Während seines „Stadtschreiber“-Stipendiums erkundet Johann Reißer 2014 auch die Geschichte von Max Duttenhofer. In seinem Romandebüt „Pulver“ entwirft er eine Geschichte, die bis ins Jetzt reicht.
Pulver? Mit mancher Form davon kann man schießen. Wenn man gegen andere schießt, ist es cool, wenn die nicht sehen, woher der Schuss kam. Deshalb kann man, wenn man geschickt ist, mit Pulver Geld machen. Viel Geld. Dass Max Duttenhofer zwar nicht das „Pulver erfunden“ hat, allerdings eine raucharme Sorte entwickelte, die alsbald viel Geld in seine Tasche spülen sollte, weiß man in Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs.
Ein paar Wirtschaftshistoriker wissen auch um das stringente Netzwerk, das der Erfinder und seine Nachfolger gestrickt haben: Der Mann hat nicht nur am Pulver verdient, sondern auch an den Munitionshülsen, den Waffen – und den Fahrzeugen, die diese in Richtung Front bringen. Oder, wie ein Historiker-Team des damaligen „Daimler-Chrysler“-Konzerns in den 1990ern erstaunt feststellte: Ohne Duttenhofer würde es Daimler-Benz in seiner heutigen Form nicht geben.
Start am historischen Ort
Es fasziniert – wertfrei – unwidersprochen. Auch wenn der Protagonist selbst widersprüchlich diskutiert wird. Fasziniert hat es jedenfalls auch Johann Reißer. Der Schriftsteller war 2014 Stadtschreiber-Stipendiat in Rottweil – und sprang auf diese Geschichte an. Er erkundete das Areal, das den Ersten Weltkrieg mit dem berühmten Pulver befeuerte, später gut für Kunstfasern für Fallschirmseide und schließlich Nylons war, tauchte ein in die Geschichte eines geschlossenen Industriebezirks am Rande einer historischen Stadt am oberen Neckar. Und er begann, an einem Roman zu arbeiten.
Dieser feierte am Donnerstagabend in Frankfurt Buchtaufe. Titel: „Pulver“. Kurz und schmerzlos. Und selbst wenn „480 Seiten“ inzwischen vergleichsweise lang klingt, ist es Reißer gelungen, der Geschichte eine andere zur Seite zu stellen, die zwanglos eineinhalb Jahrhunderte überspannt. Zwanglos auch deshalb, weil Multiperspektive und detailreiche Schilderung den Leser nahe an die Menschen rücken.
Nahe an den Menschen
Und diese Menschen wiederum, der olle Duttenhofer und sein Umfeld zeitlich entrückt, und auch die Schrecken der Schlachtfelder liegen weit entfernt, schaffen eine gesunde Distanz zum Mythos. Ihre Beobachtungen, Gefühle und Handlungen, geschrieben im Präsens, werden Geschichten, die mögliche Realität abbilden.
Wer Rottweil oder die Rottweiler Fastnacht kennt, hat dabei klare Vorteile, denn Reißer, nach seinem Aufenthaltsstipendium immer wieder zu Gast in Rottweil, hat sich auch daraus bedient – und es sogar geschafft, ein bisschen Abglanz dieses berührenden Brauchtums in sein Buch zu schreiben.
Wer von alldem nichts weiß oder wissen will, der erhält bei der Frankfurter Verlagsanstalt einen Roman, der exemplarisch die Geschichte der Militarisierung des jungen Deutschlands in die Katastrophen hinein – und bis ins Private – erzählt. Und auch das kann faszinieren.
Das Buch
Johann Reißer: „Pulver“,
Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten, 26 Euro