Die Himmelsrichtungen der Literatur sind mindestens so vielgestaltig wie die einer Windrose und tragen dem menschlichen Standpunkt Rechnung. Foto: imago images/Peter Schickert/Peter Schickert via www.imago-images.de

Was liegt jenseits von Ortsbestimmungen wie dem Westen oder dem globalen Süden? Die neue Reihe „Windrose“ vermisst im Literaturhaus Stuttgart die politische und kulturelle Geografie neu.

Es ist nicht immer genau zu sagen, woher der Wind weht. Aber in einer Hinsicht scheinen die Richtungen klar. Da gibt es einmal den Westen und alles, was ihm antipodisch entgegensteht, quer dazu und doch in Teilen deckungsgleich den Norden versus den globalen Süden. Der Ukrainekrieg und die Auseinandersetzungen um die letzte Documenta haben die Haupteinzugsschneisen für die ideologische Navigation auf dem Weltmeer kultureller, politischer und ökonomischer Zugehörigkeiten scheinbar unverrückbar bestätigt. Aber ist alles nicht viel komplexer und standortabhängiger, als dass es sich auf so ein einfaches Schema übertragen ließe? Dieser Frage geht eine neue Reihe im Stuttgarter Literaturhaus nach. Und sie vertraut auf das eine Vielzahl von Zusammenhängen und Richtungen abbildende Orientierungselement der Windrose.

 

Denn darum geht es: neue Passagen jenseits der gängigen Festlegungen zu erschließen. Dafür kommen Autorinnen und Autoren nach Stuttgart, deren Leben und Werk von Ortswechseln und intensiven Denkbewegungen geprägt wurden. „Wenn wir über Norden, Süden, Westen, Osten sprechen, sind das in der Regel sehr westliche, eurozentrische Diskussionen“, sagt die Literaturhaus-Chefin Stefanie Stegmann. „Für eine kenianische Autorin ist Norden und Süden unter Umständen etwas ganz anderes als für uns. Wir wollen dafür werben, eingespielte Denkmuster aufzubrechen und zu lockern.“

Schleichwege aus polarisierten Diskursen

Die Eingeladenen wurden gebeten, ihr Nachdenken über Himmelsrichtungen in kurze Texte zu fassen, die das von dem Literaturkritiker Lothar Müller moderierte Gespräch steuern sollen. Den Beginn machen an diesem Donnerstag die russische Lyrikerin Maria Stepanova und der mit drei Sprachen aufgewachsene Senthuran Varatharajah. Seine Eltern flohen vor Krieg und Völkermord aus Sri Lanka. Wenn sie das gelobte Land suchen, wenden sie sich nach Südosten in Richtung der verlorenen Vergangenheit. „Und ich“, schreibt Varatharajah in seinem Text, „sehe in den kleinen Spalt zwischen meine gefalteten Finger, hier, wo sich die Sprachen kreuzen.“

Solche Zwischenräume jenseits globaler Verknöcherungen eröffnet die Literatur, Flucht- und Schleichwege aus dem Entweder-Oder polarisierter Diskurse. Maria Stepanova findet in den digitalen Bildarchiven auf Ebay verhökerter alter Fotografien die einer unbekannten jungen Frau - im Zwiespalt zwischen den Katastrophen des letzten Jahrhunderts? Auch hier behauptet sich der Orientierungssinn der Vorstellungskraft gegenüber allen Festschreibungen.

Es versprechen abenteuerliche Fahrten in die Verheißungen des Ungewissen zu werden, die hier im Zeichen der Windrose ihren Ausgang nehmen. Paarungen für weitere Passagen bilden am 20. März Michail Schischkin und Cécile Wajsbrot, später NoViolet Bulawayo und Aris Fioretos oder Valzyna Mort und Souleymane Bachir Diagne. In den Stürmen der Zeit, in denen man allzu leicht den Kompass zu verlieren droht, kann es nicht schaden, auf die dem Menschen abgemessenen Ortsbestimmungen der Literatur zu vertrauen.

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Termin
Literaturhaus Stuttgart, 19 Uhr