In Japan, wo die Wohnungen oft eng sind, gehörten die als „Lovehotels“ bekannten Stundenhotels zum Intimleben. Doch die Anbieter müssen sich nun umstellen: „Sex sells“ – das war mal.
Betagte Japanerinnen können sich an eine gute, alte Zeit erinnern: Kamen sich zwei Menschen näher, wollten aber noch näher beisammen sein, trafen sie sich bei einem „Rabu Hoteru“. Hinter dieser Wortschöpfung steckt die japanische Version von Stundenhotels, die man für einen Nachmittag oder eine ganze Nacht bucht. Der Grund für den Aufenthalt: Sex.
In Japan sind die „Rabu Hoteru“ über Jahrzehnte eine Art Lebensretter – oder Lebensschaffer – gewesen. Weil Wohnungen im ostasiatischen Land meist klein und hellhörig sind, ist Intimität oft nur auswärts möglich. So entstanden im Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahrzehnte unzählige Lovehotels. Manche hatten sogar ein Motto, das von Märchenschlössern über BDSM-Keller bis zu Lehrerzimmern reichen konnte. Es gibt wohl keine Vorliebe, für die nicht auch ein Spezialzimmer verfügbar wäre.
Der Hügel der Liebe
Im Partyviertel des Tokioter Bezirks Shibuya hat sich über die Jahrzehnte sogar ein Hügel mit Liebeshotels etabliert. Auf einer Steigung gelegen sind überall, links und rechts, oben und unten an den Gebäudewänden Leuchtschilder angebracht: Thermalhotels warten neben Dungeons, nicht weit von Kuschelzimmern oder Absteigen, in denen das Bad vom Bett aus durch eine Scheibe sichtbar bleibt.
Die branchenüblichen Angebote versteht jede und jeder in Japan: Hinter den beiden Tarifen „rest“ und „stay“ verbirgt sich je ein oft zwei- bis dreistündiger Aufenthalt oder eine ganze Nacht.
In Tokio kostet der kürzere „rest“-Tarif meist zwischen 4000 und 8000 Yen (22 bis 44 Euro), der längere „stay“-Deal in etwa doppelt so viel. Vor einigen Jahren noch wurden die Gesamtumsätze der Branche auf umgerechnet rund 35 Milliarden Euro im Jahr geschätzt. Das Lovehotel-Geschäft war eines zum Reichwerden.
Sexualität und Kinks
Doch ebendiese Branche, die in Japan nicht nur über Generationen riesige Umsätze gemacht hat, sondern auch mehreren Generationen diverse Sexualität und Kinks nähergebracht hat, befindet sich im Niedergang.
Seit mittlerweile Jahren berichten Medien immer wieder vom Lovehotel-Sterben. „Der Niedergang der Lovehotels geht weiter“, schrieb schon 2016 die Wirtschaftsseite Tokyo Keizai. 2021 schrieb der englische „Guardian“ von einer „unsicheren Zukunft“ der Branche. Dabei ist eigentlich ziemlich klar, wohin die Reise geht: bergab.
Denn inmitten seit Jahrzehnten niedriger Geburtenraten altert und schrumpft Japans Bevölkerung in hohem Tempo. Seit 2009 ist die Bevölkerungszahl um rund fünf Millionen Menschen gesunken, allein 2024 nahm sie um rund 900 000 Menschen ab. Wobei es nicht nur das Schrumpfen ist, das den Lovehotels vor allem jenseits der großen Städte das Leben schwer macht. Auch die damit zusammenhängende Alterung der Bevölkerung spielt eine Rolle.
Die Faustregel, die sich hier zu bewahrheiten scheint: Je älter eine Gesellschaft, desto stärker nimmt die Zahl derer ab, die sich für Sex noch erwärmen können. So sehen sich Betreiber von Lovehotels seit Jahren zusehends gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben oder umzuwidmen. Aus Immobilien, deren Interieur mal vor allem Sex diente, werden heute vermehrt Ateliers, Müllverbrennungsanlagen oder gar Krematorien.
„Wir wollen weg vom Image, dass unsere Zimmer für nichts als Sex taugen.“
Fumiaki Amano, Branchenverband der Lovehotels
Fumiaki Amano vom Branchenverband hat alarmierende Zahlen: „Vor gut zehn Jahren gab es noch landesweit um die 10 000 Lovehotels. Heute ist es die Hälfte.“ In großen Städten wie Tokio, Osaka oder Yokohama sei das Geschäft zwar noch meist gut genug, um die Lovehotels in ihrer bisherigen Form am Leben zu halten. Aber schon an den Rändern der Metropolen ist ein Verschwinden der Etablissements zu beobachten.
