Liebe und Hormone Warum wir nicht auf Dauer verliebt sein können
Bei der Partnerwahl und in Beziehungen sind Hormone wichtig. Eine Wissenschaftlerin erklärt, was Liebe mit Sucht zu tun hat und warum wir nicht auf Dauer verliebt sein können.
Ist Liebe nur Chemie? Hormone beeinflussen unser Leben auf jeden Fall ungemein – mehr als wir das jeden Tag mitbekommen. „Hormongesteuert ist immerhin selbstgesteuert“, sagt die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen dazu. Im Interview erklärt sie, wie Liebe und Hormone zusammenhängen.
Stimmt die Chemie, läuft die Beziehung von allein. An diesen Mythos glauben viele. Aber ist es tatsächlich so einfach mit der Liebe?
Die Pheromonforschung dazu ist immer noch ziemlich Kraut und Rüben. Dennoch gibt es Anzeichen, dass unser Körper mitentscheidet, wenn wir uns aussuchen. Dass wir zum Beispiel jemanden mit einem möglichst unterschiedlichen Immunsystem attraktiver finden oder auch auf tiefer körperlicher Ebene, die Eizelle mancher Leute Spermien eher anlockt, als andere. Tatsächlich passiert also ganz viel auf körperlicher Ebene. Seit Langem wird ja auch diskutiert, ob sich unsere Partnerpräferenzen während des Zyklus‘ ändern. Es gibt viele verschiedene Studien dazu – und einen Teil der Liebe, den wir aber immer noch nicht entschlüsselt haben.
Was passiert, wenn wir uns verlieben?
Das aktiviert die Stoffe, die uns ein Rauschgefühl verschaffen. Endorphine, Opioide, aber auch jede Menge Stresshormone. Wir schwanken zwischen totaler Freude und totalem betrübt sein, wenn wir uns zurückgewiesen fühlen. Noradrenalin, Cortisol und Adrenalin spielen in dieser Phase eine große Rolle – sie verursachen zum Beispiel die sogenannten Schmetterlinge im Bauch, Gänsehaut und schwitzende Hände. Dopamin sorgt für das Wollen und Verlangen nach dem anderen. Es ist ja eine sehr obsessive Phase, in der wir uns da befinden – fast wie eine Sucht. In der Zeit schwankt zum Beispiel auch der Serotoninspiegel – das kennen wir auch von zwanghaftem Verhalten.
Es sind andere Hormone als diejenigen, die die Langzeitliebe steuern. Ich stell es mir immer ein bisschen vor wie das Feuer, dass die Reaktion erst möglich macht. Aber die eigentliche Verbindung passiert eher auf der Ebene des Oxytocins. Es sorgt dafür, dass wir in die zweite Phase der Liebe übergehen, in der Nähe und innere Ruhe entsteht. Auch die Amygdala, auch das Angstzentrum im Gehirn, ist nicht mehr so aktiv. Der Mandelkern, wie sie auch genannt wird, ist mit dafür verantwortlich, wem wir vertrauen. Oxytocin bindet unter anderem an die Amygdala und unterdrückt gegenüber Lieblingsmenschen, die natürliche Abwehrreaktion, die wir hätten, wenn uns andere auf die Pelle rücken. Das verstärkt die rosarote Brille, sorgt aber auch für ein tolles Gefühl: sich im Beisein anderer so wohl fühlen, wie allein. Viele glauben, das sei nun die langweilige Phase, aber das stimmt nicht. Im Prinzip ist es ein zweites Geschenk.
Viele wünschen sich aber, dass die Verliebtheit gegenüber ihrem Partner ein Leben lang anhält. Doch das würden wir doch gar nicht aushalten?
Nein, wir wären dann dauergestresst. Zudem sind wir, wenn wir verliebt sind, auch zu arg auf uns selbst fokussiert – eben, weil wir ständig unter Strom stehen: „Hab ich was Falsches gesagt? Was denkt sie jetzt von mir?“ Selbst unser Immunsystem strengt das an. Deshalb hat es unser Körper schon so eingerichtet, dass die Verliebtheit mit der Zeit abnimmt, je näher wir uns dem anderen fühlen. Eine glückliche Langzeitbeziehung macht ja genau das aus: Wärme und Nähe lassen uns besser fühlen. Schenken uns im Idealfall sogar Gesundheit. Aber es geht eben nicht, dass wir uns dauerhaft außer Kontrolle und voller Unsicherheit fühlen. Wir wollen uns nicht dauerhaft wie in der achten Klasse fühlen.
