Nicole Heesters hat den Burghof am Sonntagabend mit großer Schauspielkunst beehrt. Im Foyer verfolgten die Besucher, wie die 89-jährige Schauspielerin aus „Marias Testament“ las.
Den ursprünglich umfangreicheren Roman hat Heesters gekürzt und in ein intensives Kammerspiel verwandelt.
Das Werk des 1955 geborenen irischen Autors ist ein Gegenentwurf zur biblischen Überlieferung: Er erzählt die Passion Christi aus der Perspektive seiner Mutter und lässt Maria als zutiefst weltliche Skeptikerin auftreten. Schon die Gruppe junger Männer, die Jesus um sich schart, betrachtet sie mit Misstrauen – einige könnten „keiner Frau gerade in die Augen sehen“, es seien „alte Kinder“. Schwerer noch wiegt für sie die wachsende Entfremdung von „meinem Jungen“, die in dem berühmten Satz bei der Hochzeit von Kana kulminiert: „Frau, was hab ich mit dir zu schaffen?“
Die Sache mit Lazarus
Die Wunder, von denen sie hört und denen sie teilweise selbst beiwohnt, erfüllen sie keineswegs mit Ehrfurcht, sondern mit Unruhe und Bestürzung. Früh wird der Maria dieser Erzählung klar, dass sich ihr Sohn mit seinem Auftreten und seinen Anhängern in höchste Gefahr bringt.
Heesters gestaltet dieses Wissen mit einer beeindruckenden Spannweite an stimmlichen Farben: mal ruhig und tief erzählend, dann wieder schrill hochfahrend, laut klagend bis zum Schrei, brüchig vor Schmerz.
Konnte Maria die Heilung des Lahmen noch hinnehmen, verwandelt die Wiedererweckung des Lazarus ihr Befremden in pures Entsetzen. Heesters macht aus dieser Passage eine Szene von fast körperlicher Intensität. Wenn sie die Aufforderung „Lazarus, komm heraus“ zitiert und dann mit der Hand auf den Tisch haut, fährt das Publikum zusammen. In der nächsten Sekunde folgt das lapidar und ruhig gesprochene „Und dann stand er auf“, so schlicht wie furchteinflößend.
Mehr als einmal bekommen die Zuhörer an diesem Abend Gänsehaut. Die Schilderung von Marter und Kreuzigung ist von schwer auszuhaltender Eindringlichkeit.
Gänsehautmomente
Dabei lässt die Schauspielerin nie vergessen, dass hinter der biblischen Ikone eine Frau aus Fleisch und Blut steht, die zweifelt, hadert, sich wehrt – und am Ende mit einer Wahrheit leben muss, die ihr von anderen übergestülpt wird. Das Publikum lauscht mucksmäuschenstill und leidet mit dieser gebrochenen, eigensinnigen Maria mit, die am Ende zu der bitteren Einsicht gelangt, dass diese Welt der Erlösung gar nicht würdig sei.
Heesters braucht an diesem Abend nur selten einen Blick auf ihre Blätter zu werfen; sie kennt den Text in- und auswendig. Kein Wunder: Die Künstlerin, die 1953 ihren ersten Film drehte, 1978 als erste „Tatort“-Kommissarin Fernsehgeschichte schrieb, auf allen großen Bühnen arbeitete und mit namhaften Regisseuren viele Rollen der Weltliteratur gestaltete, hat „Marias Testament“ als Theaterstück bereits viele Male an den Hamburger Kammerspielen gespielt. Für die Lesung braucht sie nur noch den Text, um vollendetes Theater entstehen zu lassen.