Die Autorin Sandhya Hasswani las in der Stadtbibliothek Lörrach über das Säckinger Damenstift.
Frauenrefugium, spiritueller Ort und Verwaltungszentrale: Das Säckinger Damenstift des 18. Jahrhunderts stand am Freitag im Mittelpunkt einer Autorenbegegnung in der Lörracher Stadtbibliothek. Auf Einladung des Freundeskreises las die Autorin Sandhya Hasswani aus ihrem Roman „Die letzte Äbtissin“ – und öffnete den Blick auf einen Mikrokosmos von Macht, Politik und weiblicher Autonomie.
Sandhya Hasswani, Jahrgang 1987, hat sich als Schriftstellerin und Illustratorin aus dem Hotzenwald einen Namen gemacht. Obendrein liebt und pflegt sie das Alemannische – auch wenn im Elternhaus in Herrischried Hochdeutsch gesprochen wurde – und ist für ihre Mundartdichtung mehrfach ausgezeichnet worden. 2022 erschien ihr viel beachteter historischer Roman über Mari‑Anna von Hornstein‑Göffingen (1723 bis 1809), die mit 32 Jahren zur Fürstäbtissin des Säckinger Damenstifts gewählt wurde und dieses über fünf Jahrzehnte führte.
1300-jährige Geschichte des Damenstifts
Mit zwei Romanszenen führte Hasswani das Publikum in die komplexen Herrschaftsverhältnisse ein, die für die Region einmal so bestimmend waren. Die erste zeigt die junge Mari‑Anna, die sich inmitten der soeben gefundenen Stiftsgemeinschaft geborgen fühlt: „Was war das für eine schöne Schwesternschaft“, heißt es da. Sandhya Hasswani deutet das Kollektiv der adligen Frauen auch als alternatives Lebensmodell jener Zeit, „abseits von Ehe und männlicher Vormundschaft“.
Die zweite Szene weitet den Blick: Mittlerweile 62 Jahre alt, hat die Äbtissin Mari‑Anna bereits an vielen Fronten gekämpft und reist nun nach Wien an den Hof Kaiser Josephs II., um die Schließung ihres Stifts zu verhindern. Historischer Hintergrund: Säckingen gehörte damals zu Vorderösterreich; die von Maria Theresia eingeleiteten und später von Joseph II. verschärften Reformen rütteln mehrfach an den Grundfesten des Damenstifts, das sich immerhin auf eine rund 1300‑jährige Historie berufen konnte. Am Rand dieser Ordnung standen die freiheitsliebenden Hotzenwälder Bauern, die unter anderem in den Salpeterunruhen immer wieder aufbegehrten.
Im Gespräch mit Dietmar Fulde skizzierte Hasswani die aufwendige Forschungsarbeit hinter ihrem 544 Seiten starken Werk. Auf die Äbtissin stieß sie im Zuge der Recherchen zu ihrem inzwischen vergriffenen Buch „Sagenhafter Hotzenwald“.
Quellen aus Münsterarchiv, Stadtarchiv und dem Familienarchiv derer von Hornstein in Biberach, aus deren Geschlecht die Äbtissin stammte, lieferten das Material zum Werdegang der Protagonistin. Um „den Zeitgeist zu verstehen“, las Hasswani Texte vom Philosophen Hegel bis zum Feldherrn Napoleon: „Ich saß stundenlang da und hab’ geträumt und gedacht“, beschreibt sie den Entstehungsprozess – und betont, man könne dennoch immer nur aus heutiger Sicht in die Geschichte eintauchen.
Theaterstück über die Äbtissin
Mentalitätsgeschichtlich, politisch, auch in seiner religiösen Selbstverständlichkeit liegt das 18. Jahrhundert für heutige Leser weit zurück. Hasswani macht aber auch deutlich, dass sich aus historischer Distanz durchaus Parallelen zur Gegenwart ziehen lassen. Mit ihrem nächsten Projekt führt sie diese Geschichte noch einmal plastisch vor Augen: Aus dem Roman ist das Theaterstück „Die Reise nach Wien“ hervorgegangen, das ab Juni 2026 unter der Regie von Dietmar Fulde auf mehreren Bühnen am Hochrhein gezeigt wird.
Nach der Lesung blieb bei Speckzopf und Wein ausreichend Zeit für Gespräche mit der Autorin, die sich selbst als „neugierige Erdenbewohnerin“ bezeichnet. Als Tochter eines indischen Vaters und einer deutsch‑englischen Mutter ist sie im Hotzenwald geboren und aufgewachsen, hat hier mittlerweile eine eigene Familie gegründet und lauscht der Region immer wieder neue Geschichten ab.