Echte Liebe ist eher langweilig. Lässt deswegen auch das Bedürfnis nach Sex mit der Zeit immer mehr nach?
Nein, beim Sex und beim Orgasmus spielen Noradrenalin und Dopamin auch weiterhin eine große Rolle – die sind ja nicht auf einmal weg. Man kann also trotzdem noch zusammen Spaß haben und aufregende Gefühle erleben. Auch, wenn die spontane Lust ein bisschen nachlässt, heißt das nicht, dass wir weniger Sex haben oder weniger Spaß dabei. Im Gegenteil. Viele trennen sich heutzutage aber häufig dann, wenn die „Liebe nicht mehr so groß“ ist oder weil sie glauben, die Liebe sei weg. Oft ist es doch aber einfach schlicht nicht mehr die große Verliebtheit aus den Anfangszeiten. Liebe verändert sich – das ist es auch, was sie von der Sucht unterscheidet. Das kommt uns dann langweilig und vielleicht auch unromantisch vor.
Aber es geht dabei immer noch um wunderbare Gefühle. Wie schön ist es denn, mit einer Person so eng zu sein, ihr nahezu sei und sich mit ihr komplett wohlzufühlen? Bei der Vorhersage, welche Beziehungen lange halten, spielt die Frage nach schönen Momenten eine große Rolle. Zärtlichkeit. Einander angucken. Sich zu lächeln. Das ist übrigens aussagekräftiger als die Frage, wie oft wir uns streiten. Dagegen ist der Hormoncocktail, der die Anfangszeit prägt, ja auf Dauer ziemlich anstrengend – und die echte Nähe fehlt.
Was unterscheidet denn Liebe von Sucht?
Das sie sich eben weiterentwickelt. Wären wir immer verliebt, wären wir wie ein Süchtiger. Wir wären ständig obsessiv mit dem Partner beschäftigt – und das wäre nicht gesund.
Was genau passiert in uns, wenn wir eine längere Beziehung eingehen?
Die Oxytocin- und die Vasopressin-Level steigen an – die Höhe sagt auch etwas darüber aus, ob eine Beziehung lange hält. Mehr zumindest als andere Hormone. In Tierstudien haben wir auch gesehen, dass sich dann die Dopamin-Rezeptor-Strukturen ändern, so dass die Mäuse umschwenken vom Erkundungsdrang zum Aneinander festhalten. Also sich ungern voneinander trennen und Neuzugänge misstrauisch anschauen. Bindung ist auch eine Lernerfahrung. Wir lernen dann, dass da nun jemand in unserem Leben ist – und kriegen dann ja oft auch Verlustängste, wenn derjenige mal weg ist.
Wie gut das Oxytocin im Gehirn andocken kann, wird nach all dem, was wir bisher wissen, beeinflusst von den Genen und unserer eigenen Bindungserfahrung im Leben, die wir in der Kindheit vermittelt bekommen haben. Bei Mäusen können wir das allerdings bewusst manipulieren: Wenn die Rezeptoren fehlen, an die Oxytocin andocken möchte, dann leben sie auch nicht monogam. Wie übrigens die meisten Mäusearten. Der Unterschied hängt auch in der Natur wieder mit den Oxytocinrezeptoren zusammen. Offensichtlich spielt dabei auch das soziale Gedächtnis dann eine große Rolle: Ich muss ja wissen, mit wem ich die monogame Beziehung führe. Und das fiel den Mäusen in Experimenten dann schwer. Wenn wir diese Rezeptoren also lahmlegen, fällt das Besitzdenken weg oder auch das nicht weggehen wollen vom anderen. Sie trösten sich auch weniger.
Also ist das allein eine Sache der Hormone?
Nein, die Biologie entscheidet das nicht allein – der Mensch hat ja im Gegensatz zu Mäusen ein erlerntes Bindungsverhalten. Da spielen Beziehungsgewohnheiten mit rein: wie viel Stress haben wir in den ersten Jahren als Kind abbekommen? Wie sensibel reagieren wir auf Nähe? Im positiven, wie im negativen Sinne. Es ist eine Mischung aus Biologie und Erfahrung. Das gilt nicht nur in der Liebe: Wer viel Stress erlebt hat, reagiert darauf später vielleicht intensiver. Anderen fällt es dagegen gerade deshalb schwer, sich in etwas langweiligen Situationen wohlzufühlen. Die suchen dann eher immer wieder nach Abenteuer. Oder werden gleich Rettungsmediziner.
