Navid Kermani las zum Abschluss der Literaturtage im Kubus. Foto: Thomas Fritsch

Mit Spannung erwarteten die Zuhörenden im voll besetzten Kubus zum Abschluss der Nagolder Literaturtage einen ganz besonderen Gast: Navid Kermani, der vielfach preisgekrönt wurde, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

. Mario Gotterbarm von der mitveranstaltenden VHS stellte den Gast als „eine der wichtigsten Stimmen im öffentlich-literarischen Diskurs“ vor und gab Einblicke in dessen Biografie. In seinem jüngsten, noch fast taufrischen Werk „Das Alphabet bis S“ hatte Kermani für seine Lesereise unzählige Stellen markiert und meinte: „Ich schlage mal auf, und wir schauen dann, wohin uns das führt.“

 

Der Roman – oder eher ein Essay? – ist dramaturgisch als Tagebuch einer namenlosen Ich-Erzählerin angelegt, „ursprünglich ein Buch über die Zeit“ (Kermani), und spiegelt die Zufälle des Lebens selbst in zahlreichen Entsprechungen zwischen den Lebensereignissen der Protagonistin und der von ihr ausgewählten Literatur. Denn nach dem Tod der Mutter und anderen Einschnitten in ihrem Leben beschließt die etwa 50-Jährige, die in ihrer „Lesegruft“ gestapelten Bücher neu zu ordnen und zu neuem Leben zu erwecken.

Sie bleibt immer wieder bei „J“ hängen

„Zum Ende des Trauerjahres will ich die Autoren durchgehen, die ungelesen im Regal modern.“ Und so ist dieser in 365 verschieden lange „Kapitel“ aufgeteilte Akt des Dialoges mit Autoren und Büchern nicht nur eine Trauerbewältigung. Vielmehr tritt der Lesende des Kermani-„Romans“ zusammen mit der ihr Leben wie ihre Bücher betrachtenden, kommentierenden Berichterstatterin in den Raum der Weltliteratur ein.

„26 Jahre unter einem Dach mit Uwe Johnson – das schafft selbst die beste Ehe nicht.“ Und so beginnt sie zwar bei „A“ wie Altenberg, bleibt aber immer wieder bei „J“ hängen – und schafft es in der geplanten Zeit schließlich nur bis „S“. Ihre Beschäftigung mit Literatur läuft parallel zu tatsächlichen Lebensereignissen, Erinnerungssprüngen, inneren Monologen und Geträumtem.

Eher vom Zufall als von einem festen Plan leiten lassen

Und nicht von ungefähr haben die Aufzeichnungen beruflich, biografisch und geografisch (wieder einmal) Querverbindungen zu Navid Kermani selbst. Er habe bewusst die Verfremdungsebene durch eine weibliche Protagonistin gewählt, meint der Autor, doch sich beim Schreiben des Buches eher vom Zufall als von einem festen Plan leiten lassen.

Gebannt verfolgen die Zuhörenden die ausgewählten Lesepassagen und tauchen ein in den detailreichen, ziselierten Sprachfluss des Autors. Trotz akut stimmlicher Einschränkungen stellt sich Navid Kermani gerne noch Fragen aus dem Publikum, die natürlich auch die aktuellen Ereignisse in Nahost berühren.

„Es gibt keine Hierarchie des Schmerzes“

„Es gibt keine Hierarchie des Schmerzes, Schmerz und Trauer sind auf beiden Seiten, und ich kann nicht unterscheiden, ob ich als Autor oder als „homo politicus“ fühle, das ist für mich als Mensch nicht zu trennen“, antwortet Kermani – und erntet anerkennenden Applaus für sein Statement.

Sein jüngstes Buch mag durch die journalartige Anlage vielleicht auch widerstreitende Gedanken bei Lesenden auslösen, doch unbestritten war dieser Abend ein gelungener Abschluss der Nagolder Literaturtage.