In „Zsömle ist weg“ erzählt der ungarische Literaturnobelpreisträger von einem bunten Trüppchen Monarchisten, das einen bewaffneten Aufstand plant.
Das Komische hat zwei Ausprägungen. Die eine tendiert zum Seltsamen, die andere reizt zum Lachen. Zwischen beiden verläuft der Erzählstrom des neuen Romans „Zsömle ist weg“ von László Krasznahorkai. Man kennt in der Literatur alle Arten von Strommetaphern. Mal schwimmt unser Bewusstsein an uns vorbei, mal wird man vom Sog des Geschehens mitgerissen, dann wieder ist es der breite epische Fluss, der einen trägt.
Was im Fall des ungarischen Autors, der an diesem Mittwoch in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegennimmt, an ein sich über alles hinwegsetzendes, stetes Fließen erinnert, ist zugleich dessen augenfälligstes Erkennungsmerkmal: So wenig wie Flüsse kennt dieses Schreiben Punkte. Was natürlich etwas übertrieben ist. Immerhin elf finden sich auf den 300 Seiten des neuen Werks, genauso viele, wie es Teile hat.
Der frühere Elektriker ist in Wahrheit ein Nachkomme der Árpáden-Dynastie
Man mag anfangs eine gewisse Scheu empfinden, sich diesem Element anzuvertrauen, wie beim Sprung ins kalte Wasser. Krasznahorkai-Lesen setzt die Bereitschaft voraus, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Der Realitätssinn gerät ins Schwimmen, alles mischt sich, Stimmen, Laute, Perspektiven, Positionen, politische oder historische Tagesreste und ihre fantastischen Ausformungen. Und so treibt man dahin, in die Mihály-Táncsics-Straße 23d des kleinen ungarischen Dorfes Egerlovászi. Dort wohnt der über 90-jährige Rentner József Kada zusammen mit seinem Hund Zsömle in einem Haus auf dem Berg mit schönem Blick über die Natur und sein bevorstehendes Ende. Denn eigentlich verspürt er keine große Lust mehr, noch viel Holz nachzulegen, bildlich gesprochen.
Doch in den Frieden, den der frühere Elektriker mit seinem Leben gemacht hat, platzt ein bunt gemischtes Grüppchen von Autolackierern, Gestütsbesitzern, Lehrern, Referenten im Rechnungswesen, auch ein Wandersänger mit Gitarre namens László Krasznahorkai ist dabei. Sie haben herausgefunden, wer der alte Mann in Wirklichkeit ist: ein Nachkomme der Árpáden-Dynastie, direkt verwandt mit Dschingis Khan, halb Mongole, halb Ungar, und der legitime Anwärter auf die Krone seines Landes, mit der er 1944 schon einmal heimlich von dem ungarischen Reichsverweser Miklós Horthy gekrönt worden war, bevor er sich wieder in das Inkognito seines Brotberufs zurückgezogen hat.
Bei den Besuchern handelt es sich um Monarchisten, die einen bewaffneten Umsturz planen. Die Árpáden sollen wieder eingesetzt werden, um das heilige ungarische Vaterland vor dem Untergang zu bewahren. Nicht als ob Zweifel daran bestünden, dass das Ungarn Viktor Orbáns sich auf einem fatalen Kurs befindet. Aber Monarchie ist keine wirkliche Alternative zu der sich dort gerade abspielenden Demokratievernichtung, trotz durchaus mancher harmlos-kauziger Züge des royalen Elektrikers, der sich von den Seinen lieber Onkel Józsi statt Majestät nennen lässt. Dass er irgendwann im Irrenhaus landet, und seine militanten Unterstützer im Knast, würde eher zu den nachvollziehbareren Entscheidungen der gegenwärtigen Administration in Ungarn zählen.
So weit, so komisch, auch wenn sich nicht immer genau sagen lässt, auf welcher Seite des Komischen man gerade gelandet ist. Erzählt der Namensvetter jenes Wandersängers die Geschichte einer reaktionären Reichsbürgerverschwörung? Onkel Józsi besitzt nicht nur Autogramme von „Brett Pitt und der Scholie“, sondern schätzt den rassistischen ungarischen Heimatdichter Albert Wass und ist mit Heinrich XIII. Prinz Reuß, befreundet, auch wenn er andere Mittel bevorzugt als die, wegen der letzterer in Deutschland gerade vor Gericht steht. Vieles könnte man auf dem „Komjuter“ bei „Gugli“ nachrecherchieren, ebenso vieles entstammt einer mäandernden Einbildungskraft. Und immer wenn man glaubt, sich im „Storm“ der Erzählung an etwas festhalten zu können, reißt es einen auf den Stromschnellen sprachlicher Eigenheiten wie den Zitierten fort in neue unwiderstehliche Absurditäten.
László Krasznahorkai zeichnet apokalyptische Verfallsszenarien
Ja, unwiderstehlich. Denn wie es so ist, anfangs traut man sich kaum hinein, später will man nicht mehr hinaus. Und so treibt man immer tiefer in den literarischen Kosmos László Krasznahorkais. Irgendwann begegnet man in einer Plattenbausiedlung jener anderen, auf das Niveau des gewöhnlichen Lebens herabgesunkenen Baronenfamilie der Wenckheims wieder, die durch die apokalyptischen Verfallsszenarien der vorangegangenen Romane geistert. Sie ist im Besitz des Thrones, der neu aufgepolstert zum Regierungssitz Onkel Józsis, alias József I., werden sollte. Bisher hat darauf das Familienoberhaupt seine Rückenschmerzen kuriert, erzählt zumindest dessen Tochter, sich dabei mit der Zunge über das Piercing in der Unterlippe fahrend. In solchen Details, auf einer Höhe mit der befremdlichen Haupt- und Staatsaktion, entfaltet sich allererst die Fülle des Erzählten.
In elf wohlgegliederten Sätzen, jeder geräumig wie eine Arche Noah, trägt das Seltsame und das Abgrundkomische über die unheimliche politische Unterströmung einer patriotischen Mobilmachung hinweg. Krasznahorkais verfremdete Wirklichkeitsvisionen sind der Gegenzauber zu dem autoritaristischen Hokuspokus, der gerade überall an die Macht drängt. Wer sich ihrer Magie überlässt, erlebt die Verwandlung literarischer Erfahrung in eine Form der Selbstermächtigung. Und am Ende öffnet sich dann eben doch noch ein Fenster in die Freiheit, wo man es schon nicht mehr für möglich gehalten hätte.
- László Krasznahorkai: Zsömle ist weg. Aus dem Ungarischen von Heike Flemming. S. Fischer Verlag. 304 Seiten, 25 Euro.
Info
Autor
László Krasznahorkai wurde 1954 in Gyula/Ungarn geboren. Mit Romanen wie „Satanstango“, „Melancholie des Widerstands“ oder „Baron Wenckheims Rückkehr“ ist er einer der innovativsten Schriftsteller Europas. 2021 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2024 den spanischen Literaturpreis Prix Formentor. In diesem Jahr wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Zuletzt erschienen der Roman „Herscht 07769“ und der Erzählband „Im Wahn der Anderen“. Heute lebt László Krasznahorkai in Triest.
Termin
Am 15. Dezember findet im Literaturhaus Stuttgart ein Abend zu László Krasznahorkai statt mit seiner Übersetzerin Heike Flemming und dem Publizisten Lothar Müller.