Sind Menschen also doch von Natur aus monogam gestrickt? Inzwischen wird dies ja von vielen Seiten bestritten und oft argumentiert, die Monogamie sei erst von Kirche und Staat implementiert worden.
Ach, bei der Debatte liegen beide Seiten ein bisschen schief. Natürlich sind Menschen keine Spezies, die sich quasiautomatisch ein Leben lang an einen Partner bindet. Sonst wäre das ja einfach. Aber Monogamie ist auch nichts Unnatürliches, sondern die Lebensform von ungefähr fünf Prozent der Säugetiere. Und im Gegensatz zu Menschen kommen Schimpansen eben nicht mal auf die Idee. Noch nerviger sind pseudobiologische Theorien, wie der Mythos, vom Mann als Jäger, der nur seinen Samen großflächig verstreuen muss und sich deshalb sowieso nie festlegen will.
Aber wenn man jetzt mal überlegt, wie hilflos und schutzbedürftig Menschenbabys am Anfang sind, ist das eine ziemlich fragwürdige Strategie. Was bringt es denn, seinen Samen weit zu verstreuen, wenn die Kinder dann alle vom Säbelzahntiger gefressen würden? Überhaupt ist es eine merkwürdige Idee, Männer so aus der Familie auszuklammern. Sie bringen doch die gleiche Fähigkeit sich zu verlieben mit und machen nach der Geburt selbst auch eine große hormonelle Veränderung durch. Man kann schon sagen, dass die Natur den Vater als aktiven Partner vorgesehen hat. Ich glaube schon, dass Menschen deshalb auch eine Tendenz zur Monogamie mitbringen – sonst würden wir es ja auch nicht immer wieder versuchen. Aber vielleicht sieht Monogamie nicht so aus, wie wir uns dies vorstellen.
Wie denn dann?
Als wir zum Beispiel die Präriemäuse als erste monogame Mäusespezies entdeckt haben, haben wir uns das zum Beispiel gleich sehr katholisch gedacht. Immerhin binden die sich bis ans Lebensende und sind sehr traurig, wenn der andere nicht mehr da ist. Erst dank genauerem Hingucken und ein paar Gentests, haben wir da sehr bunte Patchworkfamilien entdeckt. Monogamie heißt im Tierreich nicht, dass das sexuelle Interesse an anderen komplett nachlässt. Und selbst unter den Präriemäusen gibt es einige, die sich gar nicht binden wollen. Zuletzt gibt es auch noch die serielle Monogamie, bei der Paare eine Brutzeit zusammenbleiben, bis der Nachwuchs groß genug ist. Manche Forscher denken, dass Menschen so ausgelegt sind. Auch, weil Trennungen bei uns oft nach drei bis vier Jahren stattfinden.
Also sind wir eigentlich auch nicht für Polyamorie gemacht?
Das könnte man jetzt recht lustig beantworten: Gorillas leben zum Beispiel in Haremsstrukturen, allerdings sind dort die Männchen sehr viel größer als die Weibchen, um sich durchzusetzen. Das ist bei den Menschen nicht der Fall, da sind zu viele Männer schon panisch, wenn Frauen High Heels tragen. Und, Schimpansen vögeln zum Beispiel recht wild, sie haben besseres Sperma und größere Eier. Für Polyamorie haben Männer also eigentlich weder die Eier noch die Statur.
Trotzdem zweifeln viele ja immer mehr daran.
Das liegt vielleicht auch daran, dass wir uns eine falsche Vorstellung von der natürlichen Monogamie geschaffen haben und alles Großartige, was sie ausmacht, gesellschaftlich verteufelt wurde. Zu den Gemeinsamkeiten der monogamen Säugetierspezies gehören neben den aktiven Vätern zum Beispiel familiäre Gruppen aus Eltern und kinderfreien Verwandten, die sich die Versorgung teilen. Dagegen wurden bei den Menschen seit hundert Jahren die Väter ins Büro geschickt und die Kinderversorgung einer einzelnen Person überlassen. Dass Menschen auch ohne Kinder glücklich sein können, wurde genauso verpönt, wie die Tatsache, dass Eltern allein überfordert sind oder Menschen auch in Beziehungen mal sexuelles Interesse an anderen haben.
