Kongeniales Duo: Sprechkünstler Ramon Schmid und Tastenkünstler Steffen Mark Schwarz Foto: Karina Eyrich

Etwas gewagt – und gewonnen – hat Kantor Steffen Mark Schwarz mit der Zusammenarbeit mit dem Rapper, Beatbox-Künstler und Lyriker Ramon Schmid: Ihre Konzert-Lesung „Zwischen(t)räume“ war eine außergewöhnliche Bereicherung der Literaturtage.

Auf eine „musikalisch-literarische Reise, um Zwischenräume zu beleuchten“ haben Kantor Steffen Mark Schwarz und der professionelle Sprecher Ramon Schmid ein für Experimente offenes Publikum in der Martinskirche mitgenommen.

 

Der Preisträger der Baden-Württembergischen Slam-Meisterschaften hatte schon das Konzert zur Sterbestunde Jesu im März zu einem außergewöhnlichen Erlebnis gemacht – diesmal begrüßte er die Zuhörer mit Schaffner-Mütze an Bord eines ICE, der – natürlich – Verspätung hat: „Immer hinkt der Mensch der Zeit hinterher.“ In Albstadt warte dann keiner mehr auf den Zug, aber überhaupt scheine „in ganz Europa keiner mehr auf den anderen zu warten, auf den anderen zu hören“.

Schnalzen und Beats – mit Orgeltönen veredelt

Für das Publikum an diesem Literaturtage-Abend gilt alles andere: Erwartungsvoll, gespannt und mucksmäuschenstill lauschen sie dem Schnalzen, den Beats, den flirrenden Lauten, mit denen Schmid sanfte Orgeltöne veredelt. Eine zarte Melodie begleitet ein Gedicht, das verrät, woran man erkennt, dass man zu Hause ist.

In Hans Magnus Enzensbergers „Der Untergang der Titanic“ ahmt Schmid geschickt die Töne des Echolots nach, die durch die große Kirche hallen, und macht sein Publikum schaudern, so eindringlich spricht er von den Ruderern, die den Schreien der Ertrinkenden nicht entkommen. Mit Flöten-Register und Glockenspiel flankiert Steffen Mark Schwarz den Psalm 139, in dem David zu Gott spricht. Und wie schön fließen hier Gedanken und Klänge zusammen, sind der Boden, auf dem das Wort wächst.

Buchstaben sparen für eine Liebeserklärung

„Da ist Lyrik, die dich ins Rosa taucht, wo du eigentlich gerade Prosa brauchst!“ Nicht nur Zungenbrecher wie diesen lässt sich Ramon Schmid auf der Zunge zergehen, sondern hat sogar Buchstaben gespart – in 138 Jahren reicht das für ein Gedicht. „Wenn ich genug gespart habe für einen Nebensatz, dann werde ich Dir sagen, dass ich Dich liebe!“ – allein seine Vortragskunst ist eine Liebeserklärung an das ergriffene Publikum, das auch vom Kantor verwöhnt wird mit knallenden Tontropfen, die es aus der mächtigen Rensch-Orgel regnet, „und wäre die Musik irgendwann weg, so ist das, als wäre der beste Freund gestorben“ – auch inhaltlich, nicht nur klanglich, werden das Spiel auf der Orgel und die Rezitation zur Einheit.

Nur scheinbar unpassend in einem Gotteshaus ist das, was die beiden Künstlern da gemeinsam zur Welt bringen. Ziemlich cool klingt es, wie Schmid Geräusche in seine Rezitationen einpflanzt, etwa das Kratzen einer Nadel auf einer Schallplatte, die noch dazu einen Sprung hat.

Kein Gedicht ohne Soundtrack

„Wir schreiben nie Gedichte ohne Soundtrack“, sagt er, und seine herrliche, eindringliche Stimme hebt das Niveau des Lauschens noch weiter. Zum Höhepunkt rappt er mit Worten, die das Publikum ihm zuruft: Traumreise, Habseligkeiten, Kirschbaum und reserviert. Welche Geschichte lässt sich wohl daraus stricken? Ramon Schmid gelingt es jedenfalls aus dem Stehgreif, ebenso wie Steffen Mark Schwarz, der – seinen guten Ruf als Improvisationskünstler hat er zu Recht – synchron dazu spielt, als hätte er ein Notenblatt vor sich. Und stundenlang geübt.

Wie wirkmächtig Worte und Musik sind – gedämmert hat es den Zuhörern, die am Ende stehend applaudieren, wohl schon immer. Nach dem Abend in der Martinskirche indes durften sie sich dessen sicher sein – und sie dürfen hoffen, dass der dritte Geniestreich der beiden Künstler schon geplant ist.