Ihr neues Buch "Dorfschulrose" stellt die Autorin Helga Harter im Rösslekeller vor. Foto: Kouba

Ihren Roman "Dorfschulrose" stellte die Autorin Helga Harter im Neukircher Rösslekeller vor.

Furtwangen-Neukirch - Das Schreiben liegt ihr seit ihrer Kindheit am Herzen und sie hätte nie gedacht, dass sie jetzt schon ihr viertes Buch heraus geben kann.Thorsten Weiß vom Verein K3 begrüßte die Gäste zu der dritten derartigen Veranstaltung. Geschickt präsentierte Helga Harter einige Auszüge ihres neuen Werkes, das sich einer ganz neuen Hemisphäre zuwendet. Es geht um die Familie mütterlicherseits, die in Schlesien , dem "herrlichsten Stück der Erde", wohnte. Es dreht sich um eine einst ländliche Idylle, um Flucht und Nachkriegsleben.

Leben im verträumten Dorf

Was ist eigentlich Schlesien? Das Gebiet an der Oder wurde seit über 2000 Jahren besiedelt, verbunden mit Namen von Barbarossa bis zum "Alten Fritz" und war zuletzt Teil des Deutschen Reichs. Die Hauptstadt war Breslau (jetzt polnisch: Wroclaw), das 1939 über 600 000 Einwohner zählte und zu den größten Städten Deutschlands gehörte.

Rund 60 Kilometer nördlich davon befand sich das verträumte Dorf, die Heimat ihrer Mutter und deren Eltern, wo der Großvater Lehrer war. In ländlicher Umgebung konnte die Familie behaglich leben.

Leckereien und einen "Sechser"

Umfangreiche Informationen der Geschichte um Großmutter Lisa stammen von Helga Harters 90-jähriger Mutter Christel, so vom Herbeisingen des Sommers, das sich in Kinderliedern wie "Summer, Summer, Summer, ich bin a klenner Pummer" niederschlug. Die Kinder gingen mit geschmückten Stecken durchs Dorf und erheischten Leckereien und einen "Sechser" (ein halber Groschen / Fünf-Pfennig-Stück).

Froh waren die Familientreffen, Erinnerungen an Schlittenfahrten blieben und fantastisch war die Kirmes mit ihrem Rummel von Drehorgel bis Karussell.

1939 endete die friedliche Stimmung

Die friedliche Stimmung endete 1939. Zwar waren Kriegshandlungen noch fern, doch bald wurden polnische Frauen ("Schanzweiber") im Schulhaus einquartiert, die Panzergräben ausheben mussten. Alles wurde rationiert und die selbst gehaltenen Hühner durften eine Mindestzahl nicht überschreiten. Der Opa musste in den Krieg ziehen, kam aber 1944 für drei Wochen in Heimaturlaub.

Eine Besonderheit stellte das Winterhilfswerk (WHW) dar, das schon länger existierte, aber durch den "Führer" mehr abverlangte. So sollte auch eine aus Köln evakuierte Frau einen ansehnlichen Betrag leisten, begleitet mit mehr als zynischen Worten eines Volksgenossen.

Man saß schon auf Koffern

Gegen "unerwünschte Fotos" wurde vorgegangen, denn der Opa hatte zu Bildungszwecken eine ganze Sammlung von Bildern von Städten, die zum Feindesland gehörten. Einschneidend war die überraschende Flucht. Man saß schon (verbotenerweise) auf Koffern und plötzlich ging es an einem frühen Morgen bei 18 Grad Kälte Richtung Westen mit Autos, Ross und Wagen. Nur das Nötigste konnte mitgenommen werden. Die Oma nähte den Kindern "Pullirucksäcke", wo einiges verstaut werden konnte.

Bayern und "Preissen"

In Bayern angekommen, ergaben sich Widerwärtigkeiten, obwohl man offiziell willkommen geheißen wurde. Andere Sprache, andere Sitten, andere Konfessionen, andere Essgewohnheiten und Anfeindungen prägten die Begegnungen mit den "Preissen". Ende 1948 konnte der Großvater endlich wieder als Lehrer arbeiten, um den Kindern und Jugendlichen den Sinn der Demokratie zu vermitteln.

Das Buch erzählt episodenhaft eine Familiengeschichte, arbeitet aber gleichzeitig die Zeit von Krieg, Flucht, Vertreibung und Neuanfang auf. Helga Harter und ihr Mann belebten den Vortrag mit einigen Schwarz-Weiß-Dias.