Fumiaki Amano aber will sich und seine Zunft nicht aufgeben. Um Wege aus der Krise zu finden, hat sich die Branche zuletzt in Osaka getroffen. Schon der Titel der Veranstaltung – übersetzt: „Freizeithotel-Expo“ – gab eine Richtung vor, wie Amano erklärt: „Wir wollen weg vom Image, dass unsere Zimmer für nichts als Sex taugen.“ Er wisse, dass den Hotels ein Schmuddelruf anlaste, betont aber: „Unsere Betriebe bieten so viel mehr!“ So viel mehr als „nur“ Sex?
Auf der Messe in Osaka ist ein Trend weg vom Sex jedenfalls zu beobachten gewesen. „Diese Minisauna passt überall hin“, rief da ein Vertreter des Tokioter Betriebs B&P, der platzsparende finnische Saunen anbietet, damit aus sexy Zimmern Wohlfühlräume werden. „Mit unserer Anlage könnte man Konzerte geben!“, trällerte eine Repräsentantin des Unternehmens Xing, das Zimmer mit Karaokeequipment ausstattet. Diverse weitere Stände brachten dieselbe Botschaft: „Freizeithotels“ gehen auch ohne Sex.
Sieht so die Zukunft der „Rabu Hoteru“ im alternden, schrumpfenden Japan aus – eine, die sich vom Sex distanziert, um nicht weitgehend zu verschwinden? Chika Tsuda, eine Frau aus der Region Osaka, Mitte 40 und eine der schätzungsweise immer noch rund eine Million Personen, die pro Tag in einem Zimmer absteigen, ist da indifferent: „Auch in einem Freizeithotel kann man doch noch anstellen, was man so will“, findet sie. „Solange der Preis nicht steigt, ist doch alles okay.“
Die BDSM-Zimmer müssen bleiben!
Aber nicht alle sehen das so. Die 33-jährige Yuki Ito aus der nördlichen Präfektur Iwate erkennt im Wandel der Branche zwar ein paar Vorteile: „Da sich die Hotels jetzt mehr Mühe geben müssen, für alle möglichen Gruppen ansprechend zu sein, werden sie auch sauberer.“ Es gebe zum Beispiel auch öfter ganz unschuldige Partys in Lovehotels, wo sich Freunde völlig platonisch für ein paar Drinks treffen. „Aber wenn das heißt, dass bald die BDSM-Zimmer verschwinden“, sagt Yuki Ito ernst, „dann bin ich dagegen.“
Ohnehin geht das Klischee, für das Lovehotel-Sterben sei die demografische Alterung verantwortlich, zumindest teilweise an der Realität vorbei. „Dass uns das Schrumpfen der Bevölkerung nicht gerade hilft, ist klar“, sagt Fumiaki Amano. „Aber unsere größten Kundengruppen sind Paare, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind.“ Selbst ältere Personen kehrten noch manchmal in Lovehotels ein, nicht selten allerdings – soweit bekannt– nicht mit dem Ehepartner, sondern per Seitensprung oder mit Sexworkern.
Volkswirtschaft in der Krise
„Wir würden uns wünschen, dass auch wieder mehr junge Menschen in unsere Hotels kommen“, sagt Fumiaki Amano. Statistisch gesehen sind die jungen Japanerinnen und Japaner von heute deutlich häufiger Single und auch Jungfrau als es in vorigen Generationen der Fall war. Als Gründe hierfür nennen Soziologinnen häufig die schwierige Lage von Japans Volkswirtschaft, die nicht zuletzt wegen der schrumpfenden Bevölkerung seit drei Jahrzehnten praktisch nicht mehr gewachsen ist.
Die Reallöhne stagnieren oder fallen seit Jahren, ein Großteil der jüngeren Menschen hat keine Festanstellung. So wären gerade in einem Land, wo die Wände von Wohnhäusern oft dünn sind und Privatsphäre ein knappes Gut, Lovehotels eigentlich umso wichtiger.
Nur müssten sich die potenziellen Kunden einen Aufenthalt auch leisten können. „Aber das ist ein Problem“, sagt Fumiaki Amano, „das nicht unsere Branche lösen kann.“ Denn viele Hotels arbeiteten schon mit sehr niedrigen Profitmargen.