Nach der Lesung erfüllte Autor Timo Feldhaus gerne die Signierwünsche des Publikums. Foto: Kunert

Es brennt noch Licht in der Buchhandlung Zaiser. Nicht zu viel – alle müssen Energie sparen. Nicht wegen eines verheerenden Vulkanausbruchs wie nach 1815. Die Kulisse für die Lesung von Timo Feldhaus. Der erzählt, wie Mary Shelleys Frankenstein entstand.

Nagold - Eine dunkle Epoche, auch in Europa. Wie passend. Die wohl dazu angetan war, epochenprägende Horrorgeschichten zu entwerfen. Doch keinen Roman hat Autor Feldhaus geschrieben – und liest aus ihm jetzt vor. Feldhaus ist im normalen Beruf Journalist. Faktenguru. Sein Auftrag war, ein Sachbuch abzuliefern. Über Mary Shelley und ihren ersten Science-Fiction-Roman der Weltliteratur.

Aber nach der Lesung aus dem eben doch sehr romanhaften Werk "Mary Shelleys Zimmer" wird Feldhaus seinen Nagolder Zuhörerinnen und Zuhörern erzählen, dass auch er selbst seinen Lektor während der Entstehungen des Buches immer wieder gefragt habe, ob das nicht bereits Belletristik sei – mitten im Corona-Lockdown übrigens, als das Buch entstand; auch ein irgendwie neuer Ausnahmezustand wie seinerzeit der gewaltigste Vulkanausbruch seit Menschengedenken. Aber das Tableau gleichzeitiger, geschichtsträchtiger Ereignisse, das Feldhaus nach schier endlosen Quellenstudium zusammenträgt, ist oder war halt zu sehr "echtes Leben", als dass es allein der Fantasie zuzuschreiben wäre.

Ein feiner Beobachter

Feldhaus’ großes Talent ist es, die historisch überlieferten Tatsachen über die Großen der damaligen Zeit in lebhafte und sehr lebendige Erzählungen zu übertragen. Er ist ein feiner Beobachter der kleinen Gesten, etwa wenn der verliebte Percy Shelley seiner Mary Godwin – die erst später zur weit berühmteren "Shelley" wird – leicht über die Haare am Arm streichelt. Und es dabei schafft einen Bogen zu spannen zum "Horror" unserer Gegenwart – wenn diese Mary für ein von Lord Byron entspanntes Spiel nach guten Horrorgeschichten sucht als Inspiration für eigene Gruselfabeln. Und ausgerechnet den Zeitgenossen Johann Gottfried Herder findet. Der damals erstmals den Begriff "Klima" in der Literatur verwendet. Und damit „dessen Veränderung durch Menschenhand“ meint. Aktueller geht’s nicht. Unser alltäglicher Wetterhorror.

Grusel pur

Und es war damals eine genauso verwirrende Zeit wie heute. Die (modernen) Wissenschaften nahmen ihren Anfang, verließen die Mystik der bis dahin vorherrschenden Alchemie. Mit Feldhaus’ Worten wird mitten zwischen den Zaiser’schen Bücherregalen die Morgendämmerung dieser "Zeitenwende" damals erahnbar. Wenn er Mary Shelley die düsteren "wissenschaftlichen" Vorführungen eines vom italienische Anatom Luigi Galvani damals erfundenen Experiments erleben lässt: Die vom Körper losgelösten Froschschenkel, die dank angelegter Elektrizität zu zucken beginnen. Grusel pur. Bis heute. Und, ja klar, die Inspiration eben für die Entstehung von Frankensteins Monster. Zum Leben erweckt eben durch den Strom, der gerade bei uns so knapp und kostbar wird. Nachdem wir uns alle in Folge von Mary Shelley und Frankenstein so sehr an seine unbedingte Verfügbarkeit gewöhnt hatten. Und seine Besonderheit als Lebensenergie wohl vergaßen: Jeder unserer Gedanke ist ein solcher elektrische Impuls.

Reichlich Raum für Fragen

Einziger Kritikpunkt an der Lesung von Timo Feldhaus vielleicht: Sie war viel zu schnell vorbei. Das Gruseln hier in der düsteren Buchhandlung. Aber so blieb reichlich Raum für die Fragen des Publikums an der Autor. Wie zum Beispiel: Wie kam er auf die Idee zu diesem Buch? Er sei bereits vor zehn Jahren in einem Zeitungsbeitrag über das Phänomen der Dunkelheit der Welt damals gestolpert, die so viel inspirieren sollte. Damals noch wollte er einen "echten Roman" schreiben. Und dafür das "Hersuchen der Fakten in Bibliotheken" betreiben – über die Menschen, was sie damals in der Situation gemacht hatten. Denn die Menschen wussten ja nicht, was passiert war. Sie erlebten nur die Auswirkungen des großen Vulkanausbruchs. Die Zusammenhänge entdeckte man erst sehr viel später. Eine komplett neue Situation für die Menschen damals – klar, dass man sofort an die Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen erinnert ist. Ein ganz anderer Horror.

Shelley erkennt den Horror – und die Möglichkeiten

"Dieses Buch ist ein Corona-Buch", sagt Autor Feldhaus dann auch selbst. Der es "seltsam" fand, ausgerechnet in der ersten Lockdown-Woche über "Leute im Lockdown-Äquivalent" zu schreiben. Über Napoleon zum Beispiel, der damals in seinem Exil auf Elba seiner Wiedergeburt als Herrscher entgegen schmachtete. Seiner Befreiung. Wie wir alle eben dem Ende der Lockdowns. Damals war es die "beeindruckende Frau" Mary Shelley, die am besten erfasste, was die Zeitenwende bringen könnte. An Horror – und eben an Möglichkeiten. Ihr Frankenstein-Monster – das habe doch viel von der "künstlichen Intelligenz" vorweg genommen, die uns – neben dem Klima – heute so beschäftigt.