Im Rahmen der Nagolder Literaturtage las der Autor Niclas Seydack aus seinem Buch „Geile Zeit“. Foto: Barbara Rennig

Niclas Seydack eröffnete die Nagolder Literaturtage. Der Journalist gab spannende Einblicke in sein Buch „Geile Zeit“, eine Autobiografie einer Generation, die von Internet, Handy und Social Media geprägt aufwuchs.

Als sich der symbolische Vorhang zu den jüngsten Nagolder Literaturtagen hob, war dies für die Veranstaltenden zunächst Anlass, sich bei den Sponsoren und Unterstützern zu bedanken, die ein solches Mammutprojekt der Buchhandlung Zaiser, der Stadtbibliothek und der Volkshochschule Oberes Nagoldtal zum bereits dritten Mal ermöglichten.

 

Im Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung mit dem Journalisten Niclas Seydack, stand die „Autobiografie einer Generation“, nämlich der Millenials, den zwischen Beginn der 1980er-Jahre und Mitte der 1990er-Jahre Geborenen, der ersten Generation, die von Internet, Handy und Social Media geprägt aufwuchs.

Die im Titel des Buches „Geile Zeit“– in Reminiszenz an die Musikgruppe Juli – beschworenen drei Jahrzehnte sind im Rückblick nur scheinbar fantastisch. Denn die holsteinische Idylle nahe der Ostsee mit sauren Schnüren vom Dorfbäcker, Pokémon, Gameboy und dem endlosen Herumstreifen im Dorf mit einem unverstellten, unschuldigen Blick auf die Welt wurden für Seydack und seine Kumpels jäh durch gravierende Ereignisse gebrochen. „Spätestens seit dem Septembernachmittag, an dem meine Schwester und ich vom Sofa aus zusahen, wie Menschen aus brennenden Hochhäusern sprangen“, war die Welt eine andere.

„Uns wurde die Welt versprochen“

9/11, die Amokläufe von Erfurt und Winnenden warfen die Heranwachsenden ins Alleinsein mit sich selbst: Die angeordneten Schweigeminuten in der Schule ließen sie verwirrt und ratlos zurück, keiner fragte nach ihrer wirklichen Befindlichkeit.

Nach den ersten Lesepassagen mischte sich ins entspannte Plaudern des Autors ein Hauch von Melancholie: „Uns wurde die Welt versprochen, und es stellte sich heraus: Wir waren die Ersten, denen es niemals besser gehen wird als unseren Eltern.“

Weil er wegen seiner schmächtigen Statur kaum seine Rolle in der Klasse finden konnte, beschloss Seydack, zum Klassenclown aufzusteigen, wie er dem Publikum berichtet. Experimente mit dem ausrangierten Diktiergerät seines Vaters und den schrägen Aufnahmen der erfundenen „Currys Fickbude“ sollten ebenso Anerkennung bringen wie Anleihen beim merkwürdigen Humor eines Stefan Raab, der sich in „TV total“ über sozial und finanziell schwache Menschen lustig machte und Menschenverachtung kultivierte. Die Versuche des Pubertierenden zum Finden seiner Identität waren nur teilweise erfolgreich.

Die „Lücke“ wurde zum spannenden Teil der Vita

Dagegen wurden den damals Heranwachsenden schon früh der Leistungsgedanke, die Angst vor Abstieg und der Lücke im Lebenslauf eingeimpft, doch was man den Millenials als Schreckgespenst darstellte, wurde später für Arbeitgeber ironischerweise zu einem eher spannenden Teil der Vita. Denn die traditionelle Vorstellung von einer langfristigen, ununterbrochenen Karriere in einem Unternehmen werden von der „Generation Y“ grundsätzlich in Frage gestellt.

„Aus mir ist trotzdem was geworden“, meint der Wahlmünchener Niclas Seydack, der als freier Journalist für diverse renommierte Printmedien arbeitet und Mitautor des Bestsellers „Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens“ (2020) ist.

„Geile Zeit“ (2024) ist eine Zeitreise und pointierte Nahaufnahme der „übersprungenen Generation“ zugleich, für die der 34-jährige Autor das Publikum begeisterte. Eine wirklich gelungene Auftaktveranstaltung, für die sich die Veranstalter der dritten Nagolder Literaturtage sicher noch mehr Zuhörende gewünscht hätten.