Der sexuelle Höhepunkt ist in einer Zeit der Selbstoptimierung etwas, das einem nicht mehr einfach widerfährt: Man arbeitet dafür! Ratgeber und Podcasts sollen helfen.
Beinahe wöchentlich erscheinen in Medien Texte mit Überschriften wie „Mathematiker finden Formel für männlichen Orgasmus“ („Welt“) , „Ehemalige Nonne hilft Frauen intensiven Orgasmus zu haben“ („Focus“) und: „Wie gelingt der Orgasmus?“ („Süddeutsche“). Kaum ein Thema elektrifiziert so zeitlos wie der sexuelle Höhepunkt. Kürzlich haben zwei Sexspielzeugmarken mithilfe künstlicher Intelligenz visuelle Darstellungen sexueller Höhepunkte geschaffen: kleine Gemälde von bunten Flüssigkeiten, die explodieren, sich vermischen, glühen, spritzen.
Der sexuelle Höhepunkt ist in einer Zeit der Selbstoptimierung zu etwas geworden, das einem nicht mehr einfach widerfährt (oder nicht). Man kann ihn vielmehr durch das eigene strebsame Verhalten erreichen – wie, das erklären Bestseller wie „Coming Soon: Orgasmus ist Übungssache“.
Seit einigen Jahren erscheinen zunehmend Ratgeber und Podcasts, die dabei helfen sollen, das Liebesleben von Paaren mit abhanden gekommener Lust wieder aufzupeppen und ungeahnte Höhepunkte zu erleben. Andere setzen darauf, die Fragen junger Frauen zu beantworten, die vom Vulven-Abformungskurs über die Tantragruppe bis hin zur sexpositiven Party alles interessant finden und ausprobieren wollen.
Die Ratgeber und Podcasts stehen in der Tradition jahrtausendelanger kultureller Auseinandersetzung mit dem sexuellen Höhepunkt: Vom Kamasutra bis zu Alex Comforts legendärem Buch „The Joy of Sex“ von 1972 oder David Schnarchs „Psychologie sexueller Leidenschaft“ erfuhr ratgeberhafte Sexualliteratur immer wieder Hochphasen.
Der weibliche Orgasmus galt jahrhundertelang als unwichtig
In dem aktuellen Buch „Hand drauf“ der „Sexfluencerin“ Gianna Bacio heißt es: „Viele Frauen wissen nicht genau, wie sie sich selbst zum Höhepunkt bringen können.“ Tja. „Warum?“, fragt die Autorin, und liefert eine Antwort gleich mit: „Weil die weibliche Lust nach wie vor als Mysterium gilt.“ Einer Umfrage von 2016 zufolge haben 61 Prozent der Männer beim Sex einen Orgasmus und nur 27 Prozent der Frauen.
Der weibliche Orgasmus galt jahrhundertelang als unwichtig für die Fortpflanzung, doch jüngste Forschungen legen die Vermutung nahe, dass er ursprünglich sogar überlebenswichtig für die Spezies Mensch gewesen sein könnte: Zwei Forschende aus den USA sind in einer Studie 2016 zu der These gelangt, der weibliche Orgasmus könnte einst den Eisprung ausgelöst und damit eine Schwangerschaft möglich gemacht haben. Fortpflanzung hin oder her: Die Einstellung, der Orgasmus der Frau gehöre zu einer erfüllten sexuellen Begegnung dazu, setzte sich zuletzt wieder durch. Und die Frau hat gegenüber dem Mann den Vorteil, dass sie sogar mehrmals kurz nacheinander kommen kann. In den vergangenen Jahren haben Forschende mit Mythen zur weiblichen Sexualität aufgeräumt: Die Unterscheidung in klitoralen und vaginalen Orgasmus beispielsweise ist frei erfunden. In den vergangenen Jahrhunderten erfüllte diese Theorie eine gesellschaftspolitische Rolle, indem sie die Lust der Frau vom Mann abhängig machte – es hieß, nur der vaginale Orgasmus sei ein „echter“. Längst weiß man außerdem: Das Jungfernhäutchen gibt es nicht, und Frauen können auch ejakulieren. Die Klitoris wird heute in medizinischer und schulischer Literatur endlich richtig abgebildet – als eine großflächige Struktur in der Vulva der Frau, die an jedem Orgasmus beteiligt ist.
Bewusstseinsphasen wie während des Sterbens
Medizinisch betrachtet werden beim Orgasmus durch Erregung sympathischer und parasympathischer Neuronen aus dem Lumbal- und Sakralmark Veränderungen im Genitalbereich bewirkt. Dann spannt sich kurzzeitig fast die gesamte Körper-Muskulatur an, die Durchblutung steigert sich, Puls- und Atemfrequenz verändern sich, mitunter tritt eine Bewusstseinstrübung ein. Nach Schriften des tibetischen Buddhismus durchläuft der Mensch im Orgasmus dieselben Bewusstseinsphasen wie während des Sterbens. Die im Tantra-Yoga gelehrten Konzentrationstechniken basieren auf der Vorstellung von „acht Phasen der Auflösung“. Die Kunst spricht nicht umsonst vom Orgasmus als kleinem Tod: „La Petite mort“.
Weitere Literatur
Bücher
Louisa Lorenz: Clit. Die aufregende Geschichte der Klitoris. Heyne 2022. Stephanie Haerdle: Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation. Edition Nautilus 2020. Mithu Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Wagenbach 2009.