Christine Westermann: „Man darf beim Bücherkauf darauf achten, ob das Werk mit einem Preis ausgezeichnet worden ist. Aber man muss nicht.“ Foto: Rainer Langenbacher

Autoren zum Anfassen, Literatur zum Erleben: Die zweiten Oberndorfer Literaturtage der Marion und Otto Biesenberger-Stiftung bieten Vielfalt, Emotion und besondere Momente.

Es war ein Fest wie ein Sterne-Menü: Die Vorspeise zeigte, was die Küche kann, der Hauptgang überraschte mit feinen Nuancen – und bei der Nachspeise konnte niemand widerstehen. Zum zweiten Mal fanden die Oberndorfer Literaturtage statt und brachten Leser hautnah mit Schriftstellern zusammen. „Was kann es Spannenderes geben?“, fragte Dr. Richard Rebmann, Verleger des Schwarzwälder Boten und Vorsitzender der Marion-und-Otto-Biesenberger-Stiftung, der Organisatorin der Reihe, zur Begrüßung der rund 100 Lesefans.

 

Die Vorspeise

Als „Frau, die Menschen für Bücher begeistern kann“, stellte Dr. Gwendolin Gundlach von der Biesenberger-Stiftung die Auftaktautorin Christine Westermann vor. Für die Fernseh- und Radiomoderatorin, die mit ihrem Mann aus Köln anreiste, seien Lesungen „eine Belohnung“ ihrer Arbeit. Sie hatte ihr Buch „Die Familien der anderen – Mein Leben in Büchern“ dabei und gab ihrem Publikum zahlreiche Tipps: „Gehen Sie in den Buchladen und lesen Sie immer die erste Seite, bevor Sie ein Buch kaufen.“ Und: „Es gibt keine Bücher nur für Frauen oder nur für Männer. Bücher sind für Menschen.“

Die persönlichen Geschichten aus ihrem Werk untermauerte sie eineinhalb Stunden lang auch mit privaten Geständnissen: „Als Jurymitglied im ‚Literarischen Quartett‘ bin ich gescheitert.“ Auf die Frage nach ihrem Rückzugsort, wenn es ihr einmal nicht gut gehe, antwortete die 77-Jährige: „Mein Rückzugsort bin ich selbst – ich bin bei mir ganz gut zu Hause.“ Eine Vorspeise, die Lust auf den nächsten Gang machte.

Dieser folgte am Freitag in Form von Poesie. Gedichte, die wie „Zigarettenpausen zwischen den Katastrophen dieser Welt“ erscheinen, nannte Martin Seidler die Werke von Eduard Mörike.

Der Lyriker war nur einer von vielen, die der Fernsehmoderator und Gastgeber der SWR-Sendung „Kaffee oder Tee“ präsentierte. Wobei „vorgetragen“ das Erlebnis kaum beschreibt: Es war eine künstlerische Sprechperformance – und ihm zuzuhören selbst ein Gedicht.

Der Hauptgang

Gemeinsam mit Volker Höh an der Gitarre nahm Seidler seine Zuhörer mit auf eine Reise durch die vier Jahreszeiten. So kam Joachim Ringelnatz mit Tango daher, Hermann Hesse wurde von einem Präludium von Bach begleitet. Bei Goethes Vers – „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ – stimmte das Publikum lautstark mit ein.

Oberndorfs Bürgermeister Matthias Winter, der moderierte, sprach von einem „eindrücklichen Abend“. Ein Gast meldete sich nach der Zugabe spontan zu Wort: „So habe ich Gedichte noch nie erlebt – ich habe es richtig tief genossen.“ Der fast Zwei-Meter-Mann Martin Seidler quittierte das Lob mit einem strahlenden Lächeln.

Die Nachspeise

Die literarische „Nachspeise“ servierte schließlich Hannes Finkbeiner am Samstag. Der Autor und Gastrokritiker lässt in seinem Roman „Einer geht noch“ einen Protagonisten an Koprolalie – dem unkontrollierten Ausstoßen von Schimpfwörtern – erkranken. „So hatte ich die Möglichkeit, die Nazis einmal so richtig zu beschimpfen“, erläuterte der in Hannover lebende Finkbeiner.

Der Blick ins Hinterzimmer seiner Schreibwerkstatt brachte zusätzliche Würze: Finkbeiner berichtete, wie Klappentexte und Buchcover entstehen und woher er seine Ideen nimmt. „Die für ‚Einer geht noch‘ hatte ich auf einer Grillparty“, verriet er. Zugleich sensibilisierte er dafür, wie vermeintlich kleine Begebenheiten große Auswirkungen haben können. Die Lesungen sind die Basiszutaten des Literaturfests. Zum Erfolgsrezept gehören aber auch der intensive Austausch und die Dialoge mit den Autoren. Die Einladung der Biesenberger-Stiftung zu Gesprächen bei Getränken und Fingerfood wurde rege genutzt: Christine Westermann, Martin Seidler, Volker Höh und Hannes Finkbeiner nahmen sich viel Zeit fürs Signieren und persönliche Gespräche.