Wieder zog es Literaturfreunde nach Todtnauberg. Auf sonnigen Höhen wurde einiges geboten.
Tatsächlich war es bereits die 20. Auflage der Literaturtage im idyllisch gelegenen Todtnauberg. Die Literaturfreunde, die sich auf den Berg aufmachten, erwartete nicht nur eine große Bandbreite an Lesungen, sondern auch wunderbare Naturerfahrungen.
Der Lesereigen startete am Donnerstagabend unter dem Motto „Mehrgenerationen“. An unterschiedlichen Orten präsentierten bis Sonntag namhafte Autoren ihre Texte, unter anderem im Pfarrsaal, aber auch unter freiem Himmel.
Wandern und Zuhören
Zu diesen Open-air-Angeboten zählte die literarische Wanderung mit Klaus Gülker am Freitagnachmittag. Gülker ist Wander- und Gästeführer, wurde 2011 zum Wanderbotschafter des Hochschwarzwalds ernannt und gilt als leidenschaftlicher Schwarzwald-Kenner. Der frühere SWR-Moderator kennt die Gegend offenbar wie seine Westentasche.
Rund drei Dutzend Interessierte fanden sich am Kurhaus ein, um sich auf eine etwas andere Märchenstunde einzulassen. Was passt besser auf Schwarzwaldhöhen als der Klassiker „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff, rund 200 Jahre alt? Die an sich reichlich düstere Geschichte wollte indes so gar nicht zu der heiteren Runde und dem strahlenden Sonnenschein passen. Eben doch! Denn Klaus Gülker hat sich den Märchenklassiker vorgeknöpft und in die Jetzt-Zeit transferiert. Das Ganze – wie er mit Schalk in den Augen ankündigte – in Reimform. Wobei der ein oder andere Vers etwas holprig zum Reim gedreht wurde, wie Gülker zum Vergnügen der Zuhörer freimütig bekannte.
Fünf Lese-Stationen
Vergnüglich auch schon der Start. Denn der Hauptakteur des Hauff-Märchens, der junge Kohlenbrenner Peter Munk, wird von Gülker mittels KI zum attraktiven jungen Mann, dessen Bildnis er den amüsierten Zuhörern präsentierte. Den Namen Munk modelte er kurzerhand in Kandel um, weil es sich darauf besser reimen ließ, wie er lachend zugab.
An fünf Stationen wurde nun die eingedampfte, aktualisierte Version des Märchens präsentiert – und sparte dabei nicht mit lokalen Bezügen.
Peter hat keinen Bock auf die dreckige Arbeit mit Kohle (kommt einem bekannt vor), und die Zeiten sind schlecht. Gedisst wird er von Grünen-Politikern: „Schon von CO2 gehört? Kohle heizen? Ganz verkehrt!“ Reich werden will er, der Peter, und eine coole Schauglashütte haben. Doch wo findet er Geschäftsideen? Natürlich im Internet. So surft der etwas dümmliche Peter im Netz und fällt auf einen dubiosen Holländer herein („Holländer heiß ich, gell, doch für Dich Michel“).
Spannung hoch gehalten
Jede der Wanderstationen, die rund ums Todtnauberger Hochtal führen, endete mit einem Fragezeichen, das Spannung versprach. Wie geht es weiter, mit dem Schwarzwald-Peter?: Der junge Mann mit großem Ego verkauft an Touris schlechte Glasqualität, zockt an den Finanzmärkten, verliert alles – und landet schließlich bei besagtem Holländer-Michel. Die Lösung? Eine illegale Herztransplantation. Als der Rubel daraufhin wieder rollt, legt Peter los: privatisiert den Titisee und kauft die Todtnauer Hängebrücke – für sich ganz allein.
Solch lokale Details amüsierten die Zuhörer, die auf ihrer Wanderung denn auch noch auf einen Waldgeist im Fasnachtskostüm trafen, der Schokolade verteilte, und sich an anderer Station mit einem Schwarzwälder Kirschwasser die aufziehende Kühle aus dem Körper trinken konnten.
Die Liebe ereilt den Peter natürlich auch noch – wie in der literarischen Vorlage. Und am Ziel vor der Kirche angelangt, erwartete die Literaturfreunde neben Kerzenschein, Feuerschale sowie Glühwein ein fantastischer Sonnenuntergang mit Alpenblick – und ein Happy End.
Viel Applaus
Viel Applaus gab es für den reimenden Klaus Gülker, der seine Märchenversion schon vielfach präsentiert hat, aber noch nie auf einer solchen Wanderung. Das gibt es eben nur bei den Literaturtagen in Todtnauberg.