Cem Özdemir und Martina Braun präsentieren sich am Donnerstagabend als grünes Duo den Wählern in Villingen-Schwenningen. Foto: Marc Eich

Vor vollem Haus in Villingen wirbt Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir für Zusammenhalt statt Kulturkampf – wirtschaftsnah, bürgerlich und mit Rückenwind für Martina Braun.

Es weht ein eisiger Wind, nicht nur wegen des aktuellen Winterwetters, sondern auch politisch. Im Kampf um die Wählergunst vor der Landtagswahl am 8. März werden jetzt die Messer gewetzt. Jüngst hat etwa die FDP ihr Wahlziel ausgegeben – sie will die Grünen aus der Regierung drängen, und FDP/DVP-Fraktionschef im baden-württembergischen Landtag Hans-Ulrich Rülke hatte gerade erst scharf gegen Cem Özdemir geschossen.

 

Doch an diesem Donnerstag in der Neuen Tonhalle in Villingen, da durfte der 60-jährige grüne Spitzenkandidat und ehemalige Landwirtschaftsminister Cem Özdemir in Applaus baden – vor vollem Haus.

Nur Eine, die bekam – fast – noch mehr Applaus: Martina Braun, die aktuelle Landtagsabgeordnete und Kandidatin für die Landtagswahl am 8. März für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen.

Leutselig und unaufgeregt

In einem launigen Sketch von Cordula Kugele und Isolde Grieshaber kurz und charmant die Vita von Cem Özdemir und Martina Brauns Wirken vorgestellt, dann ergriff die Landtagsabgeordnete in der ihr eigenen bodenständigen Art auch schon das Wort und freute sich sichtlich, dass der Spitzenkandidat Cem Özdemir den Weg in den verschneiten Schwarzwald-Baar-Kreis in Kauf genommen hatte, um ihr im Wahlkampf den Rücken zu stärken.

Leutselig, bürgernah und absolut unaufgeregt trat Özdemir auf die Bühne und betonte: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir, bei aller Kritik, in einem Land leben, um das uns viele beneiden.“ Und so stellte er mit sonorer Stimme auf Anhieb klar: Ich bin einer von Euch. „Was muss eigentlich noch passieren, dass man in Berlin endlich aufwacht“, fragte er mit Blick auf die Herausforderungen in der Wirtschaft und die mittlerweile ebenfalls Autos bauende „Konkurrenz aus China“ oder amerikanische Tech-Konzerne. Und: Baden-württembergische Interessen ließen sich nur durch Europa durchsetzen.

„Sie entscheiden“

Bei allen Seitenhieben auf die politische Konkurrenz betonte Özdemir aber auch: Im Bemühen um Rückenwind für die deutsche, so gebeutelte Wirtschaft, „an dieser Stelle“, dürfe es „keine Parteipolitik“ geben: „Lasst uns keinen Kulturkampf ums Auto machen.“ Umgekehrt bitte er die CDU aber auch, sich zu bewegen, denn die Zukunft des Automobils liege nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft – und das Auto der Zukunft müsse emissionsfrei sein. Brüssel müsse für eine europäische Ladeinfrastruktur sorgen – und Berlin dafür, dass sich das Fahren mit dem E-Auto „dann auch im Geldbeutel rechnet“. Auch einem Ausspielen von ÖPNV und Individualverkehr gegeneinander erteilte er eine Absage – „Sie entscheiden“, wie sie unterwegs sein wollen, stellte er an die Adresse der Zuhörer klar, bat aber in einem Halbsatz noch um eine möglichst nachhaltige Fortbewegung.

Augenzwinkernd deutlich, mit wohldosierten unterhaltsamen Pointen, setzte Özdemir Thema um Thema – streifte die Gesundheitswirtschaft, die Künstliche Intelligenz, den Bürokratiewahn – der er den Verzicht auf sämtliche Berichtspflichten in Baden-Württemberg entgegensetzen wollen würde, genauso wie die Bildungspolitik, in der der Bildungserfolg des Kindes nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängig sein dürfe. Und, nebenbei bemerkt: „Ich finde es eine granatenmäßige Sauerei, dass der Master umsonst ist, der Meister aber nicht.“

Und bei aller großen Politik, Cem Özdemir wurde auch persönlich – erzählte von seiner einstigen Fünf im Fach Deutsch in sehr jungen Jahren, seinen Eltern, die aus einem Land kommen, das heute leider ein Polizeistaat sei und seiner Haltung als Vegetarier in einer muslimisch-stämmigen Familie, der aber trotzdem einst kein Landwirtschaftsminister nur der Öko-Bauern sein wollte.

Bierdeckelfragen

Über weitere Themen hatten sich hingegen die Besucher vor Özdemirs Ankunft in der Neuen Tonhalle bereits Gedanken gemacht und diese als Bierdeckelfragen notiert. Einige davon kamen nun zur Sprache, die nach der Gäubahn zum Beispiel – „es entspricht einem Treppenwitz der Geschichte, wenn die Gäubahn abgesetzt wird“ und er werde Druck machen in Berlin für Verbesserungen der Bahn, denn „wenn der Zug um 18.03 Uhr fährt, dann fährt er um 18.03 Uhr und nicht irgendwann anders, da müssen wir wieder hinkommen“. Auch das Gesundheitswesen lag den Besuchern am Herzen – wie kann die Versorgung sichergestellt werden, auch mit Blick auf die Hebammenhilfe und Geburten, wurde gefragt. Sorgen, die sowohl Martina Braun als auch Cem Özdemir teilten, welche beide die Landarzt-Quote begrüßen und für die jüngst vergessenen Beleg-Hebammen eintreten wollen. Neuen Schulsystemdebatten, etwa über G8 oder G9, erteilte Özdemir hingegen eine klare Absage – aber Eines ist ihm wichtig: Er wolle, so Özdemir, dass künftig in allen Fragen, die Jugendliche direkt betreffen – etwa zur Wehrpflicht – diese vor einer Entscheidung zumindest angehört werden. Und, klar, auch die Frage nach seiner Haltung zu Asyl und Einwanderung war obligatorisch, ganz klar seine Haltung: Er war um eine getrennte Betrachtung der Themen Asyl und Einwanderung, Letztere benötige man dringend. Aber: Er erwarte, „dass alle, die in der Bundesrepublik leben wollen“, sich klar an das Grundgesetz halten.

Doch was macht Cem Özdemir eigentlich, wenn es „die Stimmen zum Ministerpräsidenten nicht reichen“, strebe er dann er dann einen Posten in der Landesregierung an? „Wir haben gerade erst angefangen“, konterte er prompt – und was seinen Kurs anbelangt, der gehe klar in Richtung Landtag, eine Rückfahrkarte, die habe er nicht gelöst. Wohin die Reise gehen könnte, wurde am Ende klar – „Du als mein MP“, skizzierte Martina Braun an Özdemir gewandt, „und ich...“ – „Landwirtschaftsministerin“ schallte es da aus dem Zuschauerraum.