Die Künstlerin Mahbuba Maqsoodi liest im Kino Kandern. Foto: Anton Didas

Die Künstlerin Mahbuba Maqsoodi im liest Kino Kandern aus ihrem Buch „Der Tropfen weiß nichts vom Meer“. Im Interview erzählt sie von ihrer Kunst und ihrem Leben.

Die Lesung findet am Mittwoch, 15. April, ab 19.30 Uhr statt. Unsere Zeitung unterhielt sich im Vorfeld mit der Künstlerin.

 

Sie sind in Afghanistan mit sechs Schwestern aufgewachsen – in einer Gesellschaft, in der Frauen als Gegenstände behandelt werden. Wie hat sich das auf ihr Familienleben ausgewirkt?

Ich bin in einer widersprüchlichen Realität aufgewachsen. Einerseits war da die gesellschaftliche Struktur, in der Frauen klare Grenzen gesetzt wurden, oft reduziert auf Rollen, die wenig Raum für Selbstverwirklichung ließen. Andererseits war meine Familie ein Gegenentwurf dazu. Meine Eltern waren bemerkenswert progressiv und liberal in ihrem Denken, besonders mein Vater. Bildung hatte für sie oberste Priorität, insbesondere für ihre Töchter. Wir sind mit einem Selbstverständnis aufgewachsen, dass unsere Stimmen zählen. Das war nicht selbstverständlich in unserem Umfeld. Diese Spannung zwischen äußerer Restriktion und innerer Freiheit hat mich geprägt, als Mensch und als Künstlerin.

Eine Ihrer Schwestern wurde 1979 bei einem Terrorakt ermordet. Beschäftigt Sie ihr Tod noch heute?

Ja, das tut er. Solche Erfahrungen verschwinden nicht, sie verändern sich höchstens mit der Zeit. Der Verlust ist tief und bleibt. Es war nicht nur ein persönlicher Schmerz, sondern auch ein politischer. Ihr Leben wurde ausgelöscht, weil sie für Freiheit und Gleichberechtigung eingestanden ist. Gerade wenn ich heute auf die Welt schaue, mit all den Konflikten und dem Leid, wird mir bewusst, wie viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen. Das ist schwer zu ertragen. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft klar Stellung gegen Gewalt beziehen. Meine Kunst ist mein Weg, das zu verarbeiten, nicht als Lösung, sondern als Form des Erinnerns und des Widerstands.

Sie haben sich schon früh für die Kunst interessiert. War es für Sie Ausdruck von Kreativität oder half Ihnen das Medium der Malerei, sich kritisch mit der Gesellschaft auseinander zu setzen?

Für mich war es immer beides. Kreativität ist kein isolierter Raum, sie ist immer auch eine Reaktion auf das, was uns umgibt. Kritik verstehe ich dabei nicht als etwas Negatives, sondern als etwas Notwendiges. Kunst darf Fragen stellen, irritieren, auch unbequem sein. Sie ist ein Medium, das Dinge sichtbar macht, für die es oft keine Worte gibt. In meinem Fall war Malerei von Anfang an auch ein Werkzeug, um gesellschaftliche Strukturen zu reflektieren und zu hinterfragen.

Glaskunst unterscheidet sich grundlegend zur Malerei. Können Sie mit der Glaskunst Ihrer Kunst eine tiefere Dimension verleihen als durch die Malerei?

Ich würde dem etwas widersprechen. Glas ist für mich kein „höherwertiges“ Medium, es ist einfach ein anderes. Ein sehr fragiles, technisch anspruchsvolles und auch kostenintensives Material. Was Glas besonders macht, ist das Zusammenspiel mit Licht. Aber letztlich bleibt es ein Träger, so wie Leinwand oder Papier. Die inhaltliche Tiefe entsteht nicht durch das Material, sondern durch die künstlerische Auseinandersetzung. Ich experimentiere gerne, probiere neue Techniken aus und lasse mich auf Materialien ein. Dass das Medium Glas in der zeitgenössischen Kunst heute mehr Aufmerksamkeit bekommt, finde ich spannend. Aber für mich steht immer das Kreative im Vordergrund, nicht das Medium.

Werke von Mahbuba Maqsoodi Foto: Anton Didas

Sie gestalten als Muslimin sakrale Glasfenster für Kirchen. Welche Rolle spielt der Glaube – der muslimische und christliche – in Ihrem Leben?

Dieses Label wurde mir vor allem von den Medien zugeschrieben – vermutlich, weil es gut funktioniert in Schlagzeilen. Ich sehe die Dinge differenzierter. Die monotheistischen Religionen – Islam, Christentum, Judentum – haben viele Gemeinsamkeiten. Es geht um Werte, um Spiritualität, um die Suche nach Sinn. Meine Arbeit bewegt sich in diesen Schnittmengen. Mich interessiert das Verbindende, nicht das Trennende.

Wo finden Sie Inspiration zu Ihrer Kunst? In Musik, Natur, in Gesprächen?

Überall. In Musik, in der Natur, in Gesprächen, in Begegnungen. Oft sind es die kleinen, unscheinbaren Momente, die am meisten auslösen. Inspiration ist nichts, das man erzwingen kann. Sie entsteht aus Aufmerksamkeit aus dem genauen Hinsehen und Zuhören.

Ihre Fenster leben durch ihre energetische Farbe. Haben die Farben eine spirituelle Bedeutung?

Farben sind für mich ein Ausdruck von Vielfalt. Unsere Welt ist nicht monochrom, sie ist vielschichtig, widersprüchlich, lebendig. Gerade an spirituellen Orten entfalten Farben eine besondere Wirkung. Diese Räume tragen Geschichte in sich, man spürt das fast physisch. Das fasziniert mich. Diese Atmosphäre aufzugreifen und in meine Arbeit zu übersetzen, ist ein zentraler Reiz.

Ihr zentrales Lebensthema ist der Aufbruch. Sehen Sie sich auch in Zukunft als Aufbrechende oder ist eine Hinwendung zu einem Ankommen denkbar?

Ich glaube, beides gehört untrennbar zusammen. Bewegung ist wichtig, sie hält uns lebendig. Aber ebenso wichtig ist es, innezuhalten, um nicht die Orientierung zu verlieren. Goethe hat einmal gesagt: „Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Vielleicht ist genau das der Kern: Aufbrechen, ankommen, weitergehen und aus allem etwas schaffen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sie auch nach über 20 Jahren in Deutschland Persisch denken, schreiben und auch träumen. Auf welche Weise prägt diese Sprache Ihre künstlerische Arbeit?

Sprache ist mehr als Kommunikation, sie ist ein Denkraum. Persisch ist die Sprache meiner inneren Bilder, meiner Erinnerungen, meiner Emotionen. Auch wenn ich in einem anderen Land lebe, bleibt diese sprachliche Verankerung bestehen. Sie beeinflusst meine Bildwelten, meine Symbolik, meine Sensibilität für Nuancen. Ich glaube meine Kunst bewegt sich damit zwischen den Welten und genau in diesem Dazwischen entsteht etwas Eigenes.

Zur Lesung wird ein Kurzfilm gezeigt, der die künstlerische Gestaltung von der Skizze bis zum leuchtenden Kirchenfenster zeigt. Tickets können online unter www.kino-kandern.de oder an der Abendkasse für fünf Euro bezogen werden.

Mahbuba Maqsoodi

Die viel beachtete und erfolgreiche Designerin
von Kirchenfenstern wurde 1957 geboren. Mit ihrer Schwester war sie politisch in ihrer Heimat Afghanistan aktiv und setzte sich für die Stärkung der Frauenrechte ein. Im Mittelpunkt ihres Schaffens steht der Mensch. Ausgehend von ihrer eigenen Lebensgeschichte thematisiert sie Fragen von Identität, Aufbruch und Zugehörigkeit.