Friseure müssen weiterhin geschlossen bleiben. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Angelo Sciammacca appelliert: Antragstellungen für Corona-Hilfen zu kompliziert. Vielen Betrieben drohe die Insolvenz..

Die Kritik an den Regelungen für Corona-Hilfen des Staates an die Unternehmen nimmt weiter zu. "Zu kompliziert und bürokratisch", heißt es oft. Doch jetzt wird es ernst - es gehe an die Existenz, mahnt der Inhaber eines Friseursalons aus Villingendorf.

Kreis Rottweil - Bei einem Pressetermin am Montag zusammen mit dem FDP-Landtagsabgeordneten Daniel Karrais und dem FDP-Bundestagsabgeordneten Marcel Klinge macht Angelo Sciammacca, Obermeister der Friseurinnung und Inhaber des "Friseursalon Angelo" in Villingendorf, auf die aktuellen Probleme aufmerksam. Der Anlass des Treffens sei die weiterhin schwierige Situation für Unternehmen gewesen, die durch den zweiten Lockdown am 16. Dezember des vergangenen Jahres verstärkt wurde, betont Karrais. "Wir wollten mit Leuten sprechen, die direkt davon betroffen sind", sagt er.

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Auf der Agenda standen die Themen Finanzen, Öffnung der Friseursalons, Hygienekonzept und Ausbildung. Angelo Sciammacca bringt deutlich zum Ausdruck, dass die Anträge für Soforthilfen noch zu kompliziert und mit einem sehr hohen bürokratischen Aufwand verbunden seien. "Wie ist eine sofort verlässliche und unbürokratische Corona-Hilfe möglich? – für Unternehmer und Unternehmen", steht auf seinem vorbereiteten Flipchart. "Da sind die Steuerberater am Limit, die das alles organisieren müssen", so Sciammacca. Er fügt hinzu: "Meiner Meinung nach, sollte es anders laufen". Zum Beispiel könnten die Antragsverfahren für die Soforthilfen über das Finanzamt laufen, die in den meisten Fällen ohnehin einen Überblick über die finanzielle Lage besitzen.

"Friseure sind am Limit"

"Ich wünsche mir schnelle, einfache und unkomplizierte Regelungen", appelliert der Obermeister der Friseurinnung. Er sei nicht der Einzige, der findet, dass es nicht gerade einfach ist, an die Soforthilfen ranzukommen. "Ich habe auch das Gefühl, dass häufig gerade diejenigen bestraft werden, die alles ganz genau angeben", sodass es am Ende an wenigen Euros scheitere, führt Sciammacca weiter aus.

"Die Friseure hier sind am Limit", mahnt der Obermeister. Rund 15.000 Euro betragen allein die Fixkosten in seinem eigenen Friseursalon – und solche Beträge seien keine Ausnahme. Ohne Einnahmen können diese schlecht gedeckt werden. Auch Marcel Klinge macht deutlich: "Dass man die Hilfen erst drei bis fünf Monate später bekommt, ist unzumutbar". Die fortwährende Schließung sei eine "Bankrotterklärung" für die soziale Marktwirtschaft, so der Bundestagsabgeordnete der Liberalen.

Doch woran liegt es, dass es so lange dauert, bis die Hilfsleistungen ankommen? Am Geld scheitere es jedenfalls nicht, erklärt Klinge. So stehen in Deutschland rund 200 Milliarden Euro an Hilfsmitteln zur Verfügung, fügt er hinzu. Die Umsetzung sei allerdings das Problem.

Man habe den Sommer nicht gut genug genutzt, um ein richtiges Konzept zu entwickeln – auch wenn ein zweiter Lockdown zu erwarten gewesen sei. Auch habe sich das bürokratische Verfahren als untauglich erwiesen, führt er weiter aus. Zudem sei das Softwareprogramm für die Überweisungen zum Teil noch fehlerhaft und nicht richtig programmiert, ergänzt Landtagsabgeordneter Karrais. Dies könnte mitunter ein Grund dafür sein, dass es mit den Novemberhilfen so lange dauere.

Laut Aussage des Verbands drohen von den etwa 80.000 Friseurbetrieben in Deutschland rund 50 bis 70 Prozent die Insolvenz, erläutert Sciammacca. Weitere negative Effekte durch die dauerhafte Schließung von Friseursalons könnten zudem steigende Schwarzarbeit und in diesem Zusammenhang auch sinkende Steuereinnahmen sein, sagt er.

"Andauernde Schließung ist keine optimale Lösung"

"Wenn ich meine Familie nicht mehr durch meine Arbeit ernähren kann, warum sollte ich dann als Friseur davor scheuen, meinem Freund die Haare zu schneiden?" – so zumindest könnten einige Friseure in Zukunft denken, meint der Obermeister. Vor diesem Hintergrund steige auch das Risiko durch eine schlechtere Kontaktverfolgung.

Eine andauernde Schließung sei einfach keine optimale Lösung, erklärt Sciammacca, zumal die meisten Friseursalons in den vergangenen Monaten in ein sehr gutes Hygienekonzept investiert hätten und auf eine strenge Einhaltung der Hygienemaßnahmen setzten. So sei eine 100-prozentige Kontaktverfolgung möglich.

Das Risiko, sich beim Friseur anzustecken, sei im Vergleich zum privaten Bereich deutlich geringer – da sind sich alle Anwesenden einig. Laut Berufsgenossenschaft wurden seit Beginn der Pandemie sechs Corona-Fälle, die durch den Kontakt in einem Friseursalon in Deutschland entstanden sind, gemeldet. Zudem sei es auch Friseuren in anderen Ländern wie Italien und der Schweiz gestattet, unter Wahrung der Hygiene-Maßnahmen, geöffnet zu bleiben.

Des Weiteren sei durch eine gute Verbandsarbeit auch eine einheitliche Umsetzung der Maßnahmen möglich, betont Sciammacca.

Er ist sichtlich enttäuscht darüber, dass Friseurbetriebe in Deutschland trotzdem dauerhaft geschlossen bleiben müssen. "Es geht an die Existenz", mahnt der Obermeister und betont­: "Wir fördern deshalb eine sofortige Öffnung der Friseurbetriebe. Der Friseurbesuch ist ein hygienisches Grundbedürfnis".

Mit den Maßnahmen für Auszubildende ist der Obermeister zufrieden: Die Ausbildungsprämie und der Ausbildungszuschuss konnten mit einem geringen bürokratischen Aufwand beantragt werden. Besorgniserregend, laut Handelskammer, sei jedoch ein Rückgang der Auszubildenden-Quote in Friseurbetrieben um 18,2 Prozent.

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