen, berichtete Ludwig beim Termin mit Willi Stächele. Corona werde die Situation mit Sicherheit nicht verbessert haben. "Es ist schließlich kein Geheimnis, dass man einen Lockdown nicht durchsteht ohne digitale Medien", konstatierte Ludwig.

"Außer in den ersten Lockdown-Wochen 2020 haben wir unsere persönlichen Beratungsgespräche durchgehend aufrechterhalten – auch jetzt!", erklärt Martha Ohnemus-Wolf. Ihr Team berät bei Problemen rund um Alkohol, Drogen, Medikamente, Glücksspiel, problematischer Medienkonsum und Tabak. Die Fachstelle ist von Montag bis Freitag von 8 bis 12 Uhr und Montag bis Donnerstag von 13 bis 16 Uhr unter Telefon 0781/­9 19 34 80 oder per Mail an fs-offenburg@bw-lv.de erreichbar.

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