Teufel auch! Die Predigt von Pfarrer Uwe Stier hatte es, was aktuelle Bezüge angeht, in sich. Foto: Karina Eyrich

Der Teufel war los in der katholischen Kirche St. Josef zum Auftakt der Literaturtage. Dort hat Pfarrer Uwe Stier die Gretchenfrage gestellt.

„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“ Die „sprichwörtlich gewordene Gretchenfrage“ hat Pfarrer Uwe Stier den Besuchern in der katholischen Kirche St. Josef gestellt – denn zum Literaturgottesdienst hatten sich auch nicht ganz so häufige Kirchgänger eingefunden. Wann kann man schon mal dem Teufel in der Kirche begegnen?

 

Der Teufel, das war Mephistopheles aus Johann Wolfgang von Goethes „Faust“, dessen Prolog im Himmel Petra Graf, promovierte Ärztin, und Christian Schenk, promovierter Germanist, lebendig vortrugen, ehe Schenk den Eingangsmonolog des Doktor Faust rezitierte.

Petra Graf und Christian Schenk ist die Initiative zum Literaturgottesdienst in St. Josef zu verdanken – und die rezitative Ausgestaltung der Texte aus Goethes Faust. Foto: Eyrich

Die Erkenntnis des studierten Philosophen, Juristen, Mediziners und Theologen Faust, dass ihn die Wissenschaft nicht erfüllt, stellte Pfarrer Uwe Stier an den Beginn seiner lebensnahen Predigt: Die Osterglocken – die Ministranten legten sich beim Schellen mächtig ins Zeug – hätten Faust, eben noch im Begriff, den Schierlingsbecher zu leeren, zurückgebracht: „Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!“

Bei der Schöpfungsgeschichte schlage Faust die Bibel auf, so Stier, „doch was er liest, gefällt ihm nicht.“ Ganz Wissenschaftler, schreibe er die Bibel um – auch die Stelle, an der aus „Am Anfang war das Wort“ sein „am Anfang war die Tat“ wird, hatte Schenk dramatisch rezitiert.

Der Pakt mit dem Teufel führt in die Katastrophe

„Ein Pakt mit dem Teufel“ sei Fausts nächster Versuch, glücklich zu werden, erklärte der Pfarrer und fasste das, was folgt, kurz zusammen: Faust werde wieder jung, verliebe sich in Margarete und schwängere sie, die nach dem Tod ihres Vaters und Bruders aus Verzweiflung ihr Neugeborenes ertränke. „Ihre Strafe hält sie für gerecht“, betonte Stier, und sie empfehle sich Gottes Gericht, anstatt sich von Faust zur Flucht aus dem Kerker überreden zu lassen. „Gretchen, die bereut und für ihre Sünden büßen will, kommt am Ende in den Himmel“ – das habe Faust weder durch die Wissenschaft noch durch dunkle Macht erreicht.

„Wir leben in Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen von den Kirchen abwenden“, selbst wenn sie „an ein höheres Wesen“ glaubten, sagte Uwe Stier und mahnte: „Was bleibt ist Orientierungslosigkeit und der Versuch, seine eigene Erkenntnis über das zu stellen, was Gott von sich offenbar hat!“ Wie Faust stehe es den Menschen frei, das Böse in ihr Leben zu lassen. Doch am Ende steht die Gretchenfrage: Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?“

Den Literaturgottesdienst, der auf Initiative von Petra Graf und Christian Schenk gefeiert worden sei, wofür Stier beiden dankte, gestaltete Kirchenmusiker Hans-Peter Merz an der Orgel und mit Gesang.

Hans-Peter Merz gestaltet auch die Lesung von Andreas Knapp am Sonntag, 17. November, ab 17 Uhr in St. Josef musikalisch. Der promovierte Theologe und Philosoph, Schul- und Gefängnisseelsorger, gilt als der „wirkmächtigste geistliche Dichter der Gegenwart“ und stellt in seiner Lesung aus seinem reichen Gedichtschatz die Frage: „Haben wir für Gott noch Worte?“. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.