Auch die klassischen Rollen sind eher gesellschaftlich implementiert. Es gibt fließende Grenzen zwischen den Geschlechtern bei allen monogamen Spezies (aber eben nicht in der katholischen Kirche). So passt sich der Mann zum Beispiel nach der Geburt hormonell an die Frau an. Sprich, er muss das Eltern sein aktiv erfahren. Wenn ein Paar die Erfahrung, ein Kind aufzuziehen, gemeinsam macht, ist auch das Trennungsrisiko geringer. Genauso wie das Risiko für postpartale Depression.
Vieles, was wir über Beziehungen und Sex glauben, ist ja gesellschaftlich so erlernt oder aufgezwungen worden. Ein Klischee ist ja zum Beispiel, dass Frauen beim Sex sofort viele Bindungshormone ausschütten – und deshalb für immer beim Mann bleiben wollen.
Das stimmt. Die Vorstellungen, die wir hatten, dass zum Beispiel, Sex nur für Männer wichtig ist, sind totaler Unsinn. Dazu passt auch die Vorstellung, dass Frauen besonders kompliziert sind, auch in der Forschung. Zum Beispiel, weil sie in Studien erotisches Material erregender fanden, in das sie sich kognitiv hereinversetzen konnten. Im Ausgleich konnten sie aber auch den gleichen Film öfter erregend finden, oder sich eher von unterschiedlichen Geschlechtern anregen lassen. Kompliziert heißt in diesem Fall oft: Anders als der männliche Standard. Aber Sex ist immer Teamwork. Bei Männern und Frauen spielen auch jeweils Testosteron und Östrogen eine Rolle – nicht wie man lange geglaubt hat, bei Männern sei nur das Testosteron wichtig.
Und je höher dieses ist, desto potenter ist der Mann. Ich wüsste jetzt zum Beispiel nicht, dass es bei Frauen tatsächlich so eindeutig ist, dass sie mehr Bindungshormone ausschütten. Bei Männern gehen aber nach dem Sex die Stresshormone schneller runter – sie schlafen deshalb vielleicht auch schneller ein. An sich sind viele Eigenschaften, die wir als typisch weiblich oder männlich bezeichnen, gesellschaftliche Ideale. Wenn wir zum Beispiel Aggressivität und Durchsetzungskraft immer in einen Topf schmeißen mit Rationalität oder Emotionen mit Naivität. Wissenschaftlich und biologisch ist totaler Unsinn.
Es gibt das Klischee, dass die Partnerschaftspräferenz sich bei Frauen während des Zyklus ändern. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass dies nicht stimmt.
Die Präferenzen ändern sich wahrscheinlich schon ein wenig, Richtung höheres Testosteron. Auch wenn die Ergebnisse durcheinandergehen. Was widerlegt ist, ist die Vorstellung, dass Frauen vor dem Eisprung grundsätzlich Interesse an anderen Männern als ihren eigenen haben. Stattdessen kommt es auf Partner und Beziehungszufriedenheit an, wie sich der Eisprung auswirkt.
Trotzdem verändert sich der Hormonspiegel im Laufe des Monates. Wie zeigt sich das?
Wir denken immer, dass vor den Tagen eine Hormonkeule kommt (legt das Wort „hormonal“ ja auch nahe, oder die Frage „Hast Du deine Tage“) aber eigentlich ist es der Zeitpunkt, indem die Sexhormone in den Keller fallen. allen voran Östrogen, von dem wir wiederum denken, dass es uns emotionaler macht. Dabei ist sein Job Eizellen zu verkuppeln und das klappt, ohne raus in die Welt zu gehen immer so schlecht. Östrogen macht eher gute Stimmung, Lust auf Sex und Selbstüberschätzung (außerdem Arbeitsgedächtnis und sprachliche Eloquenz). Vor den Tagen müssen wir ohne diesen ganzen Boost auskommen. Außerdem steigt in der zweiten Zyklushälfte Progesteron, an dessen Job es viel eher ist eventuell befruchtete Eizellen zu beschützen und versorgen (es legt unter anderem auch die Verdauung lahm, damit Nährstoffe den Körper langsamer durchwandern und etwaiger Nachwuchs welche abzweigen kann). In manchen Spezies gilt es als Stresshormon und falls es einen Effekt auf die Partnerwahl hat, dann, dass wir uns in der Zeit über Verlässlichkeit freuen.