Bei den Nagolder Literaturtagen stellten Nanni Fingerhut (von links), Burhan Mutlugöz, Christina Grimm, Sindy Paeslack, Birgit Pfaff und Mario Gotterbarm ihre Lieblingsbücher vor. Foto: Barbara Rennig

Die Macher der Nagolder Literaturtage stellten ihre Lieblingsbücher vor, und auch dieses Mal entfaltete die Veranstaltung eine regelrechte Sogwirkung.

Burhan Mutlugöz begrüßte das dicht gedrängt sitzende Publikum in der Buchhandlung Zaiser zur vorletzten Veranstaltung der diesjährigen Nagolder Literaturtage und dankte gleichzeitig den Sponsoren, ohne die die insgesamt 18 Veranstaltungen nicht möglich gewesen wären. Sechs Lesende hatten eine bunte Reihe von Büchern ausgesucht, von Neuerscheinungen bis hin zu Krimis oder philosophischen Texten.

 

Natürlich gehörte auch „Lázár“ des erst 22-jährigen Schweizer Autors Nelio Biedermann dazu, einem neuen Stern am Literaturhimmel. In „Evil Grandma“, ebenso von Burhan Mutlugöz vorgestellt, schildert Line Bougste amüsant, wie Mona, kurz vor der Rente stehend, gar nicht erfreut ist, bald Oma zu werden, und sich deshalb den Frust in einem Account von der Seele schreibt.

In „Di Bernardo“ lässt die international renommierte Violonistin und Krimiautorin Natasha Korsakova den Kommissar im Umfeld der Basilica di San Giovanni in Laterano ermitteln, nachdem die heilige Stätte zum Tatort geworden ist. Nanni Fingerhut zeigte auch die im Buch eingefügten QR-Codes, auf denen Korsakova eigens eingespielte Violinmusik zu Gehör bringt.

In den USA auf dem Index

„Blaues Wunder“ von Anne Freytag sei „ein krasses Buch, das man aber nicht mehr aus der Hand legen will“, so Fingerhut. Warum lädt Unternehmer Walter zwei konkurrierende Mitarbeiter der Firma samt ihren Familien auf eine Luxusyacht ein? Nicht nur Zickenkrieg ist vorprogrammiert, sondern alle sind ständig bemüht, den schönen Schein zu wahren – das kann nur schiefgehen.

Christina Grimm stellte mit „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood einen spannenden Bezug zwischen dem Stoff des 1985 erschienenen dystopischen Romans und der USA-Gegenwart her. In einem Überwachungsstaat, in dem die wenigen noch fruchtbaren Frauen nur Gebärmaschinen sind und dessen Umwelt zudem absolut zerstört ist, versucht die junge Desfred sich zu retten. Es wundert nicht, dass Atwoods Buch mit seiner starken Stimme für Frauenrechte in den USA größtenteils auf dem Index steht.

Vergnüglichere Töne schlägt Jakob Hein an in „Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste“, vorgestellt von Birgit Pfaff. Noch lange vor dem Mauerfall soll der findige Grischa Zukunftsideen für die immer nach Devisen durstende DDR entwickeln, nutzt dabei die Kontakte zum Freundesland Afghanistan, wo „so manche schönen Pflanzen gedeihen“, und löst dabei einen Run nach Osten aus, weil westliche Jointliebhaber an der neuen Quelle teilhaben wollen. Absurd komisch!

Gedanken zum Begriff „geglückt“

Mit „Bullshit“ des früheren Princeton-Professors Harry G. Frankfurt und Peter Handkes „Versuch über den geglückten Tag“ legte Mario Gotterbarm den Akzent auf zeitaktuelle philosophische Texte. In seinem Essay nimmt der deutschsprachige Nobelpreis-Autor Handke den Leser mit in sprachlich ziselierte Gedanken zum Begriff „geglückt“, der je nach Zusammenhang immer neue Bedeutungen annimmt.

Mit Texten aus dem „Lesefuchs“ ihrer Kindheit startete damals ihre Liebe zur Literatur, so Sindy Paeslack. Und so schlägt sie einen Bogen von Kästners zerstörtem Dresden zu Tilman Röhrigs fesselnder Romanbiografie“ Und ohne Tabu explodiert die Welt“, in dem auch Kästners Blauäugigkeit gegenüber den Entwicklungen der 1930er-Jahre thematisiert wird.

Ein wieder spannender Abend! Es ist nicht möglich, die Vielfalt der zwölf vorgestellten Werke in Gänze abzubilden. Doch Interessierte können sich von der ausgelegten Leseliste weiter inspirieren lassen – auch für mögliche Weihnachtsgeschenke.