Michael Brecht, Gesamtbetriebsratschef bei Daimler Truck, hat Einfluss in seiner Gewerkschaft, der IG Metall. Foto: dpa/Benedikt Spether

Der Gesamtbetriebsratschef von Daimler Truck, Michael Brecht, will den Rechten in den Betrieben „den Nährboden entziehen“. Daher müsse die IG Metall frühzeitig warnen. Das Management des Nutzfahrzeugherstellers lobt er für den Aufbau einer „Truckkultur“.

Die IG Metall bemüht sich seit jeher, Nationalitätenkonflikte in den Multikulti-Industriebetrieben nicht groß zu thematisieren. Zu stark ist die Furcht vor öffentlichen Differenzen und dass rechte Kräfte daraus einen Nutzen erzielen könnten. Beim jüngsten Kongress der „Einwanderungsgewerkschaft“, so die neue Vorsitzende Christiane Benner, wurde offen wie nie über Rechtspopulismus an der Basis gesprochen.

 

„Wenn man eine Umfrage machen würde, wie viele Leute AfD wählen, dann wären es wahrscheinlich im gewerkschaftlichen Umfeld nicht weniger als im Durchschnitt“, mutmaßt Michael Brecht, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Daimler Truck. Die Konfrontation werde in den Gesprächen vor Ort aber nicht sogleich bemerkbar. „Da sagt niemand: Ich bin von der oder für die AfD.“ Zu spüren sei der Konflikt eher in Transformationsdebatten: „Wenn es in einer Betriebsversammlung um Verbrennerthemen geht, steht einer auf und sagt: Der Verbrenner lebt weiter.“ Dann johle das Publikum, und es zeige sich, dass unterschwellig die Argumentation von Klimaleugnern und rechten Bewegungen aufgegriffen werde.

„Die IG Metall muss frühzeitig warnend den Finger heben“

Ein „latentes Unsicherheitsgefühl“ stellt der Gesamtbetriebsratschef angesichts des Strukturwandels fest – „obwohl zumindest bei uns niemand Angst um seinen Arbeitsplatz haben muss“. Doch fragten sich die Beschäftigten, was denn in fünf oder zehn Jahren sei, wenn die Transformation vorangeschritten sei. Vermischt werde dies mit den aufwühlenden gesellschaftlichen Debatten über Kriege, Flucht und Migration. Nun sei es nicht Aufgabe der IG Metall, konkrete Lösungen dafür zu finden, sie müsse aber Antworten für Fragen der Beschäftigten haben, um diese bei den Debatten mitzunehmen und allen Populisten den Nährboden zu entziehen. Laufen lassen dürfe man es nicht mehr. Die Gewerkschafter müssten „frühzeitig warnend den Finger heben“, so Brecht. „An dem Punkt sind wir gerade.“

Der hohe Ausländeranteil sei kein generelles Problem: „Es gibt ja nichts Besseres als die Integration am Arbeitsplatz“, sagt er. Zwar würden viele neue Leute bei Daimler Truck noch über die Arbeitnehmerüberlassung rekrutiert, und in der Leiharbeit sei der Migrantenanteil relativ hoch. In den Betrieben würde die Zusammenarbeit in der Regel aber funktionieren. Da sei oftmals sogar eine stärkere Verbindung mit den Migranten zu spüren als in der großen gesellschaftlichen Diskussion.

Ziel ist eine „Nutzfahrzeugkultur des Miteinanders“

Seit Wochen gibt es besonders kontroverse Debatten mit der Konzernführung um die Fixkosten. Zugleich bemüht sich der Nutzfahrzeugkonzern nach der Trennung von Mercedes, eine eigene „Truckkultur“ aufzubauen, wie Brecht schildert – mit Leitlinien für eine wertschätzende Führung, genannt „Great leadership behavior“. „Das ist unserem Personalvorstand extrem wichtig“, sagt der Aufsichtsratsvize. Der Arbeitgeber tue im Moment „wirklich alles, eine Nutzfahrzeugkultur des Miteinanders, der Verlässlichkeit und des Vertrauens zu fördern.“

„Wir haben eine Verantwortung für die soziale Stabilität“

Kritischer beurteilt er die Wirtschaftsverbände: „Wenn darüber diskutiert wird, wie schlecht der Industriestandort sei, dann bauen sie irgendwelche Kulissen auf, die so gar nicht existieren.“ Dies schüre eine negative Stimmung, sodass „die Arbeitgeberseite aus meiner Sicht in den letzten Monaten nicht unbedingt gut agiert“. Dies bedeute nicht, dass er selbst mit allem zufrieden sei. Er sei viel in Berlin, Brüssel und anderen Orten unterwegs, um für eine andere Industriepolitik zu werben, die die Jobs hierzulande erhält. Aber wenn die Bedingungen wirklich so schlecht wären, wie es behauptet werde, dann „hätten wir nicht mehr dieses industrielle Cluster in der Republik“. Da werde immer wieder versucht, Stimmungen auszunutzen, um eigene Interessen durchzusetzen. Brecht will mit den Arbeitgeberverbänden darüber reden, „dass wir eine Verantwortung haben, für eine soziale Stabilität in Deutschland zu sorgen“. Und über die Rahmenbedingungen für industrielle Arbeit „muss man sachlicher diskutieren, als es derzeit geschieht“.

Dazu gehören die auch für Daimler Truck „extrem wichtigen“ Energiekosten – weshalb Brecht die Forderung nach einem Brückenstrompreis unterstützt, obwohl gar nicht klar sei, ob sein Unternehmen direkt davon profitieren würde. Am Beispiel der Batteriezellenproduktion warnt er: „Wenn wir nicht einen Strompreis kriegen, der mit anderen europäischen Ländern konkurrenzfähig ist, dann wird es in Deutschland einfach keine Zellfabrik mehr geben.“

„Keine Industriestrompreis – weniger Wettbewerbsfähigkeit“

Der ganze Automobilbereich sei wegen der vielen Vorprodukte von den Zulieferern energieintensiv. Da schlägt voll durch, wenn in Schweden, wo die Konkurrenten Volvo und Scania produzieren, die schwedische Krone stark abgewertet worden sei, was den Lkw-Herstellern „ganz andere Möglichkeiten gibt, gegen uns zu powern“. Sollte der Industriestrompreis in Deutschland auf fünf oder sechs Cent pro Kilowattstunde gesenkt werden, würde dies die Wettbewerbsfähigkeit für Daimler Truck erheblich verbessern.

Sollte dies aber nicht kommen, dann könnte sich der Ton bei Daimler Truck verschärfen. „Dann werden die Anteilseigner fordern, dass mehr rationalisiert oder in Billiglohnländer outgesourct wird, um die Fixkosten zu senken“, so Brecht. „Der Druck auf das Management wird dann immer größer.“ Wenn dann über die nächsten Zukunftsinvestitionen diskutiert werde, weil man ja erst am der Transformation stehe, werde die Frage sein: „Produziere ich dann in Gaggenau, Mannheim oder Kassel meine Aggregate – oder beziehe ich sie aus dem Ausland?“.

Unlängst hatte der Lkw-Bauer bekannt gemacht, in den USA ein Joint Venture zur Produktion von Batteriezellen aufzubauen. Dort bekäme das Unternehmen sogar noch eine Förderung und könnte von dort aus wieder nach Deutschland liefern, so Brecht. „All dies sind reale Dinge, mit denen wir uns als Betriebsräte jeden Tag auseinandersetzen.“