Liebe ohne Leidenschaft Wie Langzeitpaare aus dem Mitbewohner-Modus herauskommen
Die Ravensburger Sexologin Sonja Ruess weiß, warum Frauen den Höhepunkt vortäuschen und wie der Mental Load auf die Libido drückt. Sie hat Tipps, wie Paare die Leidenschaft erhalten.
Es gab eine Zeit in ihrem Leben, als sich Sonja Ruess teils um 20 Uhr mit ihren Kindern ins Bett legte, um einer potenziellen Konfrontation mit ihrem Mann aus dem Weg zu gehen. Nämlich der, ob sie mal wieder miteinander schlafen würden. „Ich habe teilweise drei Stunden lang mit offenen Augen da gelegen und an die Decke geschaut“, sagt sie heute. „Wenn ich überlege, wie viel Lebenszeit ich da vergeudet habe.“
So wie es ihr damals ging, geht es vielen, sagt die Sexologin aus Ravensburg. Paare, die schon lange zusammen sind, wunderbar funktionieren und ihr Leben, Jobs und Kinder koordinieren – nur die Leidenschaft ist weg. Man ist im Mitbewohner-Modus gelandet. Wie man dort wieder herauskommt, darüber hat Ruess ein Buch geschrieben. „Der Elefant in deinem Bett“, heißt es.
Kein Vorwurf, keine Diskussion – nur ein Gefühl, dass etwas nicht stimme
Dieser Elefant lag wohl damals auch in ihrem Bett. Es sei nicht so gewesen, dass ihr Mann ihr zu wenig Sex zum Vorwurf gemacht hätte. „Es gab eigentlich nie eine Diskussion“, sagt die 41-Jährige. Für sie war es eher ein Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimme. „Es lag an mir, ob der Sex stattfindet oder eben nicht.“ Das bedeute zwar Macht, aber auch Druck für die Person in einer Beziehung, die nicht so häufig Lust hat wie die andere. Denn letztlich bestimme sie, wann es intim wird.
Irgendwann manövrierte Sonja Ruess sich aus dieser Situation heraus. Eine Hausaufgabe ihrer Tochter gab den Anstoß. Sie sollte aufschreiben, was sie werden wolle, wenn sie groß sei. Die Antwort: Sie wollte so werden wie ihre Mutter. „Bitte nicht“, war Ruess’ erster Gedanke. Sie merkte, dass sie unglücklich war mit dem Job, ihrem Körper, der Partnerschaft und ihrer Sexualität.
Das war für sie der Anlass, ihr Leben umzukrempeln. „Ich dachte mir: Wenn ich möchte, dass meine Töchter selbstbewusste und glückliche Frauen werden, muss ich ihnen das vorleben“, sagt sie. Nicht nur ihre Beziehung änderte sich, sie kündigte auch ihren Job, studierte klinische Sexologie und machte sich als Coachin selbstständig.
Als Sexologin erlebt sie immer wieder, was sie früher am eigenen Leib erfahren hat: dass Paare in einer Art WG-Modus landen. „Wenn man vergisst, den Fokus auf die Paarbeziehung zu legen, manövriert man sich ganz schnell da hinein“, sagt sie. Zum Beispiel, wenn Kinder ins Spiel kommen. Weil alles andere dann immer wichtiger sei.
Auch Stress sei ein Lustkiller. Sie erwähnt den Mental Load; das Phänomen, dass vor allem organisatorische Verantwortlichkeiten oft bei Frauen liegen. In ihrem Buch überschreibt sie das Kapitel darüber mit: „Warum deine Mutter nicht mit dir ins Bett will“. Männer würden ihr immer wieder erzählen, ihre Frau müsse doch nur sagen, was sie tun sollen. „Ein Penis hindert nicht daran, einen Impfausweis zu lesen oder Termine beim Arzt zu machen“, sagt Ruess. „Wenn du Sex willst, musst du dich aktiv beteiligen und nicht darauf warten, dass Mutti dir die Sachen zuteilt“.
Eine Beziehung auf Augenhöhe ist laut Ruess also wichtig. Was auch gegen den WG-Modus hilft, ist, wenn der Sex für beide gut ist. So weit, so logisch. Ruess findet, dass jeder und jede selbst dafür verantwortlich ist, sich zu holen, was er oder sie mag – und nicht passiv darauf warten sollte, dass der andere einen befriedigt. Dabei hilft es, die eigene Sexualität zu erkunden und auch durch Solosex herauszufinden, was einem Lust bereitet.
Die Sache mit dem vorgespielten Orgasmus
Allerdings scheinen viele das nicht zu tun – denn sonst müsste Ruess nicht ein gesamtes Kapitel in ihrem Buch dem vorgespielten Orgasmus widmen. „Ich kenne keine Frau, die sagt, das habe sie noch nie gemacht“, sagt sie.
Dahinter steckt ein Phänomen, das auch als Gender Orgasm Gap bezeichnet wird: Beim Sex zwischen Mann und Frau kommen 95 Prozent der Männer regelmäßig zum Höhepunkt – bei Frauen sind es 65 Prozent. Manche Frauen kommen auch nie. Sonja Ruess glaubt, dass viele deshalb das Gefühl haben, mit ihnen stimme etwas nicht. „Dann performen wir irgendwas, das wir in Pornos gesehen haben.“ Manche wollen auch, dass es einfach schnell vorbei ist. Oder, dass der Partner sich nicht wie ein schlechter Liebhaber fühlen soll. Auch sie habe das früher gemacht. Inzwischen hat sie kein Verständnis mehr dafür. „Wann haben wir gelernt, uns selbst und unsere Bedürfnisse hinten anzustellen?“, fragt sie.
Um im Bett nichts mehr vorzutäuschen, helfe nur radikale Ehrlichkeit: Man müsse sich und dem anderen eingestehen, dass die Intimität so keinen Spaß macht. Auch sonst empfiehlt sie Ehrlichkeit, wenn es um Sexualität geht. Sie würde sich wünschen, dass man mehr darüber lernen würde als nur, „wie man Kinder macht, wie man sie verhindert und welche gruseligen Krankheiten es gibt“. Stattdessen solle man sich darüber genauso unterhalten wie über den Supermarkt-Einkauf – wertfrei und ohne Scham und Angst.
Dann könnte man nämlich auch dem anderen ganz entspannt zeigen, was man mag und was nicht. Und vielleicht würden Männer sich dann auch darüber informieren, wie Sexualität bei Frauen funktioniert. Schließlich haben die einen ganz anderen Erregungsverlauf als Männer, sagt Ruess, und wählt eine Auto-Analogie: „Die weibliche Erregung ist wie ein Bulli, und der braucht ein bisschen, bis er auf Touren kommt“, erklärt sie. Aber wenn er mal laufe, dann sei er zuverlässig. Männliche Erregung hingegen sei wie ein Porsche: von null auf 100 in drei Sekunden. Sich mit der Anatomie des Partners auseinanderzusetzen, sollte laut Ruess selbstverständlich sein. „Wenn ein Mann sich eine neue Maschine kauft, setzt er sich auch hin und liest die Bedienungsanleitung.“
Wie kommen Langzeitpaare an mehr Intimität? Das hilft laut der Expertin
Doch wie können Langzeitpaare dafür sorgen, dass es überhaupt wieder zu mehr Intimität kommt? „Erst mal kann man sich vor Augen führen, was für ein Geschenk es ist, einen Partner an der Seite zu haben“, sagt Ruess. Vieles im Alltag nehme man als selbstverständlich wahr. „Manche wissen nicht mal, mit welcher Kleidung der Partner am Morgen die Wohnung verlassen hat.“ Bewusste Achtsamkeitsmomente seien ein guter Start.
Ein Trugschluss sei, zu denken, dass Sexualität spontan passiert. Man müsse aktiv für sein Sexleben sorgen, denn von alleine passiere nun mal nichts. Also empfiehlt sie, sich bewusst Zweisamkeit einzuplanen. Und auch der Ort dürfte lustvoll gestaltet sein: Das Schlafzimmer von Wäschestapeln und Kinderspielzeug zu befreien und einen Raumduft, schöne Bettwäsche oder Massageöl bereitzulegen könnte dabei helfen, sagt sie.
Gleiches gilt für sich selbst: „Ich bin ein erotisches Geschenk, und das braucht auch die passende Verpackung“, sagt sie. Der „Geht noch-Schlüpper“, also alte, abgegrabbelte Unterwäsche, helfe nicht unbedingt dabei, sich selbst als lustvoll zu betrachten – das gilt für beide Partner.
Und schließlich ist ihr ganz wichtig: Selbst wenn einer mehr wolle als der andere, sei das vollkommen normal. Überhaupt spiele es keine Rolle, ob und wie oft ein Paar Sex hat – Hauptsache, es passt für beide.
Sonja Ruess – „Der Elefant in deinem Bett“
Das Buch
In „Der Elefant in deinem Bett“ gibt Sonja Ruess 52 Impulse, Übungen und Tipps, wie Paare die Leidenschaft wieder entfachen können, wenn Liebe da ist, Intimität aber schwierig geworden ist. In sehr direkter, humorvoller Sprache erklärt sie, welche Blockaden bei vielen Paaren im Kopf sind und wie man den Elefanten wieder aus dem Schlafzimmer bekommt. Das Buch erscheint am 18. Februar im Next Level Verlag.
Die Autorin
Sonja Ruess ist Sexologin und Gründerin von lovetolisten. In ihrer Privatpraxis in Ravensburg arbeitet sie an Themen rund um Nähe, Lust und Beziehung. Sie hat zwei Töchter und lebt in der Region Bodensee-Oberschwaben.