Bürgermeisterin Lisa Hengstler mit ihrem Mann Benjamin Hengstler und den beiden Kindern. (Archivfoto) Foto: Sebastian Weiß

Frauen auf dem Bürgermeistersessel – das ist selten. Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es derzeit nur eine Bürgermeisterin, Lisa Hengstler in Gütenbach.

Jüngst sorgte der Rücktritt von Altheims Bürgermeisterin Selina Holl für Schlagzeilen. Sie tritt zum 30. September von ihrem Amt zurück.

 

Als Grund nennt die 31-Jährige anhaltende Kritik und ein damit verbundenes Misstrauen gegenüber ihr und den Rathausmitarbeitern sowie ständig wiederkehrende Beschwerden über ihre Arbeitsleistung und die der Kollegen.

Wie ist das in Gütenbach, der einzigen Gemeinde im Kreis mit einer Rathauschefin? Lisa Hengstler sieht teilweise Ähnlichkeiten. Die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat sei gut, schwierige Entscheidungen würden gemeinsam getragen. Trotzdem gebe es Bürger, „die gegen mich sind“, negative Stimmung verbreiteten und schlecht über sie redeten.

Derlei Kritik erhält sie nicht direkt, sondern über Dritte

Wobei derlei Kritik nicht direkt an sie herangetragen werde, sondern sie davon über Dritte oder Vierte erfahre. Glücklicherweise gebe es solch negativen Stimmen nur vereinzelt.

„Es gibt sicherlich auch Leute, die in Frage stellen, ob ein solches Amt von einer Frau mit Kindern ausgeführt werden kann.“ Lisa Hengstler ist 36 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei kleinen Kindern, einer einjährigen Tochter und einem dreijährigen Sohn. Und sie räumt ein, die Aufgaben als Bürgermeisterin und Mutter unter einen Hut zu bringen, sei nicht einfach. „Das ist eine große Herausforderung. Aber bis jetzt funktioniert es.“

Dabei gebe es auch positive Rückmeldungen. „Mir hat noch nie jemand persönlich vorgeworfen, dass ich eine schlechte Mutter wäre, weil ich versuche, beides zu machen.“ Vielmehr seien die Aussagen positiv und zollten ihr gegenüber Respekt, dass sie Bürgermeisterin und gleichzeitig Mutter von zwei kleinen Kindern sei.

Kein drittes Kind geplant – schon jetzt ein „komplexes Betreuungssystem“

Wobei sie im Blick auf ihre Familienplanung sagt, dass ein drittes Kind nicht beabsichtigt sei. Schon jetzt sei das „Betreuungssystem“ in ihrer Familie „komplex“. Ihre Mutter und die Schwiegereltern seien eingebunden in die Betreuung der beiden Kinder, auch ihr Mann, der Teilzeit in der Stadtverwaltung St. Georgen arbeite. Sie kenne auch keine Bürgermeisterkollegin mit drei kleinen Kindern.

Die Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg pflegen in jährlichen Treffen den Austausch. Die jüngste Zusammenkunft war laut Hengstler Mitte September in Weinsberg im Landkreis Heilbronn. Auch dort sei der Fall in Altheim diskutiert worden und es habe das Thema „Resilienz im Alltag“ auf der Tagesordnung gestanden.

Ein Fazit sei gewesen, so Hengstler, dass Bürgermeister zunehmend widerstandsfähig sein müssten gegen wachsende Kritik, unabhängig davon, ob nun eine Frau oder ein Mann auf dem Bürgermeisterposten sei. „In vielen Themen ist man als Bürgermeister der Sündenbock für alles“, sei es bei politischen Entscheidungen vor Ort oder bei der Umsetzung von Aufgaben, die von höherer Stelle an die Kommunen herangetragen würden.

„Ein bisschen Klatsch und Tratsch“ gehört dazu

Lisa Hengstler meint, „ein bisschen Klatsch und Tratsch“ gehöre mit zum sozialen Leben in einer Kommune. Zum Glück sei da noch nie eine Anfeindung ihr gegenüber dabei gewesen, die sie nachhaltig erschütterte. „Ich muss sagen, das nehme ich auch nicht zu ernst.“

Nach wie vor mache ihr ihre Arbeit als Bürgermeisterin Freude. Vor acht Jahren, im Dezember 2017, wurde sie als Bürgermeisterin von Gütenbach gewählt, damals als einzige Bewerberin. Nun kandidiert sie für eine zweite Amtsperiode. Die nächste Bürgermeisterwahl in Gütenbach findet am 7. Dezember statt.

Lisa Hengstler wurde 2017 mit einer hohen Wahlbeteiligung von 60 Prozent, also mit viel Rückhalt in der Bevölkerung, in ihr Amt gewählt. Sie und ihr Engagement waren vorher schon bekannt als bisherige Hauptamtsleiterin in Gütenbach.

Vielfältige Aufgaben als Bürgermeisterin einer kleinen Gemeinde

Sie ist für ihre Aufgaben gut ausgebildet, studierte an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl, absolvierte außerdem berufsbegleitend den Master of Arts in Public Management. Das kommt ihr bei der Arbeit in Gütenbach zugute. In so einer kleinen Gemeinde arbeite man auch mal als Sachbearbeiterin, erstelle Pressemitteilungen oder bereite Unterlagen für den Gemeinderat vor, erzählt Hengstler. Und diese Vielseitigkeit mache ihr Freude. „Ich hetze nicht nur von einem Termin zum anderen, um dort Grußworte zu halten.“

Wobei repräsentative Aufgaben natürlich auch zu ihrem Amt gehören. So erwähnt sie als aktuelles Beispiel ein Grußwort von ihr zum 150-jährigen Bestehen der altkatholischen Kirchengemeinde in Furtwangen und Gütenbach. Außerdem sei sie noch Standesbeamtin.

Und zu manchen Veranstaltungen nehme sie auch mal eines ihrer beiden Kinder mit, vorausgesetzt es passe in den Rahmen. „Das ist bislang nie negativ rübergekommen“, freut sie sich. Ein Beleg dafür, dass die Gütenbacher offen gegenüber einer Bürgermeisterin sind, die auch Mutter ist.

Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg

Der Frauenanteil
von Bürgermeisterinnen in Baden-Württemberg liegt bei knapp neun Prozent. Der niedrige Anteil, so vermutet Bürgermeisterin Lisa Hengstler, resultiere auch aus wenig weiblichen Kandidatinnen für dieses Amt. So manche, die dafür in Frage komme, traue sich das womöglich nicht zu. In diesem Zusammenhang verweist sie auf Coaching-Programme in Baden-Württemberg, die Frauen für das Amt der Bürgermeisterin interessieren wollen.