Kino im Kieswerk 2018: Ein gängiges Bild, gleich nach Öffnung kamen die ersten Besucher, um sich „ihren“ Platz auf einem der bereitgestellten 1000 Stühle zu sichern. Foto: Monika Merstetter

Mit der Erweiterung des Rheincenters verbindet die Stadt die Pflicht zum Bau des Kinopalasts in Friedlingen.

Gut Ding braucht Weile in Weil. Wurde für den ersten Kinobau vor 70 Jahren noch 20 harte Verhandlungsjahre benötigt, waren es 2004 vor der Eröffnung des Kinopalasts „nur“ noch 17.

 

Lange Pause nach 1987

Ein Jahr vor Schließung des letzten Kinos 1987 war das damals neue Kulturamt unter Leitung von Tonio Paßlick in den Versuch involviert, dem Cinema im Central-Gebäude neue Perspektiven zu geben, nachdem in der letzten Phase unter dem späteren Hirschen-Kino-Pächter Werner Beck aus verschiedenen Gründen ein dramatischer Rückgang an Besucherzahlen zu verzeichnen war.

Vergebliche Versuche

Paßlick hatte mit einer Reihe von möglichen Pächtern Kontakte aufgenommen. Zum Beispiel auch mit der deutschen Vertretung der Warner Brothers, die Interesse daran zeigten, ein großes Cineplex-Kino mit Ausstrahlung in die deutschsprachige Grenzecke zu bauen. Die dafür notwendigen 5000 Quadratmeter Mindestfläche passten aber nicht in die Zeit. Denn der damalige OB Peter Willmann und sein Wirtschaftsförderer Hanspeter Mösch waren dabei, die Wirtschaftsstrukturen erfolgreich zu transformieren. Dazu bedurfte es im flächenarmen Weil am Rhein jeden Quadratmeter. Außerdem wollte man die Innenstadt stärken.

Vertrag geplatzt

Deshalb fand Paßlick in Hans-Günter Schweikart aus Kelsterbach einen interessierten Kino-Betreiber. Schweikart war bereit, notwendige Investitionen und Umbauten im Central-Kino vorzunehmen. Denn es ging dabei auch um Erstaufführungsrechte für große Blockbuster, die den wirtschaftlichen Erfolg eines Kinos sicherten. Die wurden vor allem an Großstädte vergeben, aber auch an regionale Zentren, wofür mehrere Säle eine gute Voraussetzung gewesen wären. Ein unterschriftsreifer Vertrag platzte aber kurz vor dem Termin. Schweikart blieb in der Region, er sah nach dem gescheiterten Projekt in Weil Chancen in Lörrach und wurde später Betreiber des Cineplex-Kinos.

Filme im Haus der Volksbildung

Statt ein modernes Kino zu haben, war Weil plötzlich Kino-Wüste. Das Kulturamt suchte jahrelang nach Alternativen und organisierte monatlich im Haus der Volksbildung Kino-Tage, wofür das „Mobile Kino Baden-Württemberg“ engagiert wurde. Auch bei Festivals im Kesselhaus wurden Kino-Vorführungen eingeplant, wie beim „RegioKulturSommer 1995“ zur Eröffnung des Kesselhaus-Areals.

Kino als Open-Air

Das Fehlen eines Kinos und die Nachnutzung des Dreiländergartens nach der „Grün99“ waren die wesentlichen Triebfedern für die Gründung des „Kieswerk-Open-Airs“ 2001. In Zusammenarbeit mit Volker Scheurer vom Kunsthaus Kieswerk wurde erst mit 300 Stühlen klein begonnen.

Kontinuierlich wuchs die Veranstaltung. In den fünf Jahren vor der Pandemie wurden jedes Jahr an elf Abenden mit ausgewählten Programm-Kino-Filmen jeweils mehr als 9000 Besucher gezählt.

Wolfgang Traber mit seinem Co-Geschäftsführer Rafael Schimanski vor dem 2014 eingeweihten Kunstwerk von Philipp Tschanz alias Dest Jones aus Basel. Foto: Monika Merstetter

1999 begannen die Bemühungen um ein „richtiges“ Kino – und zwar im Rheincenter. Damals noch unter OB Peter Willmann. Daraus wurde ein fünfjähriges Ringen zwischen der Betreibergesellschaft CEV mit dem Center-Manager Günther Merz, dem künftigen Betreiber Alfred Speiser und dem Gemeinderat. Die Stadt koppelte eine umstrittene Erweiterung des Rheincenters an die Bedingung, im Gegenzug ein Kino bauen zu müssen.

Vertragsstrafe angedroht

Ohne die Androhung von einer Million Vertragsstrafe bei Nichteinhaltung, wäre es wohl nicht zustande gekommen. Drei Millionen investierte das Center in Baumaßnahmen und dazu noch eine Million von Speiser in die Ausstattung und Technik für 690 Plätze, verteilt auf fünf Säle. Für die Eröffnung des „Kinopalasts“ am 27. Oktober bereiteten die beiden Geschäftsführer Bruno Ugazio und Matthias Stolz, sowie rund 40 Mitarbeiter zahlreiche Aktionen vor. 20 Vorstellungen mit 16 verschiedenen aktuellen Filmen wurden geboten. Begonnen um 13.15 Uhr mit „(T)Raumschiff Surprise“ und um 24 Uhr startete als Zugnummer die Premiere des neusten Otto-Films „7 Zwerge – Männer allein im Wald“.

800 Gäste am Eröffnungstag

Über 800 Besucher konnten am Eröffnungstag gezählt werden, obwohl damals noch kein Tram fuhr, was heute nicht mehr vorstellbar ist. Technik und Komfort wurden von allen Besuchern sehr gelobt. In den Sesseln fühlt es sich an wie vermutlich in einer Boeing, meinte eine Besucherin. Mit 400 offiziellen Vertretern und geladenen Gästen wurde am 15. Dezember gefeiert. Der Ötlinger Rockchor sang und es oblag OB Wolfgang Dietz, einen Filmstreifen mit zu durchschneiden. Von Anfang an gab es gute Verbindungen zwischen Kinopalast und Kulturamt.

Frischer Wind

Frischen Wind brachte 2014 Wolfgang Traber als Leiter des Kinopalasts hinein. Um den Zuschauereinbruch durch die Coronazeit, während der sich das Freizeitverhalten sehr verändert hat, wieder aufzuholen, entwickelt er ständig neue Ideen, um mit Themenkinos einen zusätzlichen Publikumskreis anzusprechen. Mit 4K-Laserprojektoren gibt es „Best of Cinema“, Seniorenkino, Nachmittagsfilme mit Familienticket, „Horror Sneak“, „Sneak Preview“, mit den VHS/Stadtführern gab es exklusiv „Weil am Rhein von oben“, ein Film mit der Weiler Trash-Metal-Band „Destruction“, Ladies Night, Kino-Abo, 3D, Legenden der Leinwand oder Sonntagsmatineen. Und da wäre unbedingt die Popcorn-Maschine zu erwähnen, die von Beginn an ein Markenzeichen ist und von der sich auch mal Gäste ohne Kinobesuch einen Kübel voll holen.