Beim Rennen in Monza räumte Max Verstappen (ob.) Lewis Hamilton weg und kassiete dafür eine Strafe fürs nächste Rennen. Foto: imago/Zak Mauger

Den Rennkommissaren kommt in den abschließenden Formel-1-Rennen eine besondere Bedeutung zu, falls sich die Titelkandidaten Lewis Hamilton und Max Verstappen erneut ins Gehege kommen.

Stuttgart - Gelbe Karte für Christian Horner. Der Automobil-Weltverband (Fia) hat den Teamchef von Red-Bull-Racing verwarnt, weil er gegen den Internationalen Sporting Code verstoßen hat. Horner hatte vor dem Start des Großen Preises von Katar die Integrität des Weltverbandes infrage gestellt, indem er die Startplatzversetzung von Max Verstappen von Position zwei auf sieben kritisiert hatte: „Ich denke, es ist einfach ein boshafter Streckenposten, der eine Flagge rausgehalten hat, wozu er nicht von der Fia instruiert wurde. Die Fia muss diese Leute unter Kontrolle haben. So einfach ist es.“

 

Die Strafe für den Niederländer, der gelbe Flaggen im Qualifying missachtet hatte, brachte Lewis Hamilton einen Vorteil, weil sein Rivale von weiter hinten starten musste. Klar, dass das den roten Bullen Horner fuchste. Beim Grand Prix in Brasilien war der Brite noch ganz auf Fia-Linie, als Hamilton wegen eines um 0,2 Millimeter zu großen Spalts am klappbaren Heckflügel im Qualifying disqualifiziert worden war. Auch im harten Manöver von Verstappen in Sao Paulo gegen den Mercedes-Piloten sah Horner nichts Unfaires im Gegensatz zu Toto Wolff, dem Teamchef von Mercedes. In Sotschi erhielt Verstappen für seinen erzwungenen Unfall mit Hamilton in Monza eine Startplatzstrafe von drei Rängen, Hamilton wurde wegen eines illegalen Motorwechsels in Brasilien um fünf Plätze nach hinten versetzt, und Verstappen wegen des gleichen Vergehens in Sotschi.

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Es hagelt Strafen gegen die Duellanten. Schwarzseher könnten befürchten, am Ende entscheiden die Kommissare in den letzten zwei Rennen in Dschiddah (5. Dezember) und Abu Dhabi (12. Dezember) mit ihren Urteilen, wer Weltmeister wird. Es ist verzwickt für Rennleiter Michael Masi und die jeweiligen vier Rennkommissare, stets das zu 100 Prozent richtige Urteil für ein Vergehen zu fällen. Geht es um Messbares wie einen Spalt am Heckflügel oder eine zu geringe Benzinmenge am Ende des Rennens (wie bei Sebastian Vettel in Ungarn) oder die erlaubte Motorenzahl pro Saison, ist alles belegbar und die Strafe begründbar.

Doch auf der Rennstrecke manövrieren die Rennfahrer oft im Graubereich des Reglements, weil sie nicht nur das Limit der Fahrphysik ausloten, sondern auch die Grenzen des Regelwerks austesten. Wenn die Kommissare arbeiten, haben sie sämtliche Daten zur Verfügung, um die Situation einzuordnen – von den GPS-Daten der Autos und den Geschwindigkeiten über die G-Kräfte und den Lenkwinkel bis hin zu Motoreneinstellungen und Bremswirkungen. Zudem können sie alle verfügbaren Kamerawinkel abrufen. „Natürlich gehen die Stewards ganz analytisch vor“, sagt Ex-Rennfahrer Christian Danner, „aber der eine ist strikter, der andere nicht ganz so streng. Es fließt also ein menschliches Element mit ein.“

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Es ist also nicht ganz so einfach wie Christian Horner Rennleiter Masi unterstellt. Es menschelt in der Formel 1 wie im Fußball, wenn der eine Schiedsrichter ein Handspiel im Strafraum mit Elfmeter bestraft, ein anderer bei einer vergleichbaren Situation aber nicht in die Pfeife bläst. Hamilton wurde für den Crash mit Verstappen in Silverstone mit einer Zehn-Sekunden-Strafe belegt, was Red Bull viel zu großzügig erschien; Mercedes forderte in Brasilien eine Strafe gegen Verstappen, die nicht gegeben wurde. Beides hätte auch anders bewertet werden können, ohne dabei das Reglement vorsätzlich zu beugen – es gibt im Motorsport eben nicht immer die eine und einzige Wahrheit. „Aber die Rennkommissare wissen um ihre Verantwortung“, betont Danner, „es sind nicht die Stewards, die den Weltmeister krönen.“ Es beruhigt, wenn man das nicht infrage stellt.

Mitunter können die Teams Strafen kalkuliert als strategische Kniffe einsetzen, wie es Mercedes in Brasilien getan hat, als das Team für Hamilton den neuen Motor eingebaut und dafür die Strafversetzung in Kauf genommen hat. Der Vorteil eines frischen, kraftstrotzenden Motors wog das Minus von fünf Startplätzen lässig auf, was der Triumph den Titelverteidigers in Sao Paulo belegte. Das alte Triebwerk funktioniert noch und war in Katar im Silberpfeil des Rekordweltmeisters im Einsatz. Dort wurde der neue Motor geschont, weil der in den letzten beiden Rennen wieder im Heck des Silberpfeils stecken wird, weil auf diesen Strecken besonders viel Motorleistung gefragt ist. Zwar operieren alle Teams mit diesem Trick, nur manchmal funktioniert er optimal und manchmal eben weniger gut.

Wenn sich Strafen übers Jahr irgendwie ausgleichen, die Autos in etwa gleich schnell sind und die Strategen gleich clever, machen die Fähigkeiten und die Rennintelligenz der Piloten den kleinen, feinen Unterschied im WM-Duell aus. Niki Lauda hat einmal gesagt: „Der Alain Prost ist zwar schneller als ich, aber er ist nicht so schlau wie ich.“ Der legendäre Österreicher wurde 1984 Weltmeister mit dem hauchdünnen Vorsprung von 0,5 Punkten auf den Franzosen.