Am Montag wird sie 90 Jahre alt: Lisa Boulton, die „Grande Dame“ der Villinger Jazzszene, liebt ihre Musik noch immer. „Das ist mein Lebenselixier“, sagt sie.
Gerade war sie wieder einmal im Jazzkeller, hat sich mit dem Taxi bis vor die Tür in der Webergasse bringen lassen, denn die Beine wollen nicht mehr so richtig.
Dort habe man sie, die Ehrenvorsitzende des Jazzclubs, „mit großem Hallo“ begrüßt, erinnert sie sich schmunzelnd. Sie habe ihren Stammplatz eingenommen und ein dünnes Rotweinschorle geordert. Dann genoss sie die Musik, die sie seit Teenagerjahren begleitet und dessen Reizen sie auch in der modernsten Form bis heute erliegt.
Sie ist Amerikanerin
Lisa Boulton – der Name täuscht: Die momentan noch 89-Jährige ist in Villingen geboren und mit vier Geschwistern hier auch aufgewachsen. Obwohl sie die meiste Zeit ihres bisherigen Lebens in ihrer Heimatstadt verbrachte, hat sie keine deutsche Staatsangehörigkeit. Offiziell ist sie Amerikanerin.
Und das kam so: In der Obrist-Aescher-Straße ist sie als Lisa Scherer groß geworden, hat die Mädchenschule (heute Klosterring) und die Realschule besucht und ging beim einstigen Herrenausstatter Langenbacher in der Niederen Straße in die Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Mit 18 wollte sie die große weite Welt kennenlernen und fuhr nach München, die Heimat ihrer Mutter. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen, einen Amerikaner, und folgte ihm in die Vereinigten Staaten.
Chefsekretärin bei Saba
Ihre beiden Kinder erblickten in Amerika das Licht der Welt. Als die Ehe 1964 in die Brüche ging, kehrte Lisa Boulton mit Sohn und Tochter nach Deutschland zurück. An die Zeit als alleinerziehende Mutter hat sie keine guten Erinnerungen, „ich wurde missachtet“. Doch als „Schafferin“, die sie, wie sie sagt, immer war, brachte sie ihre Familie mit Übersetzungsarbeiten durch. Sie fand eine Anstellung in der Uhrenfabrik Schmeckenbecher und schließlich als Produktionsassistentin bei der Musikproduktion des Saba-Chefs Georg Brunner-Schwer. Später war sie dessen Chefsekretärin.
Großartige Zeit
Bei MPS begann für sie „eine großartige Zeit“, erinnert sie sich. Mit den Jazz-Größen Oscar Peterson, B. B. King, Hans Koller, Eugen Cicero und Baden Powel verbanden sie Freundschaften, Duke Ellington küsste sie auf die Wange.
Festivals organisiert
Ihre Leidenschaft und die beruflichen Kontakte führten Lisa Boulton unweigerlich zum Jazzclub Villingen, deren langjährige Vorsitzende sie schließlich auch war. In Villingen organisierte sie zusammen mit Fritz Ewald viele Jahre das Jazz-Festival „vs swingt“, und auch in Berlin war sie bis 2011 als Organisatorin gefragt. „Ich danke Gott für jeden Tag in meinem Villingen“, sagt Lisa Boulton, die zwar gerne wieder einen deutschen Pass hätte, aber mittlerweile den „Riesenaufwand“ scheut.
Arzt: Sie wird 100
Über 30 Jahre lang lebte sie mit ihrem Lebensgefährten Ludwig „Lou“ Latzer zusammen und pflegte ihn bis zu dessen Tod 2016. Inzwischen gilt die Hilfe der katholischen Sozialstation ihr. Nach einem Sturz kurz vor Weihnachten 2022 sah es so aus, als ob sie in ein Pflegeheim umsiedeln müsste, doch zur Überraschung aller war sie nach drei Wochen wieder ganz die Alte. „Ich glaube, mir ist ein langes Leben vorbestimmt“, sagt Lisa Boulton und lacht. Auch ihr Hausarzt prognostiziere, dass sie 100 werde.
Täglich kommuniziert sie über den Computer – das gehe besser als mit der Hand zu schreiben –, unter anderem mit Bernhard Zipfel, dem Betreiber des „Kulturbahnhofes“ in Donaueschingen. Dort will sie auf jeden Fall bald zu einem Konzert hin. Und als Mitglied des Vereins MPS-Studio genießt sie auch dort immer wieder einmal ihre Musik.
In Saba-Ausstellung
Mit ihrer in Nordrhein-Westfalen lebenden Tochter, die zum Geburtstag nach Villingen kommen wird, ist außerdem der Besuch der Ausstellung „Saba-Mythos“ im Franziskanermuseum geplant. Schließlich könnte Lisa Boulton zur „Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt“ auch so einiges erzählen.