Anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises erscheint Abdulrazak Gurnahs Roman „Das verlorene Paradies“ neu auf Deutsch.
London - Der diesjährige tansanische Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah ist in London offiziell ausgezeichnet worden. Gurnah erhielt dort am Montagmittag von der schwedischen Botschafterin Mikaela Kumlin Granit die Medaille und die Nobelpreisurkunde, wie das zuständige Komitee im Anschluss bestätigte. Angesichts der Pandemie erhalten fast alle Preisträgerinnen und Preisträger ihre Auszeichnungen in diesem Jahr in ihren Heimatländern statt wie üblich in Stockholm. Nur die Friedensnobelpreisträger, die traditionell als einzige in Oslo ausgezeichnet werden, werden auch in diesem Jahr zur feierlichen Ehrung in der norwegischen Hauptstadt erwartet.
Anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises erscheint parallel Abdulrazak Gurnahs Roman „Das verlorene Paradies“ neu auf Deutsch. Hier unsere Rezension:
Als Flüchtling kam Gurnah Ende der sechziger Jahre nach Großbritannien, wo er seither lebt. Er hat nach Angaben der Schwedischen Akademie zehn Romane veröffentlicht, außerdem eine Reihe von Kurzgeschichten. In Deutschland wurde Abdulrazak Gurnah spätestens 2004 mit seinem Roman „Schwarz auf Weiß“ bekannt, der in Großbritannien bereits 1988 unter dem Titel Pilgrims Way erschienen war
Paradise“ heißt dieser Roman des Literaturnobelpreisträgers Abdulrazak Gurnah im englischen Original, „Das verlorene Paradies“ lautet der Titel der deutschsprachigen Übersetzung aus dem Jahr 1996, die der Penguin-Verlag in München nun überarbeitet wiederveröffentlicht. Beide Buchtitel treffen auf die Handlung gleichermaßen zu, lassen zum einen als Paradies erscheinen, was die junge Hauptfigur Yusuf zum anderen dann doch hinter sich lässt.
Ein Historienroman
Yusuf ist gerade einmal zwölf Jahre alt, als er von seinem verschuldeten Vater als Dienstjunge dem Kaufmann Aziz überlassen wird. Der handelt überwiegend mit Stoffen, Gold, Elfenbein und Kautschuk an der ostafrikanischen Küste, von Sansibar im Norden bis nach Mombasa im Süden. Aziz lässt Yusuf in einem seiner Läden an der Küste arbeiten, angewiesen wird Yusuf dort von Khalil, einem etwas älteren Schicksalsgenossen, und versorgt von den meist unsichtbaren Frauen in den Hinterzimmern des Handelshauses.
Die wachsende Freundschaft zwischen Yusuf und Khalil bildet die Rahmenhandlung dieses Romans, mit dem der von Sansibar stammende Autor Gurnah im Jahr 1994 seinen literarischen Durchbruch erlebte. Die Handlung ist indes gut hundert Jahre zuvor angesiedelt, als an der Ostküste Afrikas sowohl indische Händler unterwegs waren, als auch arabische Sultane aus Oman herrschten und zugleich Briten sowie Deutsche ihr Herrschaftsgebiet ausweiteten, bis tief ins afrikanische Landesinnere hinein.
Allerdings spielt die wachsende Präsenz der Europäer in diesem Roman eine eher untergeordnete, noch beiläufige Rolle. Viel wichtiger sind dagegen die Handelsexpeditionen, die der Kaufmann Aziz mit Dutzenden von Trägern in das Landesinnere hinein unternimmt. Mit dabei ist schließlich auch Yusuf, der auf diese Weise von den Gepflogenheiten und Gefahren des Lebens in den Bergen Ostafrikas und an den Seen dort erfährt. Als Wilde werden die dort lebenden Menschen von der Küstenbevölkerung bezeichnet, für die die Gegenden im Landesinneren unbekanntes Terrain sind.
Neuland auch für den Schriftsteller
Unbekannt war dieses Kapitel in der Geschichte seiner Heimat aber auch für den Autor Gurnah selbst. Mit knapp 18 Jahren hatte er aus politischen Gründen Sansibar verlassen müssen, erst gut 20 Jahre später konnte er wieder nach Tansania zurückkehren und musste sich das Wissen um die Vergangenheit seines Landes selbst erst aneignen. „Das verlorene Paradies“ wurde sein erster historischer Roman – und blieb das bis zum Erscheinen seiner Fortsetzung „Afterlives“ im vergangenen Jahr auch.
In der Gestaltung seiner Binnengeschichte folgt Gurnah Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ – die Handelsexpedition mit Yusuf ins Landesinnere wird zu einem lebensgefährlichen Abenteuer. Doch auch nach der Rückkehr ist Yusufs Alltag in Aziz‘ Handelshaus von fremden Regeln und Gesetzen bestimmt. Und die Versuchung eines selbstbestimmten Lebens, der Yusuf dort zunächst erliegt, entpuppt sich rasch als Illusion. So verblüffend es ist, so erklärbar ist es auch, dass Yusuf am Ende das Gefängnis seines Paradieses verlässt – und der Kolonne eines deutschen Offiziers folgt.
Hier wird nichts verklärt
Verklärung der afrikanischen Vergangenheit ist Gurnahs Sache also nicht – seine Kritik an der geschilderten Form von Menschenhandel ist ebenso unübersehbar wie am Wegsperren von Frauen aus dem öffentlichen Leben. Allerdings zeigt Gurnah in seinen detaillierten Schilderungen auf sehr anschauliche Weise und in einem sehr ruhigen Tonfall, dass es eben schon vor der europäischen Kolonialisierung gesellschaftliches Leben vor Ort in Afrika gab, ebenso Handelsbeziehungen in weite Teile der Welt. Auch Märchen aus der Swahili-Kultur fließen in Gurnahs Darstellungen mit ein, Erzählungen von Dschinns und Ungeheuern sowie Legenden von sagenumwobenen Gegenden – und das sind aus der Sicht der Menschen in Ostafrika Länder wie Russland oder Kirgisistan. Und auch diese Perspektivumkehr ist es, die die Lektüre dieses Romans auch nach 27 Jahren noch immer lohnenswert macht.
Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies. Roman. Aus dem Englischen von Inge Leipold. Penguin, 333 Seiten, 25 Euro