Der gesellschaftliche Gefühlshaushalt ist in Aufruhr: Unter dem Titel „Panische Stunden“ untersucht das Literaturhaus Stuttgart die Ursachen der großen Erregung. Den Auftakt hat der Affekt der Scham gemacht.
Stuttgart - Der antike Hirtengott Pan steht am Ursprung kollektiver Angst. Das liegt an seiner Unsitte, in der tiefsten Mittagsstille markerschütternde Schreie auszustoßen, die eine Ziegenherde so in Raserei versetzen konnten, dass sie sich kopflos in einen Abgrund stürzte. Bocksbeinig steht Pan an der Schwelle, wo Vernunft und erdhafte Instinkte aufeinandertreffen. Wenn viele Menschen gleichzeitig ihre Selbstkontrolle verlieren und aus zivilisierten Vernunftwesen kopflos Getriebene werden, ist er im Spiel.
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Wie es scheint, ist der Affekthaushalt unserer Gesellschaft gehörig in Bewegung geraten; Ängste, Unsicherheiten und pandemisch verstärkte Gefühle prägen ein Klima, in dem sich kleinste Anlässe zu großen Erregungen verdichten. Eine der jederzeit zu großer Aufregung sprungbereiten Figuren, der Wutbürger, scheint sich in Stuttgart besonders wohl- oder – wie man es nimmt – unwohlzufühlen.
Der Wunsch, etwas zu verbergen
Dicke Luft also. Das Beste, was man da tun kann, ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Das versucht eine neue Reihe im Stuttgarter Literaturhaus. Unter dem Titel „Panische Stunden“ unternimmt der Literaturwissenschaftler, Journalist und Autor Lothar Müller einen Streifzug durch die gegenwärtige Gemütslage, entlang von Begriffen, mit denen sich auch wunderbar das Geschehen einer Barockoper auf den Punkt bringen ließe. Scham, Selbsthass, Sündenstolz bilden den Ausgangspunkt des ersten Abends, der in einer Art Begriffsfeldbestellung klären soll, welche Saat in dem toxischen Klima da gerade aufgeht.
Die Historikerin Dana von Suffrin und die Autorin Enis Maci unterstützen ihn dabei, die terminologische Ernte einzubringen. Und dass man sich überhaupt, wenn auch nur metaphorisch, auf einem Acker befindet, liegt an der Urszene der Scham, dem Sündenfall, mit dem das ganze Verbergen- und im Schweiße-des-Angesichts-ackern-Müssen ja erst begonnen hat. Das Wort Scham wurzelt im indogermanischen „skam“ und bedeutet „zudecken“, „verbergen“. Es hat also einen weiten Weg zurückgelegt, um heute spezifische neue Verbindungen einzugehen wie im Begriff des Fremdschämens oder der Flugscham.
Flugscham und Sündenstolz
Dabei ändern sich die Konstellationen: „In manchen gesellschaftlichen Kreisen ist es völlig normal, einen Landrover zu besitzen, in anderen gilt es dagegen als etwas, für das man sich schämen sollte“, sagt Dana von Suffrin und erinnert daran, dass bis ins 19. Jahrhundert der Staat gewissermaßen das Beschämungsmonopol beansprucht habe, etwa mit Institutionen wie dem Pranger. Seitdem sei das Gefühl auf die Gesellschaft übergangen, heute liege alles in der Verantwortung des Einzelnen.
An der These, dass es sich dabei um ein reines Selbstverhältnis handle, hat Enis Maci jedoch ihre Zweifel. Flugscham sei etwas, das man vor allem empfinde, wenn man dabei ertappt werde, wobei diejenigen, die das tun, in der Regel Mitreisende und damit selbst auf Abwegen seien. Und dann gibt es ja noch die, die sich über die moralischen Erwartungen bewusst hinwegsetzen und stolz ihr Miles-&-more-Konto zur Schau stellen. Ein zeitgenössischer Ausdruck für das, was das altertümliche Wort „Sündenstolz“ umschreibt.
Reparationen statt Rituale
In ihren Essays hat Maci die Welt der Twitter- und Instagram-Accounts durchforstet, um zu verstehen, was in der Gesellschaft gerade passiert. Sie ist dabei auf eine Protagonistin der Identitären Bewegung gestoßen, die sich ganz offensichtlich selbst nicht leiden kann und ihrem Selbsthass mit der Travestie linker Aktionsformen zu Leibe rückt. Ist Selbsthass eine Reaktionsform auf die gesellschaftlichen Schamgebote, kann er auch eine emanzipatorische Dynamik entfalten. Müller erinnert an die Scham, die sich in Herkunftsgeschichten verbirgt, und erzählt von den Größenfantasien, in denen sich Sigmund Freud für die Demütigungen rächt, denen sein jüdischer Großvater in seiner galizischen Herkunftswelt ausgesetzt war. „Die Literatur hat die Möglichkeit, das Gefühl der Scham in die Anklage einer sozialen Situation zu wenden“, sagt Müller.
Es gibt allerdings auch eine Rhetorik der Scham. Sie zeigt sich, wenn die Rituale der Gedenk- und Erinnerungskultur auf die konkreten Fragen von Reparationen stoßen. Man kann sich leicht über die Gräuel der Kolonialgeschichte ereifern, solange es nichts kostet, gibt Dana von Suffrin zu bedenken.
Im Fitnessstudio kommt alles zusammen
Die moderne Quelle des Ungenügens entspringt dem eigenen Bild. Und wenn es einen Ort gibt, an dem sich alles sammelt, was die Diskutanten über das prekäre Verhältnis zu sich selbst zusammengetragen haben, ist es das Fitnessstudio: die Scham über die defiziente Leiblichkeit, der zu ihrer Optimierung notwendige Selbsthass und der Sündenstolz, an trainingsfreien Tagen alle Vorsätze wieder über den Haufen zu werfen. Nicht umsonst lag auf diesem Ort während der Pandemie besondere Aufmerksamkeit.
So ertüchtigt kann die zweite Runde der panischen Stunden folgen. Mit Wut, Hass und Zorn geht es am 19. Mai richtig zur Sache: Lothar Müllers Sparringspartner sind dann die Kulturwissenschaftlerin Ethel Matala de Mazza und der Autor Heinz